Um mein Pokalwochenende mit Mannheim, Trier und Krieschow wirklich vollständig zu machen, musste am Montag natürlich noch ein Spiel her. Rein fürs Ego.
Eigentlich hätte Halle gegen Schalke perfekt gepasst. Ich war familiär bedingt vormittags ohnehin schon in der Händelstadt. Freundschaftliche Verpflichtungen, ein größerer Reisetross und die Chance auf mehrere Karten schoben die Planung dann aber doch ins Berliner Westend.
Also Stadion auf dem Wurfplatz. Da hatte man als Hopper schon den einen oder anderen U19- oder U23-Gammel gesehen, aber noch nie so richtig ein großes Spiel. Zumindest redet man sich solche Entscheidungen unter Groundhoppern genau so schön.
Heimspiel irgendwo in Berlin
Der Wurfplatz im Olympiapark war früher häufiger Austragungsort des DFB-Pokalfinals der Junioren. Inzwischen liegt dieses Finale in Babelsberg, was atmosphärisch wahrscheinlich sogar die bessere Lösung ist. Mehr Leute, ebenso enges Stadion und weniger das Gefühl, zwischen Trainingsplatz und Olympiaglocke zu spielen.
Trotzdem hat der Wurfplatz seinen Reiz. Klein, offen, nah dran, Flutlicht, Berliner Olympiapark drumherum. Für ein Pokalspiel gegen Wolfsburg passte das erstaunlich gut. Bei 5.000 Zuschauern, vielen Hoppern, Neutralen und genug Berliner Eventpöbel entstand sogar eine ziemlich brauchbare Atmosphäre.
Altglienicke selbst ist ohnehin ein eigenes Thema. Der Verein kommt aus dem Südosten Berlins, spielt inzwischen aber seine Regionalliga-Heimspiele im Friesenstadion in Fürstenwalde – für einen Berliner Klub schon eine ziemlich absurde Entfernung.
Dass das Pokalspiel dann wiederum im Westen der Stadt stattfand, passte fast schon zur Geschichte. Der Platz in Fürstenwalde erfüllte wegen seiner Spielfeldlänge nicht die Anforderungen für diese Pokalpartie. Also einmal quer durch Berlin.
Berlin bekommt es seit Jahren nicht hin, für Vereine dieser Größenordnung eine wirklich passende kleine Spielstätte bereitzustellen. Irgendwann soll der Jahnsportpark wieder helfen. Also wahrscheinlich dann, wenn wir alle in der Seniorenresidenz wohnen.
So schön das Friesenstadion als Ausweichlösung ist, so schräg bleibt die VSG als Projekt. Ich habe selbst schon unter der Woche Regionalligaspiele im Jahnsportpark vor einer Zuschauerzahl gesehen, die man fast per Handschlag hätte begrüßen können.
Dazu Thorsten Mattuschka als prominentes Gesicht des Ganzen: Kindheitsheld, Union-Legende, TV-Experte und nun Teil eines Vereins, der sportlich deutlich ambitionierter auftritt, als es seine öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.
Altglienicke hatte im Sommer ordentlich aufgerüstet. Gegen Wolfsburg wirkte das deshalb auch nicht wie ein normaler Viertligist, der zufällig einen guten Pokaltag erwischt hatte.
Wolfsburg lässt die Chance liegen
Vorher war für mich vor allem der Gästeblock interessant. Wolfsburg ist aus Berlin-Westend nun wirklich keine Weltreise. Dazu ein Stadion, in dem die VfL-Szene so vermutlich noch nie gestanden hatte: klein, offen, extrem nah am Geschehen und damit eigentlich perfekte Bedingungen für eine überschaubare, aber aktive Szene.
Nach dem Abstieg hätte ich mir ehrlich gesagt etwas mehr erhofft. Ein bisschen Neustartgefühl, loyaler Auswärtsmob, neue Liga, neue Fahrten und vielleicht sogar eine kleine Renaissance.
Der Start war ordentlich. Eine saubere Choreo mit Fahnen, Pappen, Zeichnungen rechts und links und dem Zinnenwappen als zentralem Element. Ein bisschen Rauch oder Blinker hätten dem Bild noch gutgetan, aber der Ansatz passte.
Danach blieb es dünner als erwartet. Die aktiven Wolfsburger bemühten sich, mal waren es vielleicht 50, mal 150 Leute, die wirklich mitzogen. Der Funke sprang aber kaum auf den Rest über.
Gerade in diesem kleinen Stadion hätte man mit überschaubarer Masse richtig Eindruck machen können. Stattdessen wurde das Liedgut relativ schnell abgearbeitet, ohne dass daraus dieser Sog entstand, den solche Blöcke manchmal entwickeln.
Schlecht war es nicht. Aber für die Voraussetzungen war es enttäuschend.
Noch weniger Verständnis hatte ich für einige Stehnachbarn auf der Heimseite. Fabian Reese wurde bei jedem Ballkontakt gepfiffen und beschimpft. Pöbeln gehört an so einem Abend irgendwie dazu. Wenn man gleichzeitig 90 Minuten erklärt, wie schlecht die Wolfsburger singen und wie hässlich deren Choreo sei, selbst aber außer ein paar VSG-Rufen nicht besonders viel anbietet, wird es irgendwann etwas anstrengend.
Die VSG-Mannschaft hatte dagegen wirklich etwas anzubieten. Altglienicke legte sich nicht 120 Minuten in den Strafraum und hoffte auf ein Wunder, sondern spielte mutig, strukturiert und mit genug Qualität, um Wolfsburg immer wieder richtig weh zu tun.
Rundherum blieb es angenehm halbprofessionell. Der Einlass wirkte stellenweise so, als hätten die Scanner eher symbolischen Charakter. Natürlich nur eine Behauptung. Wir haben keine Evidenz. Zwinker, zwinker.
Die Essensstände standen außerhalb der eigentlichen Stadiontore und funktionierten dafür erstaunlich gut. Schnell, ausreichend Auswahl – nur die Preise hatten stellenweise eher Olympiastadion als Wurfplatz gesehen. Sieben Euro für eine Bulette ist schon selbstbewusst.
Dreimal geführt, fast gewonnen
Sportlich wurde es dann komplett irre. Altglienicke ging dreimal in Führung. Wolfsburg kam dreimal zurück. Nach 90 Minuten stand es 2:2, nach Verlängerung 3:3. Hauke Wahl rettete Wolfsburg in der 117. Minute überhaupt erst ins Elfmeterschießen.
Für neutrale Zuschauer war das natürlich ein Geschenk. Für Wolfsburger Nerven wahrscheinlich eher ein Kündigungsgrund.
Und dann verschoss ausgerechnet Fabian Reese seinen Elfmeter. Der Mann, der vorher schon dauerhaft gepfiffen worden war. Natürlich. Fußball schreibt manchmal wirklich billig, aber effektiv.
Altglienicke hatte anschließend sogar den Matchball. Sven Sonnenberg konnte die Sensation klarmachen, scheiterte aber. Danach kippte das Elfmeterschießen doch noch zu Wolfsburg. 5:6 im Shootout, 8:9 in der offiziellen Gesamtdarstellung.
Wolfsburg weiter. Altglienicke raus. Aber ganz sicher nicht klein.
Witzig war noch, dass bei einem VSG-Tor plötzlich Kinder auf den Platz rannten, weil sie offenbar dachten, das Ding sei durch. Erst einmal kümmerte sich niemand so richtig darum. Passte zu diesem Abend: halb professioneller Pokalrahmen, halb Berliner Sportplatzlogik.
Auch die Geografie des Elfmeterschießens sorgte für Unterhaltung. Geschossen wurde auf die einzige Seite des Stadions, auf der keine Zuschauer standen. Der Herr vor mir nahm das persönlich. Sehr persönlich. Auch beim fünften Schuss war die Sache für ihn noch nicht verarbeitet.
Wolfsburgs Trainer Tobias Strobl hatte ebenfalls seinen eigenen Abend. Seine Jubelreaktionen wirkten zeitweise deutlich nervöser, als man es beim Favoriten erwartet hätte. Nachher gab er selbst zu, dass ihn diese Partie ordentlich mitgenommen hatte.
In unserem Block stieg mit der Spielzeit der Pegel. Das Assi-Level wurde höher, die Kommentare direkter – und irgendwann war es genau diese Mischung aus Pokaldrama, Berliner Pöbelei und Montagabendbier, die den Wurfplatz für ein paar Stunden deutlich größer wirken ließ, als er eigentlich ist.
Am Ende ging es zu Fuß zurück über den Olympiapark Richtung Autos und S-Bahn. Für mich danach weiter mit Zug und Flixbus zurück in die niederländische Wahlheimat.
Vier Pokalspiele in einem Wochenende: Mannheim, Trier, Krieschow, Altglienicke. Der Abschluss im Westend war sportlich wahrscheinlich sogar das größte Spektakel: 3:3 nach Verlängerung, Elfmeterschießen, Matchball für den Viertligisten, Reese-Fehlschuss und Wolfsburg am Rand der Blamage.
Aus Fankultur-Sicht blieb bei mir trotzdem vor allem hängen, wie viel mehr in diesem kleinen Wolfsburger Gästeblock möglich gewesen wäre.



