Eigentlich war ich mit Algerien für diese Saison durch.
Ein paar Monate zuvor war ich schon bei Mouloudia Alger und später bei JS Kabylie gegen Al Ahly gewesen. Vor allem war ich bei der algerischen Botschaft wahrscheinlich häufiger Thema, als es für ein normales Hobby gesund sein dürfte.
Trotzdem kamen seitdem fast jede Woche Nachrichten aus Algerien.
„Wann kommst du wieder?“ „Bruder, nächstes Spiel musst du kommen.“ „MCA wird Meister, du musst dabei sein.“ „USMA vielleicht Finale, du musst kommen.“
In Algerien ist „Du musst kommen“ keine höfliche Einladung. Es liegt irgendwo zwischen Gastfreundschaft, Befehl und familiärer Verpflichtung.
Also beobachtete ich den CAF Confederation Cup zunehmend nervös. In den Halbfinals standen plötzlich zwei Teams aus Algier mit realistischen Chancen aufs Finale. Kurz sah es sogar danach aus, als könnte man innerhalb weniger Tage zwei internationale Topspiele mit Gästefans sehen, dazu Ligafußball und vielleicht noch ein Derby.
Der Confederation Cup ist grob die kleine Schwester der afrikanischen Champions League. Also ungefähr die Europa League Afrikas – nur mit weniger Gefühl, dass jede Reform aus einer PowerPoint-Präsentation von Menschen stammt, die Fußball für ein Marktsegment halten. Mit nur 16 Mannschaften in der Gruppenphase tauchen dort Namen auf, bei denen man als Groundhopper automatisch ein bisschen unruhig wird: Zamalek, USMA, Wydad Casablanca, Kaizer Chiefs, Al Masry.
Am Ende wurde es nicht die ganz große algerische Doppellösung. Dafür stand USM Alger im Finale gegen Zamalek. Algerien gegen Ägypten. Zwei der großen Fußballnationen des Kontinents und zumindest die Aussicht auf einen brauchbaren Gästeblock.
Parallel wurde in Oran das große Westalgerien-Derby gespielt. MC Alger konnte außerdem die zehnte Meisterschaft der Vereinsgeschichte klarmachen.
Groundhoppertechnisch fielen an diesem Wochenende Weihnachten, Ostern und billige Vueling-Flüge auf denselben Tag.
Klar war also: Ich musste irgendwie hin.
Warum ich schon wieder nach Algerien musste
Rein geografisch liegt Algerien so nah an Europa, dass man meinen könnte, man müsse nur einmal kräftig über das Mittelmeer niesen.
Praktisch steht zwischen einem und der spontanen Fußballreise allerdings ein kleines Wort:
Visum.
Zwischen Halbfinale und Finale lagen knapp 20 Tage. Für normale Menschen genug Zeit, um sich mental auf ein Fußballspiel einzustellen. Für jemanden, der ein algerisches Visum braucht, eher ein sportliches Großereignis mit offenem Ausgang.
Also hatte ich bereits einen Monat zuvor das getan, was jeder vernünftige Mensch macht, wenn eine Reise eigentlich viel zu kompliziert erscheint: Ich war zur algerischen Botschaft in Den Haag gefahren.
Zum Glück liegt die relativ nah an meinem Wohnort. Dort versuchte ich einem jungen Mitarbeiter zu erklären, warum diese Visasache für mich persönlich ziemlich beschissen ist. Er war offenbar nicht weniger fußballbegeistert als ich, was emotional half, rechtlich aber natürlich nur begrenzt.
Solange ich nicht offiziell für eine algerische Firma arbeite oder in eine algerische Familie einheirate, könne er nicht sonderlich viel machen. Beides war zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht finalisiert.
Ein Einladungsschreiben hätte ich dagegen wahrscheinlich in wenigen Minuten organisieren können. Bei meiner vorherigen Reise hatte mir gefühlt halb Alger angeboten, mich einfach offiziell einzuladen.
Immerhin bekam ich ein paar Tipps und die Hoffnung, dass die Bearbeitung vielleicht auch schneller als die üblichen zwei Wochen funktionieren könnte.
Das Problem war nur: Für die eigentliche Beantragung gab es in Den Haag einen ziemlich langen Vorlauf.
Also sicherte ich mir nachts vorsorglich mehrere mögliche Termine im Online-System und sagte sie jeweils kurz vorher wieder ab, wenn klar wurde, dass sie nicht passten. Eine organisatorische Leistung, die ziemlich deutlich zeigt, dass mein Leben zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vollständig unter Kontrolle war.
Am Dienstag nach den Halbfinals stand fest: USMA spielt das Finale.
Meine Unterlagen lagen längst bereit. Also radelte ich zur Botschaft und erzählte meiner Arbeit irgendeine absolute Bullshitgeschichte, warum ich spontan ein paar Stunden verschwinden musste.
Diesmal funktionierte alles erstaunlich problemlos.
Keine großen Fragen. Keine Grundsatzdiskussion. Dafür ein freundliches Dankeschön für meine Fünf-Sterne-Bewertung bei Google.
Bis dahin wusste ich nicht, dass Google-Bewertungen für Botschaften eine Rolle spielen. Aber wenn mir eine Behörde mein Visum schneller gibt, weil ich sie online wie einen Dönerladen in Neukölln bewerte, bin ich natürlich bereit, mich diesem System anzupassen.
Einen Tag vor Abflug musste ich noch einmal zur Abholung antreten. Die Nächte davor bestanden entsprechend aus Vorfreude und der durchaus realistischen Angst, dass aus irgendeinem absurden Grund doch noch alles auseinanderfällt.
Besonders praktisch: Den Anschlussflug nach Südafrika zum Champions-League-Finale hatte ich längst gebucht. Wenn Algerien nicht funktioniert hätte, wäre nicht nur dieses Spiel, sondern gleich die komplette Route geplatzt.
Aber es klappte.
Und so ging es wieder ins Paris am Mittelmeer.
Algier empfing mich erneut mit dieser schwer zu beschreibenden Mischung aus Meer, Beton, Schönheit, Chaos, Wärme, Überforderung und Menschen, die einen nach fünf Minuten behandeln, als würde man seit Jahren zur Familie gehören.
Für das Finale fehlte mir allerdings noch eine Kleinigkeit.
Eine Eintrittskarte.
Das Spiel war schnell ausverkauft. Ohne algerische Kreditkarte half mir der Onlineverkauf ungefähr so viel wie ein niederländischer Stadionordner bei einer marokkanischen Pyroshow.
Eigentlich war das kein Problem. Über meinen mittlerweile fast legendären Kontakt in London hätte ich gemeinsam mit einem Journalisten ins Stadion gehen können.
Am Tag vorher sagte dieser Journalist ab.
Damit stand ich erst einmal ohne Karte da.
Mein Freund in London war davon beeindruckend wenig beunruhigt. Am Spieltag bekam ich lediglich noch eine Nachricht:
„Nimm deinen Reisepass mit. Irgendwie kommst du schon rein.“
Anschließend legte er sich zum Mittagsschlaf und war nicht mehr erreichbar.
Schöne Scheiße.
Ohne Ticket durch zehn Stadiontore
Schon fünf Stunden vor Anpfiff war rund ums Stadion die Hölle los.
Von außen konnte man hören, wie die bereits volle Kurve im Inneren zu Gesängen ansetzte. Das beruhigt eine Menge von Menschen, die draußen noch irgendwie hineinwill, naturgemäß nur bedingt.
Als offensichtlich einziger Europäer mit rotem Reisepass, Kamera und keinem brauchbaren Plan durch diese Masse zu laufen, war wieder eine Geschichte für sich.
Kontrollen. Absperrungen. Polizeiketten. Junge Männer in meinem Alter, die es ohne Karte erstaunlich weit Richtung Eingang geschafft hatten und dort von Beamten wieder weggetragen wurden.
Und mittendrin ich.
Am ersten Drehkreuz wurde nicht lange diskutiert.
Völlig falsch.
Ich solle lieber schnell verschwinden.
Immerhin wurde ich nicht weggetragen. Stattdessen schickte man mich einfach ein Tor weiter nach links.
Dort wieder dasselbe.
Tor. Diskussion. Reisepass zeigen. Ratlose Blicke. Noch weiter nach links.
Das wiederholte sich ungefähr zehnmal.
Irgendwann erreichte ich den Medien- und Journalisteneingang. Dort ging es allerdings auch nicht sonderlich schnell. Schließlich stand ich vorne an einem großen verschlossenen grünen Tor und wusste zumindest eines: Wenn ich jetzt wie einige Journalisten um mich herum anfange, Rabatz zu machen, wird es garantiert nichts.
Nach ungefähr 25 Minuten bemerkte ich auf der anderen Seite des Tores einen ziemlich wichtigen Mann, der mit Polizei und CAF-Leuten diskutierte.
Und genau diesen Mann kannte ich.
Bei meinem ersten Besuch in Algier hatte er mich bereits ausgefragt und mir beim Reinkommen geholfen. Einen Tag vor diesem Finale war er mir bei Mouloudia wieder über den Weg gelaufen, begrüßte mich freudig und erzählte, dass er meinen Facebook-Artikel gelesen habe. Irgendjemand hatte den wohl ins Arabische übersetzt und weiterverbreitet.
Nun stand er plötzlich hinter diesem grünen Tor.
Als er mich sah, schaute er mich an wie einen Geist.
Was machst du denn schon wieder hier?
Ich schrieb in meinen Übersetzer:
„Mein Freund meinte, hier wird mir geholfen.“
Mir war es tatsächlich ziemlich unangenehm, schon wieder die Hilfe dieses Mannes in Anspruch nehmen zu müssen.
Er nickte nur.
„Yes, yes. I am your friend.“
Dann hieß es warten.
Mein Reisepass wanderte durch verschiedenste Hände. Ich durfte gefühlt sämtliche Verantwortlichen dieses Abends kennenlernen. Mehrere erzählten mir, dass ihr Chef der Beste sei und ich ihn doch bitte mit nach Deutschland nehmen solle.
Nach einer weiteren halben Stunde ging es schließlich mit einer Handvoll anderer Ausländer und Eskorte durch das Stadion. Europäische Passhalter mit offensichtlich ägyptischem Bezug, vorbei an Kontrollpunkten, durch Gänge und an Polizisten vorbei.
Bis zu einem Block neben dem Pressebereich, geschützt von wirklich hunderten Beamten.
Und dann war ich drin.
Im Stade du 5 Juillet 1962.
White Knights, USMA und ein Stadion am Anschlag
Das Stade du 5 Juillet trägt den Tag der algerischen Unabhängigkeit von Frankreich im Namen und gehört zu den beeindruckendsten Stadien, die ich bisher besuchen durfte.
Viele große Fußballstadien erinnern ein bisschen an antike Arenen. Dieses Ding kommt meiner Vorstellung davon ziemlich nahe.
Steil, rund, offen, massiv. Keine saubere moderne Eventschüssel irgendwo zwischen Autobahnabfahrt und Möbelhaus, sondern ein riesiger Betonbau, der sichtbar Teil einer Hauptstadt ist.
Dazu diese Lage mitten in Algier.
Mouloudia spielte lange hier, bevor der Verein sein neues Stadion bezog. Heute nutzt unter anderem USMA die riesige Schüssel. Bei normalen Spielen bleibt der Oberrang allerdings oft geschlossen und das Stadion wirkt für die tatsächliche Zuschauerzahl fast absurd groß.
An diesem Abend nicht.
Die Hütte war voll.
Auch mein etwas eigenartiger Block füllte sich zunehmend. Dort saßen einige Chinesen, die offenbar in Algerien arbeiteten und Arabisch sprachen, viele Ägypter, darunter Leute mit Al-Ahly-Jacken, und Menschen aus dem Umfeld der Zamalek-Szene und der ehemaligen Ultras White Knights.
Offenbar kamen einige aus der ägyptischen Diaspora in Frankreich, England, Deutschland und anderswo.
Und ich.
Bei Futbology war ich später tatsächlich der einzige Check-in bei diesem Spiel. Weniger Auszeichnung als ziemlich gutes Indiz dafür, wie kompliziert der Weg hierher gewesen war.
Gerade das Umfeld der White Knights machte den Block für mich besonders interessant.
Die Gruppe gehört zu den großen Namen der arabischen Fankultur, auch wenn sie offiziell längst nicht mehr so existiert wie früher. Nach den politischen Umbrüchen ab 2011 gerieten Ultras in Ägypten immer stärker in Konflikt mit Staat und Sicherheitsbehörden. Die White Knights wurden 2015 verboten und erklärten drei Jahre später ihre offizielle Auflösung.
Dazu kommt der 8. Februar 2015. Bei einem Zamalek-Spiel kam es an einem engen, eingezäunten Zugang zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, Tränengaseinsatz und einer Paniksituation. Mindestens 20 Menschen starben; je nach Quelle werden unterschiedliche Opferzahlen genannt.
Diese Vergangenheit erklärt zumindest teilweise, warum ehemalige Ultrasstrukturen heute deutlich vorsichtiger und oft weniger offen auftreten.
Trotzdem scheint sich in Ägypten wieder etwas zu bewegen. Bei internationalen Spielen sieht man sowohl bei Zamalek als auch bei Al Ahly wieder große und aktive Kurven – vorausgesetzt, man hat vorher das dortige Ticket- und Registrierungssystem durchdribbelt.
Das wirkt ein bisschen wie ein System, das von denselben Menschen entworfen wurde, die auch gerne Flughafenkontrollen um vier Uhr morgens optimieren.
Auf der Heimseite lief unterdessen schon lange vor Anpfiff ordentlich Betrieb.
Teilweise sangen einzelne Gruppen für sich. Dann wiederum kamen diese Momente, in denen plötzlich das ganze Stadion gleichzeitig durchdrehte.
Genau das macht algerische Fankultur für mich so besonders. Nicht, weil immer alles perfekt koordiniert wäre. Sondern weil die Energie plötzlich aus einem kompletten Stadion kommen kann und nicht ausschließlich aus einem sauber abgegrenzten Stimmungsblock.
An diesem Abend zeigte sich allerdings auch die andere Seite.
An verschiedenen Stellen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Fans desselben Vereins. Fackeln und andere Gegenstände flogen in angrenzende Bereiche, es gab Gedränge und körperliche Auseinandersetzungen.
Irgendwann gab das der Polizei offenbar genug Anlass, ihre bis dahin relative Zurückhaltung aufzugeben.
Beamte gingen in mehrere Blöcke und blieben dort.
Danach wurde der Support deutlich schwächer und zerfiel stärker in einzelne Bereiche.
Seit der Auflösung der großen Gruppe Ouled El Bahdja 2022 scheint bei USMA ohnehin nicht völlig geklärt zu sein, wie die Kurve künftig organisiert werden soll. Eine größere Gruppe beteiligte sich an diesem Abend offenbar auch nicht an der gemeinsamen Choreografie.
Nach Abpfiff wurden verschiedene Gruppen sogar mit Blocksperren belegt und zeitversetzt aus dem Stadion geführt, teilweise mit deutlichem Abstand, um weitere Begegnungen zu vermeiden.
Viele Bilder davon habe ich bewusst nicht gemacht.
Zum einen hatte ich der Polizei an diesem Tag einiges zu verdanken. Zum anderen starrten gefühlt zwanzig Augen auf meinen Bildschirm, sobald ich Kamera oder Handy hob. Ich wollte wirklich vermeiden, dass irgendjemand auf die Idee kommt, ich sei nur angereist, um schlechte Presse zu produzieren.
Dann kam endlich das Intro.
Die CAF-Hymne lief, unten im Unterrang entstand ein südamerikanisch angehauchtes Chaos aus Fackeln, Rauch, Luftballons, langen Spannfahnen und Konfetti.
Gleichzeitig entwickelte sich im riesigen Oberrang langsam eine Zettelchoreografie.
In der 30. Minute folgte der nächste Teil. Fahnen in Vereinsfarben, Pyro im gesamten Rund und ein Stadion, das zumindest kurz eher Vulkan als Sportstätte war.
Der schwarze Bereich am rechten Ende, der ohnehin sein eigenes Programm gefahren hatte, zeigte später Spruchbänder, schoss drei riesige Raketen in den Himmel und böllerte auf eine Weise herum, die man in Deutschland wahrscheinlich anschließend in einem 47-seitigen Sicherheitsbericht auswerten würde.
Bei uns im Bereich der Gäste wurde in der Schlussphase ebenfalls ordentlich abgefackelt.
Sportlich war das Finale bis dahin wesentlich weniger spektakulär.
Zamalek spielte im Grunde auf ein Ergebnis, mit dem man zufrieden nach Kairo zurückreisen konnte. Aus ihrer Sicht durchaus nachvollziehbar: In Algier nicht verlieren und das Rückspiel vor eigener Kulisse entscheiden.
USMA wiederum schaffte es trotz Heimvorteil nicht, dauerhaft Druck aufzubauen.
Der Support der Zamalek-Leute war ordentlich und konstant, allerdings mit vergleichsweise einfachen Liedern. USMA war als Gesamterlebnis beeindruckend, während der eigentliche Support in den 90 Minuten gemessen an dem, was vor und nach dem Spiel passierte, eher durchwachsen blieb.
Bis die Partie plötzlich beschloss, doch noch komplett zu eskalieren.
Vom 0:1 zum 1:0 in 90+8
Der eingewechselte Juan Bezerra startete einen starken Sololauf, setzte sich durch und schob den Ball ins Tor.
Die Zamalek-Spieler rannten direkt zu unserem Block.
Bei uns brach völlige Ekstase aus.
Menschen sprangen, schrien und fielen sich in die Arme. Für einen Moment sah es danach aus, als hätte Zamalek genau diesen einen Stich gesetzt, auf den sie den gesamten Abend gewartet hatten.
Dann griff der VAR ein.
Während die Spieler noch feierten, wurde die Entstehung des Angriffs überprüft. Dabei fiel ein Handspiel auf.
Das vermeintliche 0:1 wurde zurückgenommen.
Damit allerdings nicht genug.
Aus dem vermeintlichen Führungstor für Zamalek wurde plötzlich ein Elfmeter für USMA.
Das muss man aus Sicht unseres Blocks erst einmal verarbeiten.
Du feierst gerade einen späten Treffer in einem internationalen Finale. Ein paar Minuten später zeigt der Schiedsrichter auf der anderen Seite auf den Punkt.
Die Zamalek-Spieler rasteten verständlicherweise komplett aus. Mahmoud Bentayg sah wegen seiner Proteste Rot.
Im Stadion explodierte endgültig alles.
Dann trat Ahmed Khaldi an.
90+8.
Ein Schritt.
Schuss.
Tor.
1:0 USM Alger.
Ich stand auf Höhe des USMA-Tores ziemlich weit unten.
Und plötzlich regnete praktisch sämtlicher Stadioninhalt in unsere Richtung: Choreomaterial, Fahnenstangen, Wasserflaschen, Essen, Steine und einige Gegenstände, deren Herkunft und ursprünglicher Verwendungszweck sich mir bis heute nicht erschließen.
Mit meiner Kamera setzte ich zum Sprint an.
Gebrauch von meiner Reiseversicherung wegen einer Gehirnerschütterung wollte ich an diesem Abend dann doch nicht mehr machen.
Das war wieder einer dieser Momente, in denen man sich fragt, warum man eigentlich nicht einfach Briefmarken sammelt.
Nach Abpfiff war das Stadion natürlich noch lange nicht fertig.
USMA feierte. Zamalek diskutierte. Die Polizei sortierte. Unser Bereich bekam eine längere Blocksperre.
Dadurch blieb genug Zeit, die Feiern zu beobachten und langsam zu begreifen, was an diesem Abend eigentlich alles passiert war.
Ich war ohne Karte angereist, mit meinem Reisepass durch gefühlt zehn Eingänge geschickt worden und über irgendein grünes Tor schließlich doch ins Stadion gekommen.
Dann ein CAF-Finale in einem der beeindruckendsten Stadien meiner bisherigen Reisen. Ägyptische Diaspora-Ultras im eigenen Block. Interne Konflikte auf der Heimseite. Choreos, Pyro, Polizei.
Erst das vermeintliche späte 0:1 für Zamalek gefeiert.
Dann in der 98. Minute das 1:0 kassiert.
Während der Blocksperre kam ich noch mit zahlreichen Ägyptern ins Gespräch, die mir viel über ihre Fangruppen erzählten. Dazu mit Journalisten, von denen ich an diesem Abend wahrscheinlich mehr über nordafrikanische Fankultur lernte als aus vielen Artikeln zuvor.
Irgendwann kam sogar einer der Verantwortlichen noch einmal persönlich vorbei und erkundigte sich, ob alles zu meiner Zufriedenheit verlaufen sei.
Das muss man sich eigentlich auch erst einmal vorstellen.
Ich war ohne Karte, mit Reisepass und deutlich zu viel Optimismus irgendwie in dieses Stadion geraten. Um mich herum liefen CAF-Finale, Ultras, interne Kurvenkonflikte, VAR-Wahnsinn und Polizeieskorten gleichzeitig.
Und am Ende fragt mich jemand höflich, ob alles gepasst hat.
Ja, Bruder.
Hat gepasst.



