Auf dieser Seite wird ja in regelmäßigen Abständen damit gehadert, dass es mich beruflich und familiär irgendwann aus Ostdeutschland in die Niederlande verschlagen hat.
Ein Land, das vieles kann: Fahrradwege, Frituur, direkte Kommunikation und überteuerte Supermärkte. Fankultur steht für mich eher nicht ganz oben auf dieser Liste.
Natürlich gibt es auch hier gute Tage, gute Gruppen und spannende Eigenheiten. Wer aus Deutschland kommt und gewohnt ist, dass selbst tief gefallene Traditionsvereine in Regionalliga, Oberliga oder darunter noch eigene kleine Szenen und Geschichten mitbringen, muss in den Niederlanden aber schnell zum Rosinenpicker werden.
Genau so eine Rosine versprach diesmal die Bossche Bombonera in Den Bosch zu werden.
Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende aus Delmenhorst berichten. Weil das dortige Spiel ohne Gästefans stattfand, blieb ich stattdessen in den Niederlanden – bis der Aufruf der aktiven Fans von Den Bosch auftauchte: Bossche Bombonera.
Ein bisschen Argentinien in der KKD
Zum vierten Mal in Folge wurde zum Saisonauftakt ein südamerikanisch angehauchter Spieltag organisiert. Die Idee entstand 2023 rund um ein eher graues Heimspiel gegen Jong PSV und wird vor allem von der Duketown Crew gemeinsam mit der Stichting M-Side und weiteren Fans getragen.
Vorbild ist natürlich Südamerika, namentlich Boca Juniors und die berühmte La Bombonera. Den Bosch macht daraus aber keine 1:1-Kopie. Es bleibt blau-weiß – nur eben mit Konfetti, Fahnen, langen Bändern und ziemlich viel Blasmusik.
Und ganz ehrlich: Noch trister als das Dasein eines Groundhoppers in den Niederlanden muss manchmal nur das Fandasein eines KKD-Clubs sein. Zweitvertretungen, kleinere Profivereine und viele Ansetzungen, bei denen man schon beim Lesen leicht müde wird. Dass sich eine Fanszene dort eigene Höhepunkte schafft, ist deshalb umso wichtiger.
In Deutschland ist es fast selbstverständlich, dass aktive Szenen ganze Spieltage mitgestalten. In den Niederlanden wirkt es schon besonderer, wenn nicht nur gesungen wird, sondern ein kompletter Rahmen entsteht – und der Verein das Ganze auch noch sichtbar unterstützt.
Den Bosch selbst liefert ohnehin genug Stoff. Platzstürme, die berühmte 0:13-Niederlage gegen Zwolle, der Drache im Vereinswappen und die jahrzehntelange Fanfreundschaft mit Standard Lüttich, die im Frühjahr 2026 offiziell beendet wurde. Heute ging es aber vor allem um die eigene Kurve.
Unsere Sitzplatzkarte kostete dank Bombonera-Rabatt nur acht Euro. Die Cola aus der Plastikflasche später sechs. In den Niederlanden, wo sonst gefühlt selbst der Schatten im Stadion extra kostet, war zumindest das Ticket fast schon ein Versehen.
Blasmusik statt Hochglanz
Nicht nur die M-Side war geschmückt – jene alte Gegengerade, auf der die aktiven Fans stehen und die als eines der letzten echten Überbleibsel des früheren Stadions noch viel Charakter hat. Auch unser Bereich war mit Fahnen und langen argentinisch angehauchten Stoffbahnen dekoriert.
Dazu liefen südamerikanische Rhythmen aus den Boxen, es gab Desperados als Bier und im Heimblock stand eine rund zwanzigköpfige Kapelle, die schon vor Anpfiff ordentlich Betrieb machte.
Genau diese Kapelle wurde später zum Kern des Tages. Zum Einlaufen gab es ein klassisches Chaos-Intro mit Fahnen, Konfetti, Luftschlangen und sehr viel Bewegung.
Aus deutscher Sicht kennt man solche Argentinien-Intros natürlich noch aus der jungen Ultrazeit. Ein bisschen Retro, ein bisschen frühe 2000er, als Müllbeutel und Luftschlangen noch völlig selbstverständlich als Kurvenkunst durchgingen.
Deutschland ist da vielleicht 15 Jahre weiter. Aber gerade deshalb hatte es hier Charme.
Gemixt mit dem eher casualen und etwas englisch geprägten Supportstil der Bosschenaren entstand ein ziemlich eigener Anblick: locker, bunt und gut gelaunt, ohne krampfhaft so tun zu wollen, als stünde man wirklich in Buenos Aires.
Vorne am Podest wechselten sich immer wieder Leute ab, die den Block zur Blasmusik anheizten. Niederländische Lieder bekamen Kapellenbegleitung, zwischendurch tauchten südamerikanische Klassiker auf. Nach dem 1:0 und dem kollektiven Entkleiden der Tribüne wurde die Sache zunehmend besser.
Almere macht sein eigenes Ding
Auf der Gegenseite zeigte auch Almere City einen stabilen Auftritt. Gerade diese Szene finde ich interessant: junge Stadt, noch jüngerer Verein und trotzdem eine Gruppe, die sich deutlich stärker am Ultra-Modell orientiert als vieles andere im niederländischen Profifußball.
Klein, aber bewusst. Nicht riesig, aber mit eigenem Stil.
Besonders stark war eine Blockfahne zum Gedenken an einen Verstorbenen. Dazu hing dauerhaft eine Anti-PDT-Fahne. PDT steht für Persoonlijke Digitale Toegang – ein persönliches digitales Zugangssystem für Stadiontickets, das in den Niederlanden eingesetzt und von vielen aktiven Fans kritisch gesehen wird.
Außerdem gab es einen Gruß an die befreundete Gruppe aus Mons.
Weniger gelungen war dagegen die Pyroaktion. Die Idee war eigentlich gut: große Doppelhalter mit den Buchstaben der Stadt, Vereinslogo, rot-schwarzer Rauch und Blinker.
In der Umsetzung dauerte das Anzünden zu lange, der Wind zog den Rauch gnadenlos aus dem Block und bei strahlendem Sonnenschein wirkten die Blinker ungefähr wie eine Taschenlampe am Strand.
Es war gut gemeint. Aber vielleicht auch die schlechteste Pyroaktion, die ich bisher gesehen habe. Gerade deshalb fast schon wieder sympathisch.
Sportlich war das 1:1 am Ende eher Nebensache. Den Bosch mit viel Energie, Almere mit eigener Qualität – der eigentliche Reiz lag auf den Rängen. De Vliert war gut gefüllt, die Sonne passte, die M-Side lebte und der Gästeblock brachte eigene Themen mit.
Ganz ohne bitteren Beigeschmack ging es aber nicht. Als Almere Banner gegen Einschränkungen aktiver Fankultur zeigte, wurde von Teilen der Heimseite mit Pfiffen und homophoben Gesängen reagiert.
Und genau da liegt für mich eines der Grundprobleme niederländischer Fankultur: Es fehlt oft an Solidarität. Heute trifft es den Gästeblock, nächste Woche vielleicht den eigenen. Trotzdem wird häufig gepfiffen oder gelacht, wenn andere Szenen gegen Maßnahmen protestieren, die einen selbst bald ebenfalls betreffen können.
Die Bossche Bombonera war deshalb kein perfekter südamerikanischer Hexenkessel, keine argentinische Kopie und kein neuer Ultra-Meilenstein.
Aber sie war ein liebevoll gestalteter Spieltag, der zeigte, was möglich ist, wenn Fans und Verein gemeinsam aus einem normalen KKD-Spiel etwas Eigenes machen.
Für niederländische Verhältnisse war das schon ziemlich viel. Und genau deshalb hat sich der Ausflug nach Den Bosch gelohnt.



