Mittlerweile darf sich in den Niederlanden so ziemlich alles Derby nennen, was innerhalb einer Provinz stattfindet. Gleichzeitig wurden einige der wirklich interessanten Duelle durch Gästefanverbote, Buskombis und jahrelange Einschränkungen ziemlich gründlich kaputtgemacht.

Dabei wäre es zu einfach, nur Polizei und Behörden verantwortlich zu machen.

Auch Vereine und Fanszenen haben ihren Anteil daran. Und ich habe zunehmend das Gefühl, dass die niederländische Fankultur in ihrer Entwicklung irgendwo falsch abgebogen ist. Während sich die aktiven Szenen in Deutschland in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt haben, orientiert man sich hier für meinen Geschmack häufig zu stark an dem, was in den sozialen Medien gerade funktioniert.

Gleiche Marken, gleiche Bilder, gleiche Sprüche. Manchmal wirkt es, als hätten die bei uns so verachteten Online-Ultras hier der nächsten Generation beigebracht, wie Fankultur auszusehen hat.

Über diese „Algorithmisierung der Fankultur“ würde ich gerne irgendwann ausführlicher schreiben.

Das vielleicht prominenteste Beispiel für ein kaputtes Derby bleibt für mich Ajax gegen Feyenoord. In den Neunzigern gehörte De Klassieker zu den berüchtigtsten Duellen Europas. Heute wird das Spiel selbst von Teilen der eigenen Anhängerschaft gerne mal ausgelassen. Gästefans fehlen seit Ewigkeiten, die große Derbyspannung ist weitgehend einer Veranstaltung gewichen, die vor allem noch von ihrer Geschichte lebt.

Ein anderes Derby versucht dagegen gerade, wieder auf die Beine zu kommen.

FC Den Bosch gegen TOP Oss.

Oder, wie es hier heißt: das Noordoost-Brabantse Derby.

Nach den heftigen Ausschreitungen 2022 mussten beide Vereine über vier Jahre ohne gegnerische Fans auskommen. Jetzt gab es erstmals wieder zwei Seiten im Stadion. Sage und schreibe 100 Anhänger aus Oss durften die rund 20-minütige Reise nach Den Bosch antreten.

Ein großer Schritt im niederländischen Fußball. Überall sonst würde man darüber vermutlich nur lachen.

Zwei Städte, eine ziemlich alte Rechnung

Nordbrabant ist ohnehin eine interessante Fußballregion. PSV, NAC Breda, Willem II, FC Eindhoven, Helmond Sport und eben Den Bosch und Oss. Dazu eine eigene Mentalität, die dem deutschen Publikum spätestens seit New Kids zumindest in ihrer leicht überzeichneten Variante bekannt sein dürfte.

Den Bosch hat seine größten Rivalitäten auch nicht unbedingt mit Oss. Besonders die alte Feindschaft zu ADO Den Haag besitzt durch die Hooligangeschichte der Achtziger- und Neunzigerjahre ein anderes Gewicht.

Trotzdem hat sich das Verhältnis zum kleineren Nachbarn über Jahrzehnte ordentlich hochgeschaukelt.

Oss gehörte lange zum natürlichen Einzugsgebiet des größeren Profivereins aus Den Bosch. Als TOP 1991 selbst in den Profifußball einstieg, bekam die Nachbarschaft eine zusätzliche sportliche Konkurrenz. Schon früh kam es zu Auseinandersetzungen.

Und obwohl die Osser in der Regel zahlenmäßig und organisatorisch unterlegen waren, ließen sie sich nicht einfach einschüchtern. Man bekam regelmäßig auf die Mütze, stand beim nächsten Mal aber wieder da.

Den Bosschenaren half dabei über viele Jahre auch ihre Verbindung zu Standard Lüttich. Bei manchen Begegnungen waren zusätzlich 50–60 Leute aus Belgien dabei, was das Kräfteverhältnis sicher nicht ausgeglichener machte.

Wie ernst diese Rivalität zeitweise war, zeigen die juristischen Folgen eines Derbys im November 2014: 28 Den-Bosch-Anhänger und 16 Osser wurden 2016 wegen Gewalttaten verurteilt. Für zwei vergleichsweise überschaubare Fanszenen sind das erhebliche Zahlen.

2022 eskalierte es dann erneut, inklusive schwer verletzter Sicherheitskräfte und beschädigter Zäune.

Danach war Schluss mit Gästefans.

Jetzt gibt es einen vorsichtigen Neustart. Zunächst 100 Gäste pro Derby, nur mit Saisonkarte, Auswärtspass, personalisiertem Ticket und verpflichtender Busreise. Funktioniert das, sollen es irgendwann 200 werden.

Man kann darüber spotten. Aber immerhin versucht man hier tatsächlich, etwas zurückzuholen, statt einfach auf unbestimmte Zeit alles zu verbieten.

Die M-Side zwischen Casuals und Stadion-Disco

Auch in Den Bosch scheint sich einiges zu bewegen.

Die alten Hooliganzeiten sind längst nicht mehr das, was sie einmal waren. Im Stadion laufen zwar noch immer genügend ziemlich interessante Casual-Gestalten herum, die man gerne schon vor 25 Jahren fotografiert hätte. Die aktive Ultraszene ist dagegen überschaubar und wirkt stellenweise noch auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Ein bisschen erinnert mich das an den BFC vor einigen Jahren, als sich eine kleine jüngere Ultraszene zwischen deutlich älteren und etablierten Leuten behaupten musste.

Interessanter ist allerdings, dass Den Bosch nach unzähligen Strafen und Einschränkungen inzwischen offenbar wieder stärker den Dialog mit seiner M-Side sucht.

Und das ergibt wirtschaftlich durchaus Sinn.

Die Keuken Kampioen Divisie ist keine Liga, in der jeder Klub von internationaler TV-Vermarktung, riesigen Sponsorenverträgen und globalem Merchandise lebt. Bei vielen Vereinen spielen die Menschen, die tatsächlich ins Stadion kommen, noch eine ziemlich wichtige Rolle.

Wobei ich jedes Mal an dieser Logik zweifle, wenn ich irgendwo als deutscher Tourist wegen einer fehlenden Fancard beinahe wieder vor die Tür gesetzt werde.

Den Bosch geht inzwischen zumindest einige Schritte auf die eigene Szene zu. Und die scheint das anzunehmen.

Vor dem Derby war online ordentlich Bewegung zu erkennen. Ein Osser Transparent tauchte nachts in Den Bosch auf, an anderer Stelle wurde die geplante Gästechoreo geleakt. Viel digitale Stichelei, viel Erwartung.

Meine 14 Euro Eintritt wirkten jedenfalls gut investiert.

Zumal ich noch drei Pfandbecher vom letzten Besuch hatte.

Finanziell war der Abend damit schon fast gerettet.

Den Bosch verfolgt ohnehin ein interessantes Preismodell. Die Eintrittskarten sind häufig erstaunlich günstig, dafür wird bei Getränken und Essen ordentlich zugelangt. Eine halbe Literflasche Pepsi für sechs Euro ist schon selbstbewusst.

Wer vorbereitet kommt, fährt hier trotzdem ziemlich günstig. Und in unserem Familienbereich wurde auch niemand besonders gründlich nach mitgebrachten Konsumgütern durchsucht.

Erst Pyro, dann die Diskothek

Als die Spieler beim Aufwärmen ihre letzten Sprints Richtung M-Side absolvierten, wurden bereits die ersten Fackeln angerissen.

Das mag ich in den Niederlanden tatsächlich sehr. Dieses traditionelle Aufdrehen der Kurve, sobald die eigene Mannschaft noch einmal auf sie zuläuft. Man merkt, wie stark sich die Leute an solchen Momenten orientieren.

Etwas merkwürdig war nur, dass die Fackeln danach noch eine ganze Weile brannten, obwohl die Spieler längst wieder verschwunden waren und eigentlich überhaupt nichts mehr passierte.

Dann ging das Licht aus.

Und als leidgeprüfter Besucher niederländischer Stadien wusste ich ungefähr, was jetzt folgen würde.

Bass hoch. Irgendwer brüllt ins Mikrofon. Alles blinkt, was Strom hat.

Genau so kam es.

Ich habe bei offiziellen Stadioneröffnungen in Deutschland schon Warnhinweise für wesentlich harmlosere Lichtshows gesehen. In Den Bosch wurde dagegen einfach ohne große Vorwarnung das komplette Stadion in eine blinkende Diskothek verwandelt.

Kann man machen. Ein bisschen bescheuert, aber irgendwie auch unterhaltsam.

Wirklich schade fand ich allerdings, dass die Choreografien beider Seiten dabei fast komplett untergingen.

Auf der M-Side gab es eine sehenswerte Zeichnung zweier Den-Bosch-Fans, vermutlich als Darstellung unterschiedlicher Generationen. Dazu ein Spruchband. Nur war das Ganze durch das ausgeschaltete Flutlicht und die Lichtshow kaum vernünftig zu erkennen.

Noch bevor die Mannschaften überhaupt eingelaufen waren, wurde der zentrale Tifoteil schon wieder abgenommen.

Dann kam die Pyro.

Und die war wirklich ordentlich.

Erst eine große Fackelaktion über die Gegengerade, anschließend ziemlich gut abgestimmte Blinker. Gerade auf dieser breiten, flachen Tribüne wirkte das optisch stark.

Hätte der Block dazu noch einen eigenen Gesang durchgezogen und wäre geschlossen ausgerastet, hätte das für niederländische Verhältnisse ein richtig herausragender Auftritt werden können.

Stattdessen dominierte weiterhin die Stadionmusik.

Offenbar stört sich die Szene selbst daran nicht sonderlich. Als der Beat einsetzte, gingen gerade bei den Aktiven die Fäuste besonders hoch.

Vielleicht bin ich da einfach zu deutsch geprägt.

Aber wenn ich eine aufwendige Choreo vorbereite, würde ich schon wollen, dass die Leute sie auch sehen.

100 Osser – immerhin wieder da

Auf der Gegenseite hatte TOP Oss bei den Vorbereitungen offenbar schon etwas Pech gehabt. Eine mögliche Ponchoaktion war im Vorfeld geleakt worden.

Am Ende gab es einige Choreofahnen.

Nicht schlecht, aber auch nichts, was besonders hängen blieb.

Natürlich muss man berücksichtigen, dass die Gäste nach Jahren der Verbote überhaupt erst wieder Material mitbringen und in Den Bosch auftreten durften.

Trotzdem fand ich den Auftritt enttäuschend.

Von den 100 zugelassenen Fans setzten sich schätzungsweise 30 abseits des aktiven Kerns hin, um einfach Fußball zu schauen. Damit blieb für den eigentlichen Support ein ziemlich kleiner Haufen übrig.

Und der bekam sportlich direkt auf die Nase.

Nach acht Minuten erzielte Sheddy Barglan das 1:0, fünf Minuten später erhöhte Sebastian Karlsson Grach auf 2:0.

Danach war der Osser Block erst einmal weitgehend erledigt.

Dabei spielte TOP anschließend gar nicht so schlecht. Im Gegenteil. Die Gäste kamen zu mehreren richtig guten Möglichkeiten, trafen unter anderem die Latte und hätten das Spiel schon vor der Pause wieder spannend machen können.

Den Bosch führte trotzdem weiter.

Auf der M-Side half der Spielverlauf natürlich. Das eigene Team vorne, der Gegner mit zwei frühen Gegentoren bedient, dazu die üblichen Schmähungen.

Richtig auf das Stadion übergreifen wollte die Stimmung aber nicht.

Es blieb eher eine Sache des aktiven Kerns. Der Rest schien sich zwischendurch mindestens genauso sehr auf das musikalische Halbzeitprogramm zu freuen.

Und irgendwie fasst das für mich einen Teil der niederländischen Stadionkultur ganz gut zusammen.

Vorne versucht eine kleine Szene, etwas Eigenes aufzubauen. Gleichzeitig organisiert der Verein eine komplette Show drumherum, die damit nicht immer besonders viel zu tun hat.

Beides funktioniert nebeneinander. Nur selten wirklich miteinander.

Immerhin wurde es sportlich noch einmal interessant. In der 89. Minute traf Milo Horemans zum 2:1. Plötzlich ging im Gästeblock noch etwas, und TOP warf in der Nachspielzeit alles nach vorne.

Den Bosch rettete den Vorsprung über die Zeit.

Auf der Heimseite entsprechend große Erleichterung.

Was kann also das Noordoost-Brabantse Derby?

Mehr als viele andere niederländische Zweitligaspiele. Aber weniger, als die Vorgeschichte und die Euphorie im Netz vermuten ließen.

Den Bosch hat eine interessante Fanszene mit reichlich alter Casual-Kultur, eine M-Side, die sich sichtbar entwickeln will, und ein Stadion, das mit seiner engen Gegengerade durchaus Potenzial besitzt.

Die Rückkehr der Osser ist ebenfalls eine gute Nachricht. Selbst wenn 100 Auswärtsfans für ein Derby zwischen zwei Nachbarstädten natürlich eher nach einer behördlichen Testveranstaltung klingen.

Vielleicht werden daraus nächstes Jahr 200. Vielleicht irgendwann wieder volle Gästeblöcke.

Vorausgesetzt, man schafft es, den Neustart nicht direkt wieder zu versauen.

Meine Empfehlung für Groundhopper: Wer De Vliert noch offen hat, kann sich das Derby ruhig dafür aufheben. Vor allem bei TOP Oss dürfte es zu den wenigen Spielen gehören, bei denen überhaupt eine größere aktive Gästesache zustande kommt.

Ein attraktives Pokalspiel gegen einen Erstligisten würde ich in Den Bosch trotzdem vorziehen.

Und wer den Ground schon gemacht hat, muss wegen dieses Derbys nicht unbedingt noch einmal kommen.

Das 2:1 war unterhaltsam, die Pyro gut und die ersten Schritte zur Rückkehr echter Derbyatmosphäre sind gemacht.

Aber bis aus 100 Gästen, einer ordentlichen Fackelshow und viel Social-Media-Euphorie wieder ein richtiges Derby wird, ist es noch ein Stück.

Wenigstens fährt man in Den Bosch inzwischen wieder in die richtige Richtung.