Heute steht schon wieder das nächste Champions-League-Finale vor der Tür. Paris gegen Arsenal. Und irgendwie ist das für mich die letzte halbwegs legitime Gelegenheit, noch von meinem Besuch beim letztjährigen Finale in München zu erzählen: PSG gegen Inter, 5:0, Allianz Arena und wahrscheinlich einer der eindrucksvollsten Auftritte einer Fanszene, die ich je live erlebt habe.
Eigentlich bin ich kein großer Champions-League-Romantiker. In der Europa League und Conference League habe ich oft deutlich wildere, ehrlichere und atmosphärisch stärkere Spiele erlebt. Wer häufiger international unterwegs ist, weiß: Außerhalb deutscher Stadien kann die Champions League stimmungstechnisch auch erstaunlich tot sein. Meistens klang das für mich eher nach teuren Hotels, strengem Sicherheitsapparat und sehr vielen Menschen, die mehr Selfies machen als Lieder kennen.
Diesmal war es anders und damit meine große Chance.
Erstens fand das Finale in Deutschland statt. Und ja, trotz aller berechtigten Kritik an Polizei, IMK, Repression und Sicherheitswahn muss man festhalten: Für die freie Auslebung von Fankultur ist Deutschland international immer noch eine der besseren Adressen.
Die EM 2024 hat das bei vielen Spielen gezeigt, zuletzt auch Leipzig beim Conference-League-Finale. Stehen, Bier am Platz, große Choreos, Pyro: Das sind Dinge, von denen viele englische Fans inzwischen wahrscheinlich glauben, dass sie nur noch in alten YouTube-Videos existieren.
Zweitens standen im Halbfinale PSG, Arsenal, Inter und Barcelona. Also war alles möglich: das absolute Traumfinale Paris gegen Inter (zwei der spannendsten aktiven Fanszenen Europas) oder mein persönlicher Alptraum:
Barcelona gegen Arsenal.
Beide habe ich schon in Champions-League-Heimspielen erlebt. Sagen wir so: Ich weiß seitdem ungefähr, wie meine eigene Beerdigung atmosphärisch klingen könnte. Bei beiden Vereinen habe ich selbst bei deren Frauenmannschaften deutlich bessere Stimmung erlebt.
Der Fußballgott meinte es also gut mit mir. Inter brachte eine der traditionsreichsten aktiven Szenen Europas mit. Paris wiederum ist aktuell vielleicht neben Slavia Prag eine der meistbeachteten, am stärksten gehypten und kulturell spannendsten Szenen des Kontinents.
Tickets für ein Champions-League-Finale
Tickets für europäische Finals sind meiner Erfahrung nach oft weniger unmöglich, als viele denken. Man muss sich nur von deutschen Zahlen und deutscher Reisefreude verabschieden.
In Deutschland sprechen wir bei Bayern, Dortmund oder Schalke schnell über Hunderttausende potenziell vorverkaufsberechtigte Menschen, wenn man Mitglieder, Dauerkarteninhaber und Fanclubs zusammennimmt. Bei PSG beispielsweise sieht das ganz anders aus. Und in vielen Ländern gibt es diese ausgeprägte Auswärtsfahrer- und Mitgliederkultur schlicht nicht in derselben Form.
Dazu kommt der Ort. Wenn ein Finale auf einer Insel, am Rand Europas oder in einer Stadt mit absurden Hotelpreisen liegt, bricht die Nachfrage schnell ein. Flüge werden vierstellig, Hostels kosten plötzlich 230 Euro für ein Bett im Achterzimmer, und das B&B am Stadtrand tut so, als hätte es gerade den Wellnessbereich von Dubai nachgebaut. Das CL-Wochenende in München war genau so.
Ein Extrembeispiel bleibt für mich Baku 2019: Arsenal gegen Chelsea im Europa-League-Finale. Ein London-Derby als europäisches Finale (!) und trotzdem verkauften beide Vereine über ihre offiziellen Kontingente nur knapp 2.500 Karten. Ähnlich war es auch beim EL Finale in Dublin, wo viele mir ihre Karte schenken wollten.
Die UEFA hat dazu ein interessantes Modell. Einerseits gibt es völlig irre Kategorie-1-Tickets für 950 Euro. Andererseits gibt es viele Fan-First-Tickets für 50 bis 70 Euro, was für ein europäisches Finale tatsächlich vertretbar ist. Man kann über die UEFA viel sagen, aber im Vergleich zur FIFA ist dieses Modell zumindest nicht komplett aus der Hölle importiert.
Trotzdem: Für mich war das Budget faktisch bei null. 24-jähriger Student, gute Eltern, aber keine Ölscheich-Familie im Hintergrund, und wie immer wurde jeder verfügbare Euro bereits vorher in dieses völlig bescheuerte Hobby gepumpt. Also musste eine andere Lösung her.
Am Ende lief es über Kontakte und eine Person im UEFA-Umfeld, die vermutlich bis heute nicht weiß, was für ein Geschenk sie mir gemacht hat. Ich bekam eine Position, die mich an den Tagen rund um das Finale ein bisschen arbeiten ließ, mich während des Spiels aber nicht daran hinderte, es mir in "nem guten Bereich" (Augenzwinker) bequem zu machen.
Mehr Details lasse ich lieber weg, weil das schamlose Ausnutzen einer Beschäftigung zur Erschleichung eines Finalbesuchs vermutlich nicht ganz der romantischen Idee europäischer Sportorganisation entspricht.
München, Essen und der ICE als Hotel
Das nächste Problem: Ich war gleichzeitig noch in einem Pflichtpraktikum und hatte natürlich nicht einfach Urlaubstage herumliegen. Dr. Holiday löste das natürlich schnell, aber konnte auch nichts daran ändern, dass meine nächste sichere Schlafmöglichkeit Essen war. Nicht München. Essen.
Das klingt erstmal dumm, hatte aber einen Vorteil: Es gibt nachts ICE-Verbindungen von München Richtung NRW, die erstaunlich leer und billig sein können. Also wurde der Zug kurzerhand zu Wohnung, Schlafplatz und Lebensmodell erklärt. Einmal durchmachen, einmal in einem fragwürdigen Hostel schlafen, zwischendurch arbeiten, wieder Zug.
Kurz vor dem Finaltag fielen dann, wie so oft, viele Hotelpreise doch noch. Und weil meine Freundin nach München kam und eine Freundin von ihr in der Hotelbranche arbeitet, landeten wir plötzlich für einen Personalpreis in einem Luxushotel. Also doch noch einmal richtig schlafen vor dem Finale. Danach sollte es wieder nachts mit der Deutschen Bahn nach Essen gehen. (Was für sich genommen natürlich schon wieder eine eigene Risikosportart ist).
Ein 5:0 – und ein Pariser Heimspiel
Zum Spiel selbst muss man nicht viel erzählen. Jeder hat gesehen, was passiert ist. PSG hat Inter 5:0 zerlegt. Es war so eindeutig, dass selbst neutrale Zuschauer irgendwann nur noch dachten: Bitte lasst den Italienern wenigstens noch ihre Würde und einen funktionierenden Rückflug.
Inter war trotzdem nicht nichts. Schon Tage vorher waren viele Italiener in der Stadt. Rund um Marienplatz und Hofbräuhaus hörte man diese schönen, melodischen Gesänge älterer Norditalienier. „Solo Inter“ in München hatte schon etwas. Aber im Stadion wurde ziemlich schnell klar: Dieser Abend gehört Paris.
Und damit muss ich eine kleine Beichte ablegen: Paris Saint-Germain ist mein Guilty Pleasure.
Denn ja, ich weiß. Katar-Geld, Hochglanz, Kommerz, Drecksstadt, alles richtig. Aber wenn man die deutschen Vereine einmal ausklammert, steht PSG im europäischen Spitzenfußball fast allein da mit einer lebendigen, aktiven, kreativen und wirklich eigenen Fankultur. Real, Barça, Arsenal, City, Juventus: große Namen, große Historie, aber im Vergleich zu Paris oft atmosphärisch erschreckend steril.
Wer die einmal auswärts erlebt hat, versteht, warum sie momentan zur absoluten Spitze gehören. Dortmunder Freunde erzählen mir bis heute vom Auftritt des Collectif Ultras Paris im Westfalenstadion.
Für mich ganz persönlich haben PSG und auch Marseille außerdem eine Brücke nach Nordafrika geschlagen. Über Fußball bekam ich Zugang zu einer Welt, die für einen kleinen dummen Brandenburger Jungen früher so weit weg war, dass sie gar nicht existierte: arabische Fankultur, Nordafrika, soziale Widersprüche, Schönheit im Chaos.
Man kann sich als rechter Internet-Heinz natürlich darüber lustig machen, wenn man die nordafrikanischen Einflüsse in Paris oder Marseille anspricht. Oder man versteht einfach, dass Migration nicht nur Probleme produziert, sondern auch Kultur, andere Ausdrucksformen und andere Formen von Zugehörigkeit. Fankultur ist selten sauber national sortiert. Zum Glück.
Bestes Beispiel waren nach dem Finale die Kommentare der Internet-Heinze, die sich über die Trillerpfeife in der TV-Übertragung beschwerten. Nun ja. Wer einmal in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen oder Ägypten erlebt hat, wie 30.000 oder 40.000 Menschen über lange Phasen melodisch supporten, versteht, dass Trommeln allein irgendwann nicht mehr reichen. Eine Pfeife kann dann schlicht ein Mittel sein, um auch den dritten Rang im Takt zu halten.
Und genau das passierte in München. Selbst der dritte Rang gab Vollgas. Dieses „lalala lalala, ey ey ey, PSG“ rollte durch die Arena, als wäre die Nordtribüne plötzlich nach Auteuil verlegt worden. Es war so laut und massiv und so anders als vieles, was man sonst bei UEFA-Endspielen bekommt.
Europas Kurven auf einer Tribüne
Dazu kamen mehrere befreundete Gruppen im Pariser Bereich. Die Green Brigade von Celtic Glasgow war sichtbar vertreten und stand im Umfeld der Virage Auteuil. Auch Kontakte zu AIK Solna spielten eine Rolle, genauso wie die deutlich sichtbareren Freunde aus Napoli. Und Napoli brachte wiederum Leute von Juve Stabia mit. Gegen Inter natürlich ungefähr so subtil ist wie ein Feuerwerk im Beichtstuhl.
Für mich war es schon absurd, in einem Block Namen und Szenen wie PSG, Napoli, Celtic, AIK und Juve Stabia zusammen zu sehen. Ein Name größer als der andere, alle mit Bock auf die viral gegangenen Pariser Gesänge. Dazu Spruchbänder, politische Botschaften, eine Free-Palestine-Aktion und Pyro. Ohne hier jedes Detail politisch ausdiskutieren zu wollen: Ich finde es einfach geil wenn ein komplett durchorganisiertes Hochglanz-UEFA-Event von echter Kurvenkultur zumindest ein bisschen angekratzt wird.
Ganz konfliktfrei blieb das internationale Stelldichein natürlich nicht. Rund um die Pariser Gruppen gab es kleinere Spannungen zwischen Leuten aus dem Umfeld von AIK Solna und der Green Brigade von Celtic. Gerade bei einem Finale, bei dem gefühlt halb Europas relevante Kurven vertreten waren, lag diese gewisse Grundspannung permanent in der Luft und die Feindschaft zwischen Solna und Celtic sorgte intern für einige Unruhen.
Rückblickend wirkte der Abend fast wie der Höhepunkt einer Szene, deren interne Spannungen damals schon sichtbar waren.
Der erste Titel und eine lange Nacht
Emotional wurde es nach dem Spiel noch einmal mit der kleinen Tifoaktion für Luis Enrique und seine verstorbene Tochter. Inmitten all des Lärms, der Pyro und des Siegestaumels war das ein Moment, der auch mir am meisten hängen blieb.
Als Sahnehäufchen noch der Platzsturm der Pariser. In einem Champions-League-Finale. In München. Nach dem ersten CL-Titel der Vereinsgeschichte. Das waren Bilder, die man so vermutlich in einem CL Finale nicht noch einmal sehen wird.
Noch krasser waren später die Bilder aus Paris selbst. Der sportliche Triumph mischte sich dort mit sozialen Spannungen und endete in massiven Ausschreitungen.
Für mich hieß es irgendwann gegen 1:30 Uhr Abschied nehmen von Kollegen und irgendwie zur U-Bahn kommen. Das war leichter gesagt als getan, weil gefühlt das komplette Stadion noch am Bahnhof Fröttmaning stand. Dort kam es zu größeren Auseinandersetzungen zwischen Parisern und Inter-Fans. Durch Ortskenntnis und Akkreditierung hatte ich einen ziemlich guten Blick auf das Geschehen.
Sagen wir so: Für jemanden, der nicht nur Fußballromantik, sondern auch die dunkleren Begleiterscheinungen der Kurvenwelt beobachtet, war das ein ziemlich konsequenter Abschluss dieses Abends.
Mit chinesischen Touristen bei Arsenal gegen Barcelona hätte ich vermutlich weniger Spaß gehabt.



