Der niederländische Fußballverband KNVB zieht die nächste Konsequenz aus den Pyro-Vorfällen der vergangenen Wochen. Wird Feuerwerk in Richtung Spielfeld oder anderer Tribünen geworfen oder geschossen, soll künftig nicht mehr erst unterbrochen und beim zweiten Vorfall abgebrochen werden. Es ist direkt Schluss.
Wichtig: Nicht jede irgendwo auf der Tribüne gezündete Fackel beendet automatisch das Spiel. Entscheidend ist der Wurf oder Schuss in Richtung Feld beziehungsweise anderer Zuschauerbereiche. Trotzdem kann damit im Extremfall tatsächlich eine einzelne Fackel über den weiteren Verlauf einer Partie entscheiden.
Und 'abgebrochen' heißt in den Niederlanden nicht automatisch 0:3 am grünen Tisch. Der KNVB versucht gestaakte Spiele grundsätzlich auf dem Platz zu Ende zu bringen. Übrig gebliebene Minuten werden deshalb häufig an einem anderen Termin und ohne Zuschauer nachgeholt. Wie schräg das werden kann, zeigte ausgerechnet der jüngste Fall in Utrecht.
Von Leeuwarden über Utrecht zur neuen Gangart
Die aktuelle Debatte nahm am 23. August bei SC Cambuur gegen Feyenoord Fahrt auf. Aus dem Rotterdamer Gästeblock wurde massiv Pyrotechnik abgefeuert; Feuerwerk landete auf dem Spielfeld und in angrenzenden Heimbereichen. Sieben Cambuur-Anhänger wurden laut Verein verletzt. Die Partie wurde unterbrochen – und anschließend trotzdem weitergespielt.
Die Folgen bekamen zunächst Fans eines völlig anderen Vereins zu spüren. Beim folgenden Cambuur-Heimspiel gegen den FC Twente durfte überhaupt kein Gästepublikum nach Leeuwarden reisen. Die Verantwortlichen wollten nach eigener Aussage zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen prüfen. 776 bereits eingeplante Twente-Fans waren damit für etwas ausgesperrt, mit dem sie nichts zu tun hatten. Selbst Cambuurs Supportersvereniging sprach von einer 'compleet absurde' Maßnahme.
Feyenoord selbst hat inzwischen 47 Personen mit lokalen Stadionverboten belegt, deren Auswärtskarten blockiert und sie beim KNVB für landesweite Stadionverbote gemeldet. Genau dort könnte eine konsequente Linie eigentlich anfangen: Verantwortliche identifizieren und individuell sanktionieren.
26 Minuten ohne Publikum – und plötzlich 3:3
Nur knapp zwei Wochen nach Leeuwarden folgte Utrecht. Der FC Utrecht lag zu Hause gegen Go Ahead Eagles 0:3 zurück, als von der Bunnikside hinter einem weißen Tuch Feuerwerk auf den Platz geworfen wurde. Aus anderen Teilen des Stadions gab es dafür deutlich hörbare Pfiffe. Nach einer längeren Unterbrechung ging es zunächst weiter. Utrecht traf zum 1:3, kurz darauf flogen Becher auf den Rasen. Beim zweiten Vorfall war der Abend beendet.
Eine nachvollziehbare Protestbotschaft hinter der Pyroaktion war kaum zu erkennen. Beim FC Utrecht herrschte nach einem schlechten Saisonstart zwar erhebliche Unruhe, vor allem Sportdirektor Jordy Zuidam stand in der Kritik. Ausgerechnet das Bunnikside Collectief hatte aber unmittelbar vor der Partie ausdrücklich dazu aufgerufen, die Mannschaft zu unterstützen.
Drei Tage später wurden die verbliebenen 26 Minuten an einem Dienstagnachmittag im leeren Stadion nachgeholt. Go Ahead führte 3:1. Ohne Zuschauer machte Utrecht daraus noch ein 3:3 und rettete einen Punkt. Einen besseren Werbespot für die Frage nach möglichen sportlichen Fehlanreizen dieses Systems hätte man kaum drehen können.
Immer neue Einschränkungen
Auch abseits der Pyrodebatte häufen sich Maßnahmen gegen niederländische Fans. Vor Heracles Almelo gegen De Graafschap wurde die zuvor vereinbarte Auto- und Busanreise gerade einmal elf Stunden vor Anpfiff in eine verpflichtende Buskombination umgewandelt. Hintergrund war eine mögliche Verabredung zu einer Auseinandersetzung zwischen Teilen beider Szenen.
500 Gästekarten waren verkauft, eine große Choreografie vorbereitet. De Graafschap und seine Fans akzeptierten die kurzfristige Änderung nicht und boykottierten die Partie geschlossen. Außer Mannschaft und Staff reisten nicht einmal Vereinsfunktionäre nach Almelo. Selbst Heracles kritisierte die kurzfristige Entscheidung der Behörden.
Es passt in ein Bild, das der niederländische Fußball seit einigen Jahren abgibt: Auf ein neues Problem folgt die nächste Vorschrift – und von Maßnahmen gegen einzelne Verantwortliche landet man ziemlich schnell bei Einschränkungen für komplette Gästeblöcke.
Das hatten wir schon einmal
Ganz neu ist diese Logik nicht. Im Frühjahr 2023 verschärfte der KNVB nach dem Feuerzeugwurf auf Ajax-Spieler Davy Klaassen die Regeln für Gegenstände auf dem Spielfeld. Beim ersten Wurf mussten die Mannschaften in die Kabinen, beim zweiten war die Partie vorbei. Wird eine Person auf dem Feld getroffen, wird direkt abgebrochen.
Nur wenige Wochen später demonstrierte ausgerechnet ein Achtjähriger, wie wenig Platz solche Automatismen für Verhältnismäßigkeit lassen. Bei PEC Zwolle gegen FC Dordrecht warf der Junge einen Becher auf den Rasen. Das Spiel wurde knapp zehn Minuten unterbrochen, der Achtjährige und sein Vater mussten das Stadion verlassen.
Die Frage, ob man einzelnen Zuschauern damit nicht erstaunlich viel Macht über den Spielbetrieb gibt, schaffte es später sogar ins niederländische Parlament. Dort wurde ziemlich genau das Szenario angesprochen, dass jemand mit zwei Bechern bewusst eine Begegnung sabotieren und praktisch selbst bestimmen könnte, wann Schluss ist. Die Regel wurde anschließend zumindest dahingehend angepasst, dass ein Vorfall nicht mitzählt, wenn der Werfer direkt identifiziert und entfernt werden kann.
Maximale Wirkung für einzelne Personen
Man muss Feuerwerk, das auf Zuschauer, Spieler oder das Spielfeld geschossen wird, wirklich nicht romantisieren. Die Ereignisse in Leeuwarden waren gefährlich. Wer dafür verantwortlich ist, gehört identifiziert und individuell bestraft.
Fragwürdig wird es dort, wo aus individueller Verantwortung ein Automatismus für 20.000 andere Menschen und zwei Mannschaften entsteht. Der KNVB gibt einzelnen Personen mit der neuen Regel einen ziemlich großen Hebel in die Hand. Wer eine Partie unbedingt beenden möchte, braucht künftig keine organisierte Protestaktion und keine große Gruppe. Ein entsprechender Pyrovorfall kann reichen.
Das ist gerade im Zeitalter sozialer Medien ein merkwürdiger Nebeneffekt: Wer maximalen Effekt und maximale Aufmerksamkeit sucht, bekommt ziemlich genau erklärt, welcher Regelverstoß garantiert die größtmögliche Reaktion auslöst.
Natürlich können auch in deutschen Kurven Protestaktionen Spielunterbrechungen provozieren. Dort entstehen solche Aktionen aber meist organisiert und mit einer zumindest erkennbaren Botschaft. Der niederländische Weg setzt die Schwelle für die größtmögliche Konsequenz dagegen sehr niedrig: auf das Verhalten Einzelner.
Wie konsequent die neue Regel tatsächlich angewendet wird, muss sich zeigen. Spätestens wenn an einem Wochenende mehrere Spiele betroffen sind, wird auch organisatorisch interessant, wie robust dieses System wirklich ist.
Der KNVB verkauft den Kurs als konsequenten Schritt für mehr Sicherheit. Für uns bleibt es ein ziemlich eigenwilliger niederländischer Sonderweg: Das Problem schwerer Vorfälle ist real. Aber ob man es löst, indem man genau denjenigen, die ein Spiel stören wollen, gleichzeitig den größtmöglichen Hebel in die Hand gibt, darf man bezweifeln.



