Eigentlich hatte ich schon zwei Frauen-Champions-League-Finals gesehen und dachte mir: Reicht erstmal.
Aber dann schaute ich mir die Finalorte dieser Saison an und merkte schnell, dass mich bei den Männerfinals irgendwie nichts komplett ansprang. Viele Stadien hatte man schon gesehen, und gerade bei Besiktas würde mich ein großes Heimspiel ehrlich gesagt deutlich mehr reizen als ein neutrales UEFA-Finale.
Wirklich hängen blieb am Ende das Frauen-Champions-League-Finale in Oslo.
Norwegen richtet nicht ständig solche Spiele aus. Im Männerfußball ist das Land international eher ein Fußballzwerg, auch wenn Bodø/Glimt in den letzten Jahren immer mal wieder für gute Geschichten gesorgt hat. Im Frauenfußball sieht das anders aus. Norwegen hat große Spielerinnen, große Geschichte und immerhin zwei Europameistertitel vorzuweisen.
Dazu kam das Ullevaal Stadion. Nationalstadion, Oslo, neuer Länderpunkt, UEFA-Finale. Kann man schon mal machen.
Normalerweise bekommt man dieses Stadion fast nur sinnvoll mit der Nationalmannschaft voll in die Planung. Und ganz ehrlich: Ein Champions-League-Finale holt mich dann doch mehr ab als Norwegen gegen Irgendwen in der Nations League.
Zwei gestrichene Flüge später
Der ursprüngliche Plan war sogar, an einem verlängerten Wochenende noch mehrere Spiele der norwegischen Herrenliga mitzunehmen. Die Liga wurde ja nicht wegen des Frauenfinals gestoppt. Ein ordentliches Hopperwochenende mit erster Liga und als Höhepunkt das Frauen-Champions-League-Finale klang ziemlich perfekt.
Daraus wurde leider nichts, weil ich kurzfristig entschied, am nächsten Tag noch das afrikanische Champions-League-Finale in Rabat mitzunehmen. Normale Reiseplanung war damit natürlich wieder beerdigt.
Los ging das Chaos aber schon vorher.
Familiär bedingt waren wir in England bei einer Abschlussfeier. Unser erster Flug am Donnerstag aus London nach Oslo ging komplett in die Hose. Verspätungen, Chaos am Flughafen, Online-Check-in bei Norwegian funktionierte nicht, also mussten wir an den von Hoppern häufig vermiedenen Schalter. Natürlich verlor man dort genau die Zeit, die man nicht hatte.
Flug verpasst.
Immerhin wurden die Flugsteuern von Norwegian unkompliziert erstattet. Schadensbegrenzung also: 120 Euro am nächsten Tag mit SAS ab Heathrow und eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit in England. Ärgerlich, aber noch okay.
Dann wurde dieser Flug auch noch gestrichen.
Die nächste Verbindung wäre schon zu spät gewesen, um das Finale am Samstagabend zu sehen. Also ein weiterer Tag England, einmal neu sortieren und schließlich über Manchester nach Oslo.
Dort erwartete uns direkt die nächste Prüfung: eine Passkontrollschlange von ungefähr anderthalb Stunden. Wir umgingen sie, indem wir uns an eine junge Asiatin hängten, die offenbar zu ‚sonstigen Pässen‘ musste. Und da ging dann alles ganz schnell.
Nicht schön, aber selten war Passprivilegien-Akrobatik so effizient.
Danach ging es direkt weiter in die Innenstadt zum Fanfest. Natürlich mit Schienenersatzverkehr. Immerhin hatte der auch einen Vorteil: Irgendwie konnten wir uns in den Bus schummeln und sparten so direkt je zwölf Euro pro Person und Tour. Norwegen ist teuer genug, da darf der Fußballgott auch mal kleine Rabatte verteilen.
20 Euro für ein UEFA-Finale
Die Tickets liefen wie gewohnt über das UEFA-System. Wir bewarben uns mit drei Accounts und bekamen mit einem Account direkt Karten.
Wahrscheinlich half, dass die beiden Londoner Teams ausgeschieden waren, also die Vereine mit europaweit vielleicht der größten reisefreudigen Fanbasis im Frauenfußball. Auch Bayern und Wolfsburg, die mit deutscher Reisefreude sicher geholfen hätten, schafften es nicht.
Am Ende konnten wir bis zu vier Karten für 20 Euro kaufen. Fairer Kurs.
Im Finale standen dann Barcelona und Lyon. Also die zwei erfolgreichsten, verwöhntesten und wahrscheinlich besten Teams Europas. Sportlich natürlic
h ein Traumfinale. Für die Anhängerschaften aber vielleicht auch nicht mehr die Art Paarung, bei der alle komplett eskalieren. Wenn man dauernd Finals spielt, wird selbst Oslo irgendwann nur noch ein weiterer Termin im Kalender.
Tickets gab es lange weiter im UEFA-Verkauf. Noch deutlich einfacher als beim Conference-League-Finale. Am Ende meldete man trotzdem ausverkauft.
Und fairerweise: Die Veranstaltung selbst war wirklich gut.
Bei aller Kritik an der UEFA muss man sagen, dass sie solche Finals inzwischen sehr sauber organisiert bekommt. Schnelle Einlasskontrollen, einfache Wege zum Stadion, freundliche Volunteers, ein sicheres Familienevent. Alles entspannt, alles gut ausgeschildert, alles so, dass man sich als normaler Zuschauer nicht vorher mental auf Polizeiketten, Drehkreuzkrieg oder Ticketlotterie vorbereiten muss.
Manchmal auch schön.
Das Ullevaal Stadion selbst hat innen und in den Gängen ein bisschen Charme. Von außen ist es dagegen eher Shoppingmall mit Spielfeld. Kein Stadion, bei dem man ehrfürchtig stehen bleibt. Aber auch kein kompletter Betonfehler. Es ist halt ein modernes Nationalstadion mit ein paar älteren Spuren.
Die Gegend rundherum war nett, entspannt und familiär. Das eigentliche Highlight ist aber die Lage mit Blick Richtung Holmenkollen. Wenn man im Stadion sitzt und im Hintergrund die Skisprungschanze sieht, merkt man schon: Okay, Oslo hat zumindest optisch etwas Eigenes.
Eine andere Stadionkultur
Die Stimmung vor dem Spiel war genau das, was ich an solchen Frauenfinals spannend finde.
Nicht wild. Nicht aggressiv. Keine Kurve, die sich vorher am Bahnhof sammelt und erstmal die Stadt testet. Stattdessen viele Familien, viele Frauen, viele junge Mädchen, viele Trikots, viele Menschen, die einfach sichtbar glücklich waren, ihre Stars zu sehen.
Und das meine ich gar nicht abwertend.
Für mich sind viele männliche Stars oft genauso unbekannt wie Spielerinnen im Frauenfußball. Aber es begeistert mich wirklich, was der Frauenfußball inzwischen an einzelnen Abenden für eine Kraft entwickeln kann. Da gehen Menschen mit einem Glücksgefühl nach Hause, das andere vielleicht nur aus einem Superclásico, einem Belgrad-Derby oder einem komplett eskalierten Pokalfinale ziehen.
Es ist einfach eine andere Stadionkultur.
Weiblicher, positiver, familiärer, weniger angespannt. Manchmal fast zu brav, klar. Aber genau deshalb fährt man doch hoppen. Nicht, weil jedes Stadion gleich sein soll, sondern weil man sehen will, wie verschieden Fußball sein kann.
Ähnlich wie ein obligatorischer England-Besuch oder ein Italienwochenende, bei dem man sich mal wieder in Gesängen verliert. Man muss nicht alles miteinander vergleichen. Manchmal reicht es, eine andere Art von Fußballabend anzunehmen.
Barcelona übernimmt nach der Pause
Zum Spiel selbst: Barcelona war am Ende brutal.
Die erste Hälfte war noch relativ ausgeglichen. Lyon hatte Phasen, in denen man merkte, warum dieser Verein historisch die große Macht im Frauenfußball war. Aber Barcelona hat inzwischen diese unangenehme Fähigkeit, Spiele nicht nur zu gewinnen, sondern irgendwann komplett aus der Hand des Gegners zu nehmen.
Nach der Pause wurde es deutlich.
Ewa Pajor traf zweimal und war für mich die überragende Spielerin des Abends. Stark in den Bewegungen, eiskalt im Abschluss und genau diese Art Stürmerin, bei der man irgendwann versteht, warum sie auf diesem Niveau den Unterschied macht.
Danach kam Salma Paralluelo und machte ebenfalls zwei Buden. Gerade in der Schlussphase brach Lyon komplett auseinander, während Barcelona das Spiel fast schon beiläufig in eine Machtdemonstration verwandelte.
4:0 gegen Lyon in einem Champions-League-Finale. Das schreibt man auch nicht mal eben so nebenbei.
Für Barcelona war es der nächste Beweis, dass dieser Verein im Frauenfußball gerade eine eigene Ära schreibt. Für Lyon war es eher die unschöne Erinnerung daran, dass alte Macht nicht automatisch neue Dominanz bedeutet.
Ein Länderpunkt ohne Drama
Für uns war es ein entspannter, sauber organisierter und irgendwie sehr angenehmer Länderpunkt.
Kein Krawall, kein Drama, kein Reisepass am grünen Tor, keine Wasserkrise im VIP-Bereich, kein VAR-Ausfall in Pretoria und auch kein marokkanischer Gästeblock, der aus Versehen in einem südafrikanischen Saufgelage landet.
Einfach ein UEFA-Finale in Oslo.
Manchmal darf Groundhopping auch unkompliziert sein.
Das nächste Frauen-Champions-League-Finale findet im polnischen Nationalstadion statt. Wenn Barcelona es wieder schafft, könnte Ewa Pajor dort vor polnischem Publikum nochmal ganz groß scheinen. Das hätte natürlich seinen Reiz.
Wahrscheinlich werde ich es mir trotzdem klemmen.
Nicht, weil es uninteressant wäre. Sondern weil man das polnische Nationalstadion eigentlich lieber bei einem Pokalfinale erleben sollte, wenn dort die legendären polnischen Kurvenshows ausgepackt werden.
Aber gut. Das sage ich jetzt. Und wir wissen ja alle, wie zuverlässig solche Vorsätze bei diesem Hobby sind.



