Als es irgendwann darum ging, wie man die WM-Pause und diese fußballfreie Sommerleere überbrückt, stach ein Spiel ziemlich schnell heraus: Watford gegen Hansa Rostock.
Nicht, weil Watford und Hansa irgendeine tiefere Verbindung hätten. Die gibt es meines Wissens nicht. Es war eher die Mischung aus 60 Jahre Hansa, Szene-Aufruf, England-Ausflug und der ziemlich seltenen Gelegenheit, eine große ostdeutsche Fanszene in einem klassischen britischen Stadion zu sehen.
Genau sowas reizt mich. Ich mag britische Fußballkultur. Ich mag ostdeutsche Fußballkultur. Und ich mag es, wenn zwei Welten aufeinandertreffen.
6.000 Gästekarten in wenigen Stunden
Die Dimension wurde dann schnell klar: Innerhalb weniger Stunden waren 6.000 Gästekarten weg. Wahrscheinlich hätten es auch noch mehr werden können. London beziehungsweise Watford als Ziel war natürlich perfekt: gut erreichbar, attraktiv genug für ein Wochenende und für viele wahrscheinlich die angenehmste Art, ein Testspiel in ein kleines Auslandsabenteuer zu verwandeln.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Watford nicht der einzige Verein war, der angefragt wurde. Aber vielleicht der einzige, der am Ende wirklich Ja gesagt hat.
Denn Hansa hat natürlich einen Namen. Und der kommt nicht nur von sauberem Positionsspiel.
Gerade in England ist man bei solchen Themen sensibel. Verständlicherweise. Die alte Hooliganzeit ist dort nicht einfach nur Folklore, sondern bis heute Teil der Fußballerinnerung. Umso angenehmer war, dass dieser Tag von Anfang an nicht nach Konfrontation wirkte. Kein unnötiges Aufpumpen, eher ein freundliches Fest: Hansa auswärts in England.
Low Budget nach Watford
Für mich begann die Tour weniger romantisch. Monatsende, Geldbeutel leer, aber ein billiger Flug ab Dortmund rettete die Nummer. Über den Flughafen Dortmund habe ich übrigens weiterhin nichts Schlechtes zu sagen. Man kommt hin, man kommt weg, fertig. Mehr verlange ich im Low-Budget-Leben nicht.
Also morgens mit dem Deutschlandticket aus den Niederlanden nach Dortmund. Dort lungerten schon überall Hansa-Gruppen herum: Männerhaufen, Reisegruppen, eigene Trip-Shirts, Mottoshirts, alles dabei.
Luton ist für Watford von der Richtung her ziemlich ideal und bleibt für mich sowieso einer der besseren Wege nach London, wenn man keine Lust auf Stansted-Express-Abzocke hat. Den Dart-Zug für sechs Euro und vier Minuten Fahrzeit verweigerte ich natürlich und lief. Danach ging es für zwei Pfund in einen Linienbus, der mich ohne Klima ungefähr zwei Stunden Richtung Hostel schaukelte.
Am nächsten Morgen war in Watford schon gute Stimmung. Und ich muss ehrlich sagen: Die Stadt hat mich überrascht. Für britische Verhältnisse wirklich angenehm. Gepflegt, ruhig, nicht komplett tot, nicht völlig runtergerockt. In fast 30 UK-Besuchen hat mich selten eine kleinere Stadt so positiv überrascht wie die Geburtsstadt von Anthony Joshua.
Vicarage Road: britisch genug
Das Stadion selbst ist von außen leider eher keine Schönheit. Vicarage Road sieht nicht nach großer Fußballromantik aus. Von innen ist es auch kein absolutes Brett. Aber für dieses pure britische Erlebnis reicht es völlig.
Mitten im Wohngebiet, gegenüber direkt Häuser und Gärten, keine Arena im Gewerbepark, keine Eventhülle an der Autobahn. Man läuft durch normale Straßen und steht plötzlich vor einem Championship-Stadion.
Drinnen dann das, was britische Stadien für mich immer noch besonders macht: kein Fangzaun, keine Netze, nah am Spielfeld, enge Wege, alte Katakomben, Bier unterm Stand. Man ist so dicht dran, wie man es in Deutschland fast nie hat.
Das Highlight des Stadions liegt trotzdem draußen: die Wandmalerei von Sir Elton John. Er war nicht nur prominenter Fan, sondern über Jahre Eigentümer und Vorsitzender und gehört bis heute fest zur Identität des Vereins.
Hansa schien die Menschen in Watford selbst trotzdem nicht komplett vom Hocker zu reißen. Der Heimbereich war vorsichtig gesagt eher dünn gefüllt. Watford sprach von rund 2.000 verkauften Tickets auf Heimseite, darunter auch noch einige Deutsche.
Fand ich ehrlich gesagt enttäuschend. Für zehn Pfund hätte vor allem die ultra-interessierte Jugend aus UK hier wirklich mal eine ziemlich gute Lektion in Festland-Fankultur bekommen.
Dann übernimmt der Gästeblock
Und ja, es hat sich gelohnt.
Natürlich war es kein Spektakel wie gegen Pauli, Dresden oder in einem aufgeladenen Ostduell. Es war ein Testspiel im Sommer. Aber die ersten Minuten waren stark. Der Gästeblock war heiß, die Mitmachquote richtig gut, die Masse geschlossen.
Mit der Zeit wurde es weniger. Hitze, Testspielcharakter und eine Hansa-Mannschaft, die auf dem Platz nicht gerade Lust auf Legendenbildung machte. Watford war in der Vorbereitung schon etwas weiter und gewann am Ende verdient 3:0.
Optisch blieb es eher schlicht. Große „Hansa on Tour“-Fahne, Mottoshirts hoch, Schalparade, Bewegung, Masse. Kein riesiges Materialpaket, aber genau das passte eigentlich.
Denn für die Engländer um mich herum war schon das beeindruckend. Immer wieder hörte man „quite impressive“ oder „massive“. Einige meinten sogar, das sei der beste Gästeblock gewesen, den sie seit Jahren an der Vicarage Road gesehen hätten. Und man merkte wirklich, dass viele damit nicht gerechnet hatten.
Aus ihrer Sicht kam da ein deutscher Drittligist zu einem Sommerkick. Und plötzlich stehen dort 6.000 Rostocker, singen, werfen Shirts hoch, kaufen den Fanshop leer und erklären nebenbei der Heimbühne, wie ein Auswärtsblock aussehen kann.
Fanshop leer, Sticker überall
Die Spieltagsschals waren schon anderthalb Stunden vor Anpfiff weg. Teilweise auch, weil Rostocker ihre Hansa-Klamotten tauschen mussten, um überhaupt in den Heimbereich zu kommen. Britische Ordnerlogik trifft ostdeutsche Reisegruppe. Auch schön.
Sehr witzig war auch die Hansa-Aufklebermafia.
Im Stadion selbst hielt es sich nach meinem Eindruck in Grenzen. Soweit ich weiß, blieben auch die Toiletten heile. Dafür erwischte es die Heimfans.
Fast jeder Watford-Fan auf meiner Seite hatte plötzlich irgendwo einen Hansa-Sticker kleben. Opas mit „Hansa Fans Uckermünde“ auf der Handyhülle. Englische Mädchen mit Sandmännchen-Stinkefinger auf der Handtasche. Junge Lads mit Kogge auf den Shorts.
Keine Ahnung, ob das Freundschaft, Verwirrung oder einfach Rostocker Effizienz war. Aber es sah sehr gut aus.
Fast noch besser wurde es nach Abpfiff, als Harry the Hornet, das Watford-Maskottchen, vor den Hansa-Block kam und sich von tausenden Rostockern feiern ließ. Ein riesiger gelber Hornet vor einer ostdeutschen Wand. Freundschaftsspiel-Fußball kann wirklich dumm und schön zugleich sein.
Das Spiel war am Ende Nebensache
Am Ende blieb dieser Tag natürlich nicht wegen des Spiels hängen. Das war sportlich ziemlich egal und aus Hansa-Sicht eher mau.
Hängen blieben die Gesichter der Watford-Fans. Viele hatten wohl ein paar deutsche Auswärtsfahrer erwartet, vielleicht bisschen Sommerfußball, fertig. Stattdessen bekamen sie einen Gästeblock, den sie so schnell nicht vergessen.
Für mich war genau das der Mehrwert dieses Spiels.
Danach ging es für mich mit einem Gammelbus für drei Pfund zurück Richtung Luton. Von dort weiter nach Malle, inklusive charmanter Airportnacht, bevor es irgendwie nach NRW zurückging.
Das Geld muss schließlich für die nächsten Touren gespart werden.
Und ganz ehrlich: Zum Glück war es das erstmal mit dem Testspielgammel. Auf in die neue Saison.



