Eine der besten Erfindungen des modernen Fußballs sind aus Hoppersicht mit hoher Sicherheit die 20:30-Uhr-Spiele der 2. Bundesliga.
Ja, natürlich ist das alles TV-Produkt, Terminierungslogik und ein bisschen „wir machen aus Liga zwei jetzt auch Primetime“. Aber wenn man tagsüber noch irgendwo Regionalliga oder kleinere Grounds einsammeln kann und abends dann ein echtes Brett bekommt, darf man als Hopper auch mal kurz seine moralische Flexibilität finden.
Und Betze gegen KSC um 20:30 Uhr? Kann man schon machen.
Für mich war Kaiserslautern nur halb ein neuer Ground. Als kleiner Bub stand ich hier schon einmal im Gästeblock und war damals ziemlich beeindruckt, dass in einer eher tristen Zweitliga-Zeit fast 30.000 Leute kamen.
Diese Zeit wirkt inzwischen weit weg. Seit Corona sind die Stadien voller denn je, und gerade die Kurven haben sich in Deutschland noch einmal deutlich entwickelt. Vielleicht nehme ich das aus meinem niederländischen Exil besonders stark wahr. Vielleicht sieht man es als Hopper auch einfach überall. Aber egal, wie viele Derbys und große Spiele man irgendwo auf dem Kontinent sieht: Sehr viel von dem besten Zeug liegt weiterhin direkt vor der Haustür.
Deshalb wollte ich mir den Betze noch einmal bewusst geben. Nicht nur abhaken. Nicht nur „war ich ja schon“. Sondern einmal richtig: Derby, Flutlicht, ausverkauftes Haus, 20:30 Uhr.
Ein Ground ist nicht verbraucht
Die frühe Saisonansetzung des Derbys am zweiten Spieltag überraschte mich zunächst etwas. Andererseits ist sie aus Sicherheits- und Vermarktungssicht ziemlich logisch: Ohne Bundesliga-Konkurrenz kann die 2. Liga solche Spiele groß platzieren. Am selben Tag lag auch noch das Frankenderby zwischen Fürth und Nürnberg. Man merkt schon, dass die Liga ziemlich genau weiß, was sie da in der Hand hat.
Meine Karte kam über eine der bekannten Facebookgruppen: 22 Euro für einen sichtbehinderten Sitzplatz. Für dieses Spiel, dieses Stadion und diese Uhrzeit eine ziemlich gute Investition.
Und ja, Lautern-Fans hören es ständig. Und ja, es überrascht auch keinen Hopper mehr. Aber der Betze ist einfach eine Wucht.
Gerade wenn man ihn mit vielen neueren Stadien vergleicht, die irgendwo zwischen Hoffenheim, Augsburg und sonstiger Funktionsarchitektur stehen könnten. Das Fritz-Walter-Stadion ist natürlich ebenfalls längst modernisiert, hat sich diesen besonderen Druck aber behalten: der Weg vom Bahnhof nach oben, der Blick auf das Stadion auf dem Berg und dieser Moment, in dem das Ding größer wirkt, als es überhaupt ist.
Unten ist man noch euphorisch. Oben bei knapp 38 Grad ist man dann vor allem froh, wenn die Lunge nicht direkt kündigt.
Derby ohne Kulturpreis
Im Stadion lag die Lauterer Choreo leider schon gut sichtbar aus. Die Pointe war damit etwas vorweggenommen, aber das Bild selbst traf meinen Humor trotzdem: „NUR DER FCK – SCHEISS KSC“. Einfach, direkt, kein Bewerbungstext für einen Kulturpreis, aber für ein Derby völlig ausreichend.
Schön war auch der Versuch, die Farben der Mundlöcher passend zu wechseln. Ein kleines Eigentor gab es kurz, als beim Wechsel der Kurvenbilder oben und unten nicht ganz gleichzeitig gearbeitet wurde und für einen Moment eher „NUR DER KSC“ entstand. Geschenkt. Passiert.
Der KSC antwortete mit einem Wunderkerzen-Intro. Schönes Bild, nicht revolutionär, aber im vollen Gästeblock unter Flutlicht absolut passend.
Optisch war das bereits der größte Teil des Abends. Auf Lauterer Seite wurde unten im Block immer wieder gefackelt. Beim KSC hing außerdem ein großes Transparent zu 50 Jahren Freundschaft mit Hertha BSC, aus Lautern kam dazu ebenfalls ein Gruß.
Auf dem Feld war anfangs fast mehr Derby als in den Kurven. Selten habe ich zwei Mannschaften erlebt, die in den ersten Minuten so direkt Lust auf Körperkontakt hatten. Es knallte mehrfach, das Stadion war sofort da, und kurz dachte ich tatsächlich: Das könnte richtig wild werden.
Nach einer halben Stunde bekam der Schiedsrichter das Ganze halbwegs eingefangen. Vier Gelbe Karten, viel Kampf, wenig Fußballglanz.
Bei der Trinkpause wurde übrigens gepfiffen. Bei Temperaturen irgendwo um die 36 Grad natürlich eher Quatsch. Das sahen zum Glück auch viele andere im Stadion so.
Der KSC übernimmt phasenweise den Betze
In der zweiten Halbzeit wurde Lautern deutlich passiver. Und das Publikum passte sich dem ein Stück weit zu sehr an. Die bekannten Klassiker aus der Westkurve kamen natürlich, Pyro gab es auch, und grundsätzlich bleibt das Stimmungsniveau am Betze stark. Phasenweise bekam der KSC im Gästeblock aber kurze Momente der Hoheit im Stadion, weil die Leistung der roten Teufel für ein Heimspiel recht dürftig war.
Die Karlsruher Mannschaft machte es ihren Fans dagegen leichter. Der KSC wurde mutiger, drückte mehr und wollte den Ball irgendwann eher reinpeitschen als reinspielen. Der Gästeblock zog dabei richtig gut mit.
Diesen vollen Gästeblock in Kaiserslautern finde ich gar nicht so einfach zu koordinieren. Wenn die aktive Szene unten gesammelt steht, ist es bei dieser Größe nicht selbstverständlich, auch das obere Drittel unter dem Dach mitzunehmen. Genau das gelang über weite Strecken ordentlich.
Generell hat nicht nur der KSC in den letzten Jahren an eigenem Profil gewonnen. Kreativeres Liedgut, eigener Stil, weniger von diesem austauschbaren „Auf geht’s XY schieß ein Tor“, das früher in jedem zweiten Stadion lief. Da hat sich in Deutschland insgesamt viel getan. Die Kurven sind voller, eigenständiger und oft deutlich interessanter als noch vor sieben oder acht Jahren.
Das 0:0 passte am Ende irgendwie. Kein schlechtes Spiel, aber auch keines, das man sportlich lange nacherzählen wird. Viel Intensität, wenig klare Chancen, ein KSC mit besserem zweiten Abschnitt und ein FCK, der nach vorne zu wenig riskierte.
Für mich war der Abend trotzdem ein voller Erfolg. Dieser viel beschriebene Weg den Berg hoch, die Architektur und dieser Druck, den das Stadion immer noch erzeugt.
Manchmal muss man Grounds nicht neu sammeln, sondern bewusst wieder besuchen.
Mut zum Revisit also.
Eine Woche später wartete auf Lautern direkt das noch hitzigere Derby in Mannheim. Vielleicht lag der Fokus im Umfeld innerlich schon ein bisschen dort. Für meinen eigenen Abend spielte das keine große Rolle: Der Betze hatte seinen zweiten Besuch ziemlich problemlos gerechtfertigt.



