Relativ kurzfristig entschied ich mich, am Ostersonntag doch noch die Stunde Zugfahrt nach Deventer auf mich zu nehmen. IJsselderby. Eigentlich eines dieser Spiele, bei denen man nicht viel falsch machen kann.

Ein paar Tage vorher hatte die Stadt Deventer noch bekannt gegeben, dass Zwolle statt der ursprünglich geplanten 300 Tickets doch 400 bekommt. Was erstmal nach einer Randnotiz klingt, ist in den Niederlanden alles andere als das. 300 hätten einen Boykott bedeutet, 400 waren gerade genug, um das Ganze irgendwie stattfinden zu lassen.

Ich fuhr also hin, mit der leisen Hoffnung, mich diesmal nicht wieder über genau die Dinge aufzuregen, die ich als Deutscher hier seit Jahren nicht verstehe.

Spoiler: Es wurde eher ein Paradebeispiel dafür.

Und genau deshalb lohnt es sich, diesen Tag etwas anders zu betrachten.

Ein Derby, das einfach gewachsen ist

Bevor wir zu dem kommen, was passiert ist, lohnt sich ein Blick auf das Derby selbst.

Denn das IJsselderby ist eines dieser Duelle, das sich kaum logisch erklären lässt. Es gibt keinen großen historischen Konflikt, keinen politischen Hintergrund, keinen klaren Ursprung. Beide Vereine hatten lange Zeit andere Rivalen, teilweise sogar innerhalb der eigenen Stadt oder Region.

Und trotzdem hat sich hier über die Jahre etwas aufgebaut, das inzwischen zu den intensivsten Spielen des Landes gehört.

Nicht, weil es konstruiert wurde. Sondern weil es einfach passiert ist. Durch ständige Begegnungen, durch kleine Geschichten, durch Reibung, die nie ganz verschwindet. Beide Vereine sind über Jahre zwischen den Ligen gependelt und haben es trotzdem immer wieder geschafft, sich zu begegnen.

Es ist kein inszeniertes Derby.

Es wirkt manchmal unfertig, manchmal widersprüchlich, nicht medial "hochgeschrieben" aber genau deshalb echt. Keine kopierte Ultra-Kultur, kein englischer Traditionskitsch, kein durchgeplantes Event.

Ultras und ein niederländisches Missverständnis

Und dann kommt man in den Niederlanden sehr schnell an einen Punkt, an dem es nicht mehr nur um Fußball geht, sondern darum, wie man Fußball überhaupt versteht.

Denn Ultras sind hier bis heute ein großes Missverständnis.

Auf der einen Seite steht eine ältere Generation, die noch von den „guten alten Zeiten“ erzählt, als die niederländischen Hooliganszenen europaweit gefürchtet waren und das Land so etwas wie ein kleines Fankultur-Walhalla darstellte. Dieselben Leute sitzen heute in stimmungstoten, durchregulierten Baukastenstadien und erklären, dass die jungen Ultras eine Kultur zerstören, die in vielen Teilen des Landes seit mindestens zehn Jahren ohnehin längst tot ist.

Was dabei komplett ausgeblendet wird: Dass jede Generation ihr eigenes Ding macht.

Früher war nicht alles besser. Es war anders.

Und das, was heute entsteht, ist vielleicht nicht perfekt. Aber es ist zumindest etwas.

Eine organisierte, aktive, meinungsstarke Jugend, die sich im Stadion trifft, sich ausdrückt, Strukturen aufbaut, Verantwortung übernimmt und dabei auch aneckt, wird nie jedem gefallen. Aber sie ist immer noch tausendmal wertvoller als eine Generation, die sich nur vor Bildschirmen und Social Media versteckt.

Und genau das wird in den Niederlanden noch stärker verkannt als in vielen anderen Ländern.

Ultragruppen sind hier nicht nur „die mit den Fahnen“. Sie sind soziale Räume. Orte, an denen Leute zusammenkommen, Orientierung finden, Verantwortung übernehmen. Für manche auch ein Auffangnetz.

All das wird selten gesehen.

Stattdessen bleibt oft nur das einfache Bild: Vermummung gleich Problem.

Was die Szene aus Zwolle anders macht

Ein gutes Beispiel dafür ist Zwolle.

Die Szene dort gehört für mich zu den wenigen in den Niederlanden, die das, was man als Ultrakultur versteht, wirklich durchdrungen haben. Klein, aber strukturiert. Mit klaren Positionen, mit eigenen Werten und vor allem mit einer Entwicklung, die über reines „Dabei sein“ hinausgeht.

Während viele Gruppen irgendwo zwischen Eventpublikum und Social-Media-Inszenierung hängen bleiben, hat sich in Zwolle über Jahre etwas aufgebaut, das deutlich reflektierter wirkt.

Das zeigt sich auch abseits des Stadions.

Beim Auswärtsspiel in Rotterdam etwa, als wieder einmal eine Buskombi angeordnet wurde: also eine zwangsorganisierte Anreise unter Polizeibegleitung, wie sie in den Niederlanden fast schon Standard ist. Die Gruppe aus Zwolle hat das nicht einfach hingenommen, sondern den Rechtsweg gewählt. Die Grundlage der Maßnahme wurde öffentlich gemacht: Am Ende stellte sich heraus, dass es keinerlei konkrete Begründung gab.

Solche Dinge gehen oft komplett unter.

Und dann steht man in Deventer vor dem Gästeblock.

Kurz vor Anpfiff betritt ein etwa 100 Mann starker Zwolle-Mob den Block. Schwarz gekleidet, Trommel, zwei Zaunfahnen. Etwa 40 Leute mit hochgezogenen Schlauchschals in Vereinsfarben.

Ein geschlossenes, ruhiges Bild. Kaum Chaos, keine Eskalation.

Und trotzdem reicht genau das.

Masken runter oder kein Spiel

Drei Minuten vor Anpfiff: Das Spiel wird auf unbestimmte Zeit verschoben.

Und genau hier stellt sich die entscheidende Frage:

Was erwartet man eigentlich von einem Gästeblock bei einem Derby?

Dass dort 400 Leute ruhig sitzen und höflich applaudieren?

Natürlich wird es Pyro geben. Und ja, Pyrotechnik ist nicht risikofrei. Aber wer daraus eine sicherheitsrelevante Ausnahmesituation konstruiert, ignoriert bewusst den Kontext.

Was man in Deventer gesehen hat, war kein entgrenztes Szenario, sondern ein typisches Derbybild: einzelne Fackeln, etwas Rauch und vereinzelte kleinere Knallkörper. In meiner Wahrnehmung drei oder vier. Und selbst da war nicht eindeutig zuzuordnen von welcher Seite sie kamen da auch aus dem Deventer-Block Pyro in Richtung Spielfeld geworfen wurde.

Gleichzeitig hat sich die Gruppe aus Zwolle in den letzten Jahren bewusst davon entfernt, durch unkontrollierte Einzelaktionen aufzufallen. Keine sinnlosen Böller auf den Platz, keine wahllosen Aktionen. Stattdessen eher koordinierte, geplante Elemente.

Das macht es nicht automatisch unproblematisch.

Aber es ist ein Unterschied.

Und genau diese Differenzierung fehlt in der Bewertung komplett.

Was danach folgte, war weniger ein Sicherheitsproblem als vielmehr ein Lehrbeispiel dafür, wie man Situationen eskalieren lässt, die eigentlich gar keine waren.

Der Bürgermeister und das „Driehoek“ entschieden sich für die einfachste Lösung: Masken runter oder kein Spiel.

Eine Forderung, von der jedem klar sein musste, dass sie nicht erfüllt wird.

Danach schickte man den Kapitän in den Block, dann den Geschäftsführer, dann Ordner. Parallel lief Musik wie „Should I stay or should I go“, später „Bella Ciao“ und ein niederländischer Schlager mit der subtilen Botschaft: „Ga weg“.

Es wirkte weniger wie Krisenmanagement als wie ein schlecht inszeniertes Schauspiel.

Dabei war bis dahin nichts passiert.

Applaus für die Räumung

Die Polizei räumte schließlich den Gästeblock.

Und was mich dabei wirklich irritiert hat, waren die Reaktionen im Stadion.

Jubel.

Applaus.

Von Leuten, die selbst regelmäßig unter genau solchen Maßnahmen leiden.

Leute klopften auf die Schultern der einlaufenden Polizisten, die nur wenige Minuten später Spruchbänder gegen Repressionen hochhielten.

Das ist vielleicht einer der größten Unterschiede zu Deutschland. Dort würde man in so einem Moment zumindest teilweise zusammenrücken. Das heißt nicht, dass dort alles besser läuft. Aber der Umgang wirkt oft weniger reflexartig.

Hier wird noch beklatscht, während genau die Mechanismen gestärkt werden, die am Ende alle treffen.

Solidarität ist hier schwach ausgeprägt.

Und das ist ein Problem.

Die angeblich hochgefährlichen Zwolle-Ultras verließen den Block übrigens ohne Widerstand.

Was ziemlich gut zeigt, dass es hier nie um eine tatsächliche Eskalation ging.

Das Narrativ stand trotzdem.

RIP Derby

Knapp anderthalb Stunden später wurde angepfiffen.

Die Heimseite zeigte ihre Choreo, darunter ein improvisiertes Banner: „RIP Derby“.

Und ehrlicher kann man diesen Tag kaum zusammenfassen.

Denn wer die Niederlande kennt, weiß, was jetzt kommt: Strafen, Verbote, Einschränkungen.

Das Spiel selbst? Fast nebensächlich. Früh entschieden, emotional leer.

Ironisch, wenn man bedenkt, was kurz zuvor entfernt wurde.

Und trotzdem, bei aller Kritik: Deventer ist ein Ort, den ich jedem Groundhopper empfehlen würde.

De Adelaarshorst ist eines der wenigen Stadien im Land, bei denen ein Neubau nicht alles zerstört hat. Eng, nah dran, eine eigene Atmosphäre, ein richtig gelungenes Beispiel dafür, wie man Tradition modern weiterdenken kann.

Aber vielleicht ist es besser, hier einfach ein normales Spiel zu schauen.

Ohne Derby.

Was bleibt, ist weniger das Ergebnis als vielmehr die Erkenntnis, dass es hier längst nicht mehr nur um ein einzelnes Spiel geht.

Das ist kein Ausrutscher.

Das ist ein Muster.

Und vielleicht genau deshalb bleibt dieser Tag hängen.

Nicht wegen des Spiels.

Sondern wegen dem, was daraus gemacht wurde.