Als diese Pokalpartie feststand, trudelten bei mir schon die ersten Nachrichten ein. Münster an einem Dienstagabend in Wattenscheid, ein gut gefüllter Gästeblock und dazu die neu umgebaute Lohrheide. Kann man machen.
Die inzwischen ziemlich sichtbaren Kontakte zwischen der Münsteraner und Bochumer Fanszene versprachen zusätzlich einen interessanten Kurvenauftritt. Tatsächlich waren die Bochumer auch an diesem Abend im Gästeblock kaum zu übersehen, während sich einige Interessierte auf der Haupttribüne wiederfanden.
Mit einem solchen Hopperauflauf hatte ich trotzdem nicht gerechnet.
Ob das daran lag, dass die Partie in unserem Tandemhopper-Kalender stand, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich war es eher die Mischung aus "neuem" Stadion, attraktivem Gast und an dem Dienstagabend.
Immerhin gab es zahlreiche bekannte Gesichter zu begrüßen. Und natürlich einen weiteren Grund, die Wattenscheider Stadionwurst zu testen.
Ich kann die geneigten Leser beruhigen: Es gibt sie noch. Und sie schmeckt immer noch.
Seit meine Deutschlandbesuche seltener geworden sind, freue ich mich über eine ordentliche Bratwurst vom Grill mittlerweile fast so sehr wie andere Hopper über ihre Klobasa in Tschechien. Eine Entwicklung, die ich vor meinem Umzug in die Niederlande auch nicht unbedingt erwartet hätte.
Eigentlich war die Bratwurst aber nur Nebendarstellerin.
Gekommen war ich wegen eines Stadions, das für mich lange zu den schönsten in NRW gehörte.
Aus Schwarz-Weiß wird Bochum-Blau
Als ich damals aus Ostdeutschland zum Studium nach NRW zog, gehörte die alte Lohrheide zu den ersten Grounds, die ich unbedingt machen wollte.
Und ich wurde nicht enttäuscht.
Das Lohrheidestadion war ein echter Klassiker. Weitläufig, ein bisschen in die Jahre gekommen, mit eigenem Charakter und einer Atmosphäre, die auch in der Regionalliga herausstach. Natürlich kein perfektes Fußballstadion. Aber eines, das man zwischen all den austauschbaren modernen Arenen sofort wiedererkennen konnte.
Tja.
Dann kamen die World University Games 2025.
Für die Leichtathletikwettbewerbe der früheren Universiade wurde die Lohrheide für rund 55 Millionen Euro grundlegend umgebaut. Neue Tribünen, Überdachungen, moderne Funktionsbereiche, VIP-Möglichkeiten und eine blaue Laufbahn. Aus dem alten Wattenscheider Stadion wurde eine der modernsten Leichtathletikanlagen Deutschlands.
Das ist objektiv betrachtet natürlich ein gewaltiger Fortschritt.
Subjektiv betrachtet frage ich mich trotzdem, wer auf die Idee gekommen ist, einem schwarz-weißen Traditionsverein ausgerechnet eine blau-graue Stadionlandschaft vor die Nase zu setzen.
In Bochum.
Die Stadt betonte zwar, die Farbwahl habe nichts mit dem VfL zu tun. Vielmehr sei es um ein einheitliches Gestaltungskonzept und die Leichtathletik gegangen. Die Wattenscheider Fans sahen das nachvollziehbarerweise etwas anders und protestierten schon während der Planungsphase.
Die SGW selbst hatte bei der Gestaltung nach eigenen Angaben keinen entscheidenden Einfluss.
Und so steht heute ein wirklich komfortables Stadion in Wattenscheid, in dem man bei der Farbwahl offenbar einmal vergessen hat, welcher Fußballverein dort eigentlich spielt.
Immerhin haben die 09er jetzt Rahmenbedingungen, von denen andere Regionalligisten nur träumen können. Presseplätze, Trainerbänke, moderne Infrastruktur, Gastronomie, VIP-Bereiche. Alles vorhanden.
Nur die Sicht ist nicht überall wirklich besser geworden.
Flache Stehplatzkurven hinter einer Leichtathletiklaufbahn bleiben für mich eine ziemlich unglückliche Kombination. Besonders wenn man aus den Niederlanden kommt, wo selbst bei Amateurvereinen häufig eine kleine, vernünftig erhöhte Tribüne steht.
Einige Könner schafften es immerhin, auf der Sitzplatztribüne unterzukommen. Von dort ließ sich dann auch der erstaunlich schwache Auftritt der Münsteraner Mannschaft in der ersten Hälfte gut verfolgen.
Aber dazu später.
Zwei Kurven, die etwas vorhatten
Richtig erfreulich war zunächst, dass beide Fanszenen an diesem Abend sichtbar etwas aus der Partie machen wollten.
Bei meinen bisherigen Wattenscheid-Besuchen hatte ich diesbezüglich nicht immer Glück. Mal gab es einen Boykott gegen den eigenen Vorstand, mal wurden Zweitvertretungen boykottiert. Zwischenzeitlich hatte ich sogar gehört, die aktive Szene würde grundsätzlich fernbleiben.
Das war allerdings, wie ich inzwischen weiß, zu pauschal.
Im erstaunlich lebendigen Wattenscheider Fanforum auf fussball-forum.com habe ich versucht, die verschiedenen Entwicklungen etwas nachzuvollziehen. Schon geil, dass hier überhaupt noch ein klassisches Fanforum regelmäßig genutzt wird, statt sämtliche Diskussionen in irgendwelchen Facebook-Kommentaren versickern zu lassen.
Ganz durchgestiegen bin ich allerdings nicht. Deshalb spare ich mir auch die große Analyse der Wattenscheider Fanszene. Halbwissen gibt es im Fußball schließlich schon genug.
An diesem Dienstag waren die Aktiven jedenfalls da.
Und das war gut so.
Die Münsteraner erschienen ungefähr 15 Minuten vor Anstoß und damit pünktlich wie die Eisenbahn. Der Gästeblock füllte sich schnell, die Fahnen kamen an den Zaun und rechtzeitig zum Beginn war alles weitgehend vorbereitet.
Auf Heimseite gab es zum Einlauf ein paar Blinker, Schwenkelemente und auffällig enthusiastisches Gehüpfe. Kein aufwendiges Intro, aber ein ehrlicher und ziemlich engagierter Auftakt.
Die Stimmungshoheit lag erwartungsgemäß bei Münster.
Knapp die Hälfte der 3.138 Zuschauer war aus der westfälischen Nachbarstadt angereist. Entsprechend deutlich war die Überzahl, auch akustisch. Ich durfte wieder zwei, drei Lieder kennenlernen und freute mich als Freund von Sporting Charleroi besonders darüber, einige Melodien der Wallonen in deutscher Interpretation zu hören.
Münster hat inzwischen schon ein ordentliches Repertoire.
Was mir auf Wattenscheider Seite aber mindestens genauso gut gefiel, war die Konsequenz der kleinen Gruppe.
Vielleicht 30 wirklich Aktive, die ihre Lieder teilweise ziemlich lange durchzogen und gerade in den Pausen des Münsteraner Supports immer wieder hörbare Akzente setzten. Optisch war fast ständig etwas los. Schwenker, Bewegung, Leute, die wirklich Bock hatten.
Ich würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn man auf Wattenscheider Seite hinterher ziemlich zufrieden mit dem eigenen Auftritt war.
Gerade weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass eine solche kleine Szene gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Gästeblock so gut gegenhalten kann.
Ein Banner und die heiligen Fluchttore
Der eigentliche Höhepunkt des Abends folgte allerdings nach der Halbzeit.
Und da hatte ich fast vergessen, wo wir hier eigentlich waren.
Bochum.
Die Münsteraner präsentierten zum Wiederanpfiff ein großes ACAB-Banner. Aus mehreren Teilen zusammengesetzt, hing es vor dem Gästeblock und verdeckte offenbar auch ein Fluchttor.
Damit war natürlich der nächste Akt des Bochumer Fluchttor-Theaters eröffnet.
Das Spiel durfte nicht fortgesetzt werden.
Für ungefähr zehn Minuten wurde diskutiert, gewartet und schließlich das Banner entfernt beziehungsweise der Weg wieder freigemacht.
Nun sind Fluchtwege selbstverständlich wichtig. Auch bei Fußballspielen. Darüber muss man eigentlich nicht diskutieren.
Aber man sollte schon unterscheiden können zwischen einer dauerhaft blockierten Notausgangstür und einer Zaunbeflaggung, die sich im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit entfernen lässt.
Zumal die Bochumer Behörden dieses Thema im Ruhrstadion seit einiger Zeit mit einer bemerkenswerten Konsequenz verfolgen.
Dort wurden übliche Zaunfahnen und deren Platzierung plötzlich zum Gegenstand größerer Auseinandersetzungen. Dass man damit ausgerechnet bei aktiven Fans einen besonders empfindlichen Punkt trifft, dürfte niemanden überrascht haben.
Eine Zaunfahne ist eben nicht einfach irgendein Stück Stoff.
Und so konnte man nun auch in Wattenscheid ein Schauspiel beobachten, das man aus dem Bochumer Profifußball bereits kannte.
Im Heimblock solidarisierte man sich mit den Gästen.
Auf der Haupttribüne lief dagegen das übliche Programm.
Was manche Familienväter und deutlich ältere Herren dort plötzlich völlig ungefragt von sich gaben, war wieder bemerkenswert. Da werden aus vorher halbwegs entspannten Zuschauern innerhalb von Sekunden Menschen, die man sonst nur aus den unangenehmsten Facebook-Kommentarspalten kennt.
Es gibt sie also wirklich.
Nicht nur als Profilbilder mit Sonnenbrille im Auto.
Irgendwann wurde das Banner entfernt, die Fluchtwege waren wieder was auch immer und der Fußball durfte weitergehen.
Das Ganze wirkte eher wie eine ritualisierte Machtdemonstration als wie ein besonders kluger Umgang mit aktiver Fankultur.
Pokalabend statt Klassenunterschied
Auf dem Platz hatte Wattenscheid die erste Hälfte ziemlich überzeugend gestaltet.
Der Regionalligist führte zur Pause verdient mit 1:0 und hatte gegen den Drittligisten sogar Möglichkeiten, den Vorsprung auszubauen. Münster wirkte ideenlos, unsauber und phasenweise erstaunlich harmlos.
Nach der Unterbrechung sah das allerdings anders aus.
Die Münsteraner kamen mit mehreren Wechseln aus der Kabine und drehten die Partie innerhalb weniger Minuten. Zunächst traf Makridis zum Ausgleich, kurz darauf Mees zur Führung. Spätestens mit dem 1:3 durch Varelmann schien die Sache erledigt.
Auch der Gästeblock drehte in dieser Phase noch einmal auf.
Zwischendurch wurden einzelne Fackeln und Rauchtöpfe gezündet, eher im italienischen Stil über den Block verteilt als als geschlossene Pyroshow.
Sah ordentlich aus.
Nur der Stadionsprecher hatte offenbar den Auftrag bekommen, wirklich jede einzelne Fackel ausführlich zu kommentieren.
Dass Pyrotechnik im deutschen Fußball nicht gerade wohlwollend begleitet wird, ist bekannt. Aber man muss auch nicht aus jedem Rauchtopf eine eigene Lautsprecherdurchsage machen. Irgendwann hat der Letzte verstanden, dass das nicht erwünscht ist.
Immerhin sorgte Wattenscheid kurz vor Schluss noch für Spannung.
Per Elfmeter fiel in der 88. Minute das 2:3. Plötzlich wurde es noch einmal hektisch, die Heimseite witterte ihre Chance und Münster musste tatsächlich bis zum Ende arbeiten.
Am Ergebnis änderte sich aber nichts mehr.
Preußen Münster steht im Viertelfinale des Westfalenpokals und trifft dort auf den Dortmunder Westfalenligisten BSV Schüren.
Wo die Partie letztlich stattfinden wird, bleibt interessant. Ein Pokalspiel auf einem kleinen Dortmunder Amateurplatz hätte natürlich seinen Reiz. Sollte es aus organisatorischen Gründen doch ins Stadion Rote Erde gehen, wäre das immerhin auch keine schlechte Adresse.
Unterm Strich war es ein wirklich lohnender Dienstagabend.



