Eine Woche vorher stand ich noch in Pretoria beim Hinspiel. Auf der komplett anderen Seite des Kontinents, in einem Rugby-Stadion, umgeben von südafrikanischem Tailgating, Bierflaschen, Kostümen, VAR-Ausfall und einem Gästeblock aus Rabat, der wirkte, als wäre er versehentlich in ein Massensaufgelage geraten.
Eine Woche später also Rabat.
Gleicher Wettbewerb, gleiche Paarung, aber eine völlig andere Welt.
Für einen Groundhopper war das schon ziemlich absurd. Zwei Finalspiele innerhalb von sieben Tagen, Südafrika und Marokko, zwei komplett unterschiedliche Fußballkulturen, zwei verschiedene Stadien, zwei verschiedene Sicherheitslogiken und zwei komplett andere Vorstellungen davon, wie so ein CAF-Finale auszusehen hat.
Den ausführlichen Bericht zum Hinspiel in Pretoria gibt es bereits bei Tandemhopper unter „Saufgelage oder CL-Finale?“. Mit VAR-Ausfall, Riots im Stadion und der Frage, ob das noch Champions-League-Finale oder schon betreutes Saufen war.
50 Minuten Umstieg, 33 Euro VIP und ein Finalticket
Für mich begann der Rückspieltag allerdings nicht in Rabat, sondern in Oslo.
Am Vortag hatte ich dort noch das Frauen-Champions-League-Finale zwischen Lyon und Barcelona gesehen. Eine direkte Verbindung, die mich rechtzeitig nach Rabat bringt, gab es natürlich nicht. Also musste wieder eine dieser Routen her, bei denen jeder normale Mensch nach fünf Sekunden Skyscanner den Laptop zuklappt.
Oslo – Málaga. Landung 15:05 Uhr.
Málaga – Rabat mit Ryanair. Abflug 15:55 Uhr.
50 Minuten Umstieg. In Spanien. Mit Passkontrolle. Und dem Wissen, dass Ryanair jetzt nicht unbedingt wartet, nur weil irgendein deutscher Fußballidiot noch schnell ein afrikanisches Finale sehen will.
Die diversen Flughafenforen, und ja, offenbar gibt es auch dafür eine Community wie bei uns Groundhoppern, versprachen mir immerhin, dass Transfers in Málaga innerhalb des Sicherheitsbereichs möglich sind. Diese Foren hatten mir schon beim Thema „auf welchen Flughäfen kann man am wenigsten würdelos schlafen“ geholfen, also schenkte ich ihnen Vertrauen.
Und tatsächlich: Es klappte.
Mit kurzem Sprint, pünktlicher Landung und der freundlichen Bitte, mich beim Anflug doch bitte in Reihe 1 zu platzieren. Danke an dieser Stelle nochmal an die Norwegian-Crew. Auch die Pünktlichkeitsquote hatte ich natürlich wochenlang über Flightradar beobachtet, weil ich offensichtlich nicht mehr ganz normal bin.
So ging es also wirklich für knapp 55 Euro von Oslo nach Rabat. Preislich hatte ich mal wieder unverschämt viel Glück.
Die Ticketfrage lief diesmal ganz anders als in Pretoria.
Dort hatte ich für drei Euro eine General-Admission-Karte bekommen und war am Ende in einem südafrikanischen Fußballfest gelandet. In Rabat gingen die Tickets deutlich früher über die saudische Plattform Webook in den Verkauf. Seit AS FAR im neuen Nationalstadion spielt, ist die Hütte selbst bei großen Spielen nie richtig voll. Beim Skandalspiel vor ein paar Wochen gegen Raja, nach dem Casablanca-Derby wahrscheinlich das größten Spiel des Landes, war das Stadion auch nur etwas mehr als halb gefüllt.
Ich war also entspannt. Irgendwas auf dem Schwarzmarkt würde schon gehen.
Beim Afrika-Cup hatte ich für Marokko gegen Sambia im selben Stadion schon einmal eine Karte für 80 Euro bekommen. Das war übrigens auch das einzige wirklich überzeugende Spiel der marokkanischen Nationalmannschaft in einem ansonsten enttäuschenden Turnier, an dessen Ende Marokko den Titel dann am grünen Tisch geschenkt bekam. Aber das ist wieder ein eigenes Thema.
Trotzdem gab es Schlagzeilen, dass bei allen drei Verkaufsphasen jeweils über eine Million Anfragen auf die Ticketseite gekommen seien.
Ich hatte in weiser Voraussicht die völlig unpopuläre marokkanische Facebookseite von Webook gelikt, die nur ein paar hundert Likes hatte. In meiner Ticketrecherche fand ich sie, packte sie in die Favoriten und beobachtete tagelang jeden Post. Irgendwann tauchte dort der Link auf: Es geht los.
Bei AS FAR und allen größeren Medien war da noch nichts.
Also sicherte ich mir entspannt meine Karte und konnte aus allen Blöcken und Kategorien wählen.
Da ich in Pretoria nur drei Euro gezahlt hatte und neugierig war, was dieses neue marokkanische WM-Stadion schon jetzt kann, gönnte ich mir für 33 Euro eine VIP-Karte in der Mitte der Gegengeraden. Auch mit dem Gedanken, dass bei möglichem Zeitstress der Einlass vielleicht schneller geht.
Im Ryanair-Bomber sitzend buchte ich dann noch mein Hotel für 22 Euro in der Medina von Rabat. Erst jetzt wusste ich ja sicher, dass ich es wirklich schaffen würde. Der Rückflug nach Weeze war schon gebucht. Bei 30 Euro wäre der Verlust nach Rückerstattung der Flugsteuern verschmerzbar gewesen.
Diese Preise zeigen aber auch, was so ein CAF-Champions-League-Finale im Vergleich zu Europa ist. Es ist sportlich riesig, aber touristisch kein globales Event. Für die meisten ist es eher ein normales Heimspiel mit größerem Anlass. Keine Massen aus anderen Ländern, keine explodierenden Hotelpreise, kein kompletter Ausnahmezustand in der Stadt.
Dazu kam, dass wenige Tage später das Opferfest begann. Viele Menschen flogen eher nach Marokko hinein als aus Marokko raus. In Rabat standen an jeder Ecke Lämmer herum und warteten auf das, was für sie wahrscheinlich ein eher schlechtes Wochenende werden sollte.
Vom Flughafen ging es mit dem Shuttlebus für vier Euro in 25 Minuten schnell in die Innenstadt. Der Flughafen Rabat ist angenehm klein und nah an der Stadt. Rucksack ins Hotel geworfen, kurz gesammelt und direkt weiter zum Stadion.
Das liegt direkt an der Station Rabat Agdal, die natürlich ebenfalls neu gebaut oder zumindest perfekt auf dieses Stadion vorbereitet wirkt. Alles tiptop. Alles sauber. Alles irgendwie WM 2030.
Ich war allerdings etwas spät dran, denn die meisten Menschen schienen schon im Stadion zu sein.
Trotzdem bestand die Polizei darauf, die wenigen Leute, die mit meinem Zug ankamen, nicht durch den direkten Ausgang zum Stadion zu lassen. Stattdessen sollte eine Laufroute zur Personenvereinzelung nach FIFA-Vorgaben genutzt werden. Hinterausgang, Umweg, entspannte 30 Minuten Fußmarsch.
Ich kannte den Spaß schon vom Afrika-Cup.
Also zog ich die Ausländerkarte.
Hände, Füße, verwirrter Blick. Ich tat so, als würde ich absolut nicht verstehen, was hier passiert, und als müsse ich jetzt dringend aus dieser ganz unsicheren Lage flüchten. Es ist nicht meine stolzeste Fähigkeit, aber manchmal muss man nehmen, was funktioniert.
Und es funktionierte.
Für mich ging es den exklusiven Weg raus. Vorbei an tausenden Polizisten, wie es bei Fußball in arabischen Ländern eben dazugehört. Vorbei an luxuriösen Park- und Parkinganlagen, breiten Wegen, sauberen Flächen und einem Stadionumfeld, das aussah, als hätte man es frisch aus einer WM-Bewerbungsmappe geklebt.
Der Kontrast ist absurd.
Gerade wenn man weiß, wie es abseits der Fußballstadien und besonders außerhalb Rabats aussieht. Genau deshalb stemmen sich viele Ultraszenen im Land gegen diese milliardenschweren WM-Projekte. Während überall neue Stadien, Bahnhöfe und Prestigeanlagen entstehen, kämpfen junge Menschen mit Arbeitslosigkeit, und selbst eine vernünftige Krankenhausinfrastruktur ist nicht überall gesichert.
Dann steht man da zwischen Rolltreppen, Sicherheitszonen und Luxusparkplätzen und versteht zumindest, warum diese Kritik nicht aus der Luft gegriffen ist.
WM-Luxus mit Rolltreppe, aber ohne Wasser
Am Stadion angekommen erwartete mich dann ein Foyer, das besser war als jedes Hotel, in dem ich je geschlafen hatte.
Rolltreppe zum Sitzplatz.
Nicht schlecht.
Die VIP-Experience war für 33 Euro wirklich absurd. Gleiche Plätze werden zur WM wahrscheinlich für Summen verkauft, bei denen ich erst prüfen müsste, ob mein gesamter Lebenslauf als Pfand reicht.
Nur ein Detail fehlte:
Catering.
Nicht wenig Catering. Nicht schlechtes Catering. Gar keins.
Nicht einmal eine Möglichkeit, irgendwo Wasser zu kaufen. Das sollte später noch ein größeres Thema werden. Beim Afrika-Cup war ich als normaler Zuschauer eigentlich begeistert von Preisen, Angebot und Wartezeiten. Diesmal saß ich im VIP-Bereich und hatte zwar einen Sessel, aber keine Flüssigkeit.
Die Hütte war zum Glück rappelvoll. Das Stadion ist mit großzügigen Sitzplätzen und breiten Gängen ausgestattet, weshalb es bei normalen Ligaspielen manchmal nicht hundert Prozent voll aussieht, selbst wenn viele da sind. Ultras stehen unten dichter, viele bleiben nicht auf ihren Sitzen, und dadurch wirkt es schnell ungleich verteilt.
Heute aber war klar: voll.
Die extrem steile Kurve war komplett gefüllt. Dieses Gewusel und Gedränge auf dieser riesigen Wand hatte schon etwas.
Das Stadion selbst erinnerte mich stark an das neue Tottenham-Stadion. Ich bin mir ziemlich sicher: Wenn es nicht dieselben Architekten waren, hat man sich zumindest sehr genau gegenseitig inspiriert.
Choreo, Pfeifkonzert und 65.000 Menschen
Nachdem die Sundowns ihren Mannschaftskreis mit allen Betreuern unter einem massiven Pfeifkonzert beendet hatten, ging die Eröffnungsshow los. Und da zeigte Rabat dann, was dieses Stadion an Licht, Sound und Technik draufhat.
Interessant vor allem, weil es all das in Pretoria nicht gab. Dort gab es nicht einmal eine richtige Mittelkreisfahne mit Finale oder Champions-League-Branding. Hier dagegen wurde mit Feuerwerk, Sound, Licht und riesigen Planen gearbeitet, die über das ganze Feld gezogen wurden. Da stand man dem europäischen Bruderwettbewerb kaum nach.
Tolle Sache eigentlich.
Wenn man nicht wüsste, dass die Behörden wenige Tage vor dem Spiel die Choreo von AS FAR abgesagt hatten. Es wirkt immer etwas komisch, wenn unten auf dem Feld offiziell rumgepyrot wird, während den Fans gleichzeitig Dinge verboten werden.
Trotzdem schafften es die AS-FAR-Fans beim Einlaufen, ein überdimensionales Choreo-Element zu präsentieren. Dahinter wurde in Vereinsfarben gezündet. Keine absolute Jahrhundertaktion, aber ein sehr starker Auftakt.
Auf dem Element waren ein AS-FAR-Spieler, ein Sundowns-Spieler und der Pokal zu erkennen. Dazu stand auf Arabisch sinngemäß etwas wie „Sterbt mit ihnen“, was eher in Richtung „bis zum Ende“ zu verstehen ist. Also weniger Todeswunsch, mehr Durchhalteparole. Arabische Kurvensprache ist manchmal nicht besonders Instagram-freundlich übersetzbar.
Der Moment des Abends kam für mich aber direkt danach.
Die Sundowns-Spieler streckten traditionell ihr Handzeichen in die Luft. Dieser hochgestreckte Finger gehört zum Verein, ist auch im Wappen zu sehen und steht für den Spruch „The Sky is the Limit“.
Ich habe inzwischen knapp 1000 Stadien gesehen. Aber so eine Lautstärke habe ich selten erlebt.
Die Marokkaner wussten natürlich genau, dass das in Südafrika Tradition ist. Und genau deshalb wurde diese Geste so brutal ausgepfiffen, dass einem kurz die Ohren weggeflogen sind. Direkt danach setzte die Kurve zum Singen an.
Die Stimmung war ganz anders als in Pretoria. Gleichzeitig merkte man auch, dass vor dem Spiel schon viel verschossen wurde. Die Lieder wurden nach Anpfiff nicht mehr ganz so aus vollem Herzen gesungen wie vorher. Das habe ich inzwischen öfter in Nordafrika erlebt und finde es gar nicht schlimm. Es zeigt eher, dass selbst dort die Szenen spielorientierter sind, als viele aus Europa glauben.
Dazu war das Stadion natürlich auch mit vielen Menschen gefüllt, die nicht jedes Wochenende da sind. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Selbst in meinem VIP-Bereich war die Mitmachquote sehenswert.
Sportlich war die Ausgangslage klar: Sundowns führten nach dem Hinspiel 1:0. Eigentlich ein perfektes Ergebnis, weil es den Heimvorteil von Rabat etwas ausglich und trotzdem alles offen ließ.
Perfekt wurde es für AS FAR in der 40. Minute. Elfmeter. 1:0. Gesamtstand ausgeglichen.
Das Stadion glaubte wieder komplett daran.
Bis zur siebten Minute der Nachspielzeit der ersten Halbzeit.
Dann trafen die Sundowns zum 1:1 und stellten insgesamt auf 2:1. Dieses Tor war ein echter Wirkungstreffer. Denn bis dahin hatte Rabat schon wieder keine besonders überzeugende Vorstellung abgeliefert, ähnlich wie im Hinspiel. Und jetzt brauchten sie wieder ein Tor.
Wasser wird zum Luxusgut
In der Halbzeitpause ging dann das wilde Afrika-Erlebnis los.
Die Managerin unseres VIP-Levels hatte mir Wasser versprochen. Stattdessen wurde Kaffee ausgeschenkt. Davon aber viel zu wenig.
Zwischen betenden Herren auf Teppichen in den Logen und Umläufen schubsten sich andere Menschen wegen Kaffee an, diskutierten, schrien und rauchten. Der angenehme Duft hunderter Zigaretten in geschlossenen Räumen mischte sich mit Nervosität, Hitze und Durst.
Ich trinke keinen Kaffee.
Und langsam wurde das zum Problem.
Seit meinem Abflug am Morgen in Norwegen hatte ich praktisch nichts getrunken. Hätte mir jemand ein Wasser für fünf Euro angeboten, ich hätte ihm wahrscheinlich zehn gegeben.
Es gab aber nichts.
Nirgendwo.
Also mogelte ich mich irgendwann in Richtung VVIP-Lounges, um dort vielleicht irgendwo eine Flasche Wasser abzuräumen. Unten in den niedrigeren VIP-Räumen waren die Szenen wohl noch krasser. Dort musste sogar die Polizei beruhigen, weil der Mob wegen fehlender Versorgung komplett aufgeheizt war.
Ich beobachtete das Schauspiel halb belustigt, halb dehydriert von der Seite. Plötzlich öffnete sich eine Tür, und ein Wagen mit Sechserträgern Wasser wurde herausgerollt.
Fehler. Alle stürmten los.
Ich sicherte mir meinen Sixpack und damit auch direkt die Gunst meines Sitznachbarn für die zweite Halbzeit.
Natürlich kann man sich darüber lustig machen, wie Leute da fast übereinander herfallen. Aber bei 36 Grad, langen Laufwegen, frühem Einlass und null Möglichkeit, irgendwo etwas zu trinken zu kaufen, versteht man sehr schnell, warum solche Situationen kippen. Manchmal braucht es gar keine großen politischen Spannungen. Manchmal reicht schlechte Organisation und zu wenig Wasser.
Noch schlimmer sah es in der Kurve aus. Dort tauchten ab und zu einzelne Zwei-Liter-Flaschen auf, um die sich dann körperlich gestritten wurde. Supporttechnisch begann die zweite Halbzeit deshalb auch kaum. Viele waren gar nicht auf der Tribüne, sondern rauchten oder beteten in den Katakomben. Andere waren noch damit beschäftigt, Wasser zu organisieren oder zu verteidigen.
So kann man junge Leute natürlich auch aufheizen. Und dann wundert man sich später über Bilder, die um die Welt gehen.
Auf dem Platz spielte Rabat weiter ziemlichen Mist.
Mittlerweile konnte man sogar die rund 300 Gäste aus Südafrika akustisch wahrnehmen, die ganz oben in der Ecke platziert waren. Nicht riesig, aber plötzlich hörbar. Für ein Rückspiel in Rabat ist das schon bemerkenswert.
Dann bekam AS FAR noch einen zweiten Elfmeter.
Und verschoss.
Gefühlt gab das Stadion in diesem Moment auf.
Das Finale, das niemand mehr sehen wollte
Was danach passierte, ist bis heute eines der größten Rätsel meiner Hopperkarriere.
Ab der 80. Minute begannen die Leute kollektiv, das Stadion zu verlassen.
Beim Stand von 1:1. Im Champions-League-Finale. Bei einem Spiel, in dem AS FAR nur ein Tor brauchte, um die Verlängerung zu erzwingen.
Und Rabat war zu diesem Zeitpunkt sogar am Drücker. Hätten sie in den acht Minuten Nachspielzeit noch eine der Großchancen gemacht, hätten wir eine Verlängerung in einem CAF-Champions-League-Finale vor vielleicht 5000 verbliebenen Menschen erlebt.
Ich verstehe es bis heute nicht.
In der Nachspielzeit war das Stadion fast leer, während auf dem Rasen noch immer der wichtigste Titel des Kontinents entschieden wurde.
Parallel kam es ab der 80. Minute zu richtigen Jagdszenen zwischen verschiedenen AS-FAR-Ultragruppen. Den Auslöser kenne ich nicht. Ich sah nur junge Leute aus dem Oberrang stürzen, Treppen herunterfliegen und Gruppen, die plötzlich mehr mit sich selbst beschäftigt waren als mit dem Spiel.
Es war eine der merkwürdigsten Stimmungen, die ich je erlebt habe.
Die eigene Mannschaft braucht im wichtigsten Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte ein Tor, und gleichzeitig verlassen Tausende das Stadion, während sich Teile der Kurve gegenseitig jagen.
Dahinter steckt vermutlich mehr als nur dieses eine Spiel. Bei AS FAR gibt es spürbare Unzufriedenheit mit der sportlichen Situation, die durch den Finaleinzug vielleicht eher überdeckt als gelöst wurde. Funktionäre sollen sich mehrfach von europäischen Beratern blenden lassen haben, und ein guter Geschäftsführer wurde ohne klare Begründung vom Hof gejagt. Vielleicht erklärt das zumindest ein bisschen, warum die Geduld so schnell weg war.
Trotzdem: Für mich bleibt es schwer zu greifen.
Ich blieb mit einigen hundert anderen im Stadion und zog mir noch die Siegerehrung rein. Sundowns feierten ihren zweiten Champions-League-Titel. Die südafrikanischen Spieler und Fans wirkten verständlicherweise komplett beseelt. Für sie war es ein riesiger Moment. Für viele im Stadion war es da offenbar schon egal.
Danach hatte ich einen erstaunlich entspannten Heimweg.
Bemerkenswert war noch der Schiedsrichter: Omar Artan aus Somalia. Aktuell einer der meistbesprochenen Referees der Welt. Kurz zuvor hatten ihn die US-Behörden trotz Visum nicht einreisen lassen, wodurch er nicht bei der Weltmeisterschaft pfeifen durfte. Nach seiner Rückkehr nach Somalia wurde er wie ein Volksheld empfangen.
Stand jetzt soll sein nächstes großes Spiel der UEFA Super Cup sein.
Der Mann macht sein kleines Land auf jeden Fall stolz.


