Vor drei Monaten war ich schon einmal in Algier.

Damals rund um das Champions-League-Gruppenspiel von MC Alger gegen Al Hilal. Es wurde die wahrscheinlich verrückteste und eindrucksvollste Reise meines bisherigen Lebens. Ein Land, das ich vorher kaum greifen konnte, eine Stadt, die mich komplett überfordert und gleichzeitig begeistert hat, und eine Fanszene, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht.

Eigentlich war danach für mich klar: Algerien mache ich nicht einfach nochmal so zwischendurch.

Nicht, weil ich keine Lust hatte. Ganz im Gegenteil. Aber Algerien ist eben kein Land, bei dem man spontan morgens aufsteht, einen Billigflug bucht und abends im Stadion steht. Allein die Visathematik macht jede Reise zu einem kleinen Behördenprojekt.

Deshalb dachte ich eher: Nächstes Jahr nochmal. Dann aber richtig. Länger. Vielleicht mehr vom größten Land Afrikas sehen, nicht nur Algier und Fußball.

Nach drei Monaten schon wieder Algier

Dieser vernünftige Plan hielt ungefähr bis zur Endphase der Saison.

Dann sah ich den Spielplan und merkte: Das zweite Maiwochenende könnte komplett krank werden.

USM Alger sollte im CAF Confederation Cup Finale gegen Zamalek spielen. Mit ägyptischen Gästefans, was schon deshalb besonders ist, weil Gästefans in den nationalen Ligen beider Länder momentan generell untersagt sind.

MC Oran empfing ASO Chlef zum Westalgerien-Derby und hatte noch minimale Chancen auf die Champions League.

Und MC Alger konnte im eigenen Stadion zum zehnten Mal in der Vereinsgeschichte Meister werden.

Also praktisch Weihnachten, Geburtstag und Ostern an einem Tag.

Zum Visum und dazu, wie man so eine Tour logistisch überhaupt hinbekommt, habe ich in den letzten Algerien-Berichten schon genug geschrieben.

1:30 Uhr, andere Seite der Stadt

Dieser Bericht beginnt dagegen mitten in der Nacht.

Ich kam aus Oran zurück, wo ich gerade MC Oran gesehen hatte, und landete irgendwann völlig zerstört im trostlosen Domestic Terminal von Algier. Mein Hotel lag direkt am Flughafen. Eigentlich also eine einfache Sache: raus, Bett, schlafen.

Dann schrieb mein mittlerweile legendärer UK-Kontakt. Ich müsse noch meine Karte abholen. Am besten jetzt.

Natürlich lag die Karte nicht am Flughafen. Natürlich lag sie auf der komplett anderen Seite dieser Vier-Millionen-Metropole. Und natürlich war es inzwischen ungefähr 1:30 Uhr nachts.

Wer meine letzten Algerien-Berichte gelesen hat, ahnt vielleicht, welches Déjà-vu jetzt folgte.

Ich in Algier. Mein Freund in London. Er versucht, halb Alger zusammenzuklingeln, damit irgendein Fahrer mich nachts zwei Stunden durch die Stadt kutschiert. Der erste Taxifahrer hatte plötzlich keinen Bock mehr. Der zweite wurde von der Polizei rausgezogen, warum auch immer.

Und dann kam der Edeljoker.

Der gleiche Fahrer, der mich vor drei Monaten fast zur exakt gleichen Uhrzeit an exakt den gleichen Ort und zu exakt dem gleichen Trainingskomplex gefahren hatte.

Ich hätte wirklich nie gedacht, diesen Mann nochmal zu sehen.

Beim letzten Mal hatte er mir komplett den Arsch gerettet, bis 4 Uhr morgens Geld gewechselt, mir ein faires Hotelzimmer organisiert und dafür einen lächerlich niedrigen Betrag verlangt.

Diesmal kam er wieder. Das Schlagloch in seiner Frontscheibe war etwas größer geworden. Sein Lächeln aber auch.

Als wir uns erkannten, war ich trotz kompletter Übermüdung plötzlich wieder wach.

Solche Momente sind vielleicht der eigentliche Grund, warum man solche bescheuerten Reisen macht.

Peinlich war nur, dass ich die Ultrasticker und Hefte, die ich diesmal extra für meinen Ticketbesorger gesammelt hatte, im Hotel liegen gelassen hatte. Der Mann rettete mir wieder einmal den Arsch, und ich stand da ohne Geschenke. Ich hoffe wirklich, dass ich ihn nochmal sehe.

Fünf Stunden vor Anpfiff

Am nächsten Morgen ging es dann relativ unaufgeschlafen mit inDrive Richtung Port Said. Schwarzmarkt. Geld wechseln.

Diesmal zum deutlich besseren Kurs als beim letzten Mal. Frisch gepresste Fuffis und ein bisschen Basic-Arabisch bringen offenbar doch noch den ein oder anderen Dinar mehr. Das half später im Fanshop im Stadion, und ganz ohne Kohle wollte ich auch nicht los.

Ich schuldete meinem Hotel noch eine zweite Nacht, die ich nicht bezahlt hatte, plus 1.500 Dinar, die mir der Rezeptionist für Taxis vorgestreckt hatte. Mein Plan mit Oran, Nachtfahrt, Ticketaktion und Meisterspiel war, sagen wir mal, eng kalkuliert.

Im Stadion selbst wurde Geld dann allerdings wieder komplett überflüssig.

Einmal in den Fängen meiner fünf algerischen Freunde, war Rundumversorgung garantiert. Als ich mir kurz selbst eine Flasche Wasser holen wollte, gab es böse Blicke und die sehr deutliche Erklärung, dass ich hier Gast sei und nichts selbst zu zahlen habe.

Algerische Gastfreundschaft ist wirklich kein Konzept, sondern ein Befehl.

Fünf Stunden vor Anpfiff kamen wir am Stadion an. Und diesmal war noch mehr los als beim letzten Besuch.

Schon lange vor Anpfiff war praktisch das ganze Stadion eingebunden. Nicht nur die Hintertorseiten, sondern auch große Teile der übrigen Tribünen gingen mit.

Eigentlich hatte ich nach dem Al-Hilal-Spiel schon gedacht, viel krasser kann die Atmosphäre rund um Mouloudia kaum werden. Falsch gedacht.

In der Zeit, in der Mouloudia langsam die Meisterschaft klarmacht, verwandelt sich Algier in grün-weiß-rot. Nicht nur ein paar Fahnen an Balkonen. Ganze Straßenzüge, Wände, Autos, Cafés, Shops. Überall Banner, gemalte Bilder, Sprüche, Sticker und Streetart.

Algier ist sowieso schon eine der krassesten Streetart-Städte, die ich je gesehen habe. Vielleicht sogar die Nummer eins der Welt, wenn es um Fußball im Stadtbild geht. Aber in dieser Phase wurde nochmal eine Schicht draufgelegt.

Die letzten Wochen waren ohnehin voller Aktionen. Videos von tausenden Bengalos über dem Nachthimmel von Algier gingen viral und erreichten Millionen Menschen.

Sportlich war die Meisterschaft noch nicht komplett durch. Auf dem Papier war Belouizdad zwar punktemäßig weit weg, hatte aber noch Nachholspiele. Jetzt konnte im eigenen Stadion der zehnte Meistertitel klargemacht werden.

Erstmal musste ich aber durch den VIP-Eingang.

Beim letzten Mal hatte mich diese Kontrolle fast eineinhalb Stunden gekostet. Diesmal ging alles deutlich schneller, weil meine Visage den Verantwortlichen offenbar schon bekannt war.

Ich lief einem der obersten Chefs praktisch in die Arme. Er freute sich wie ein kleines Kind, dass ich mich noch an ihn erinnerte. Noch absurder: Er hatte meinen Bericht vom Champions-League-Spiel gelesen, nachdem irgendein Fanmedium ihn ins Arabische übersetzt hatte.

Ich muss ihn hier etwas anonym halten. Nur einen Tag später sollte er nämlich noch deutlich wichtiger werden, als ich beim CAF Confederation Cup Finale ohne Ticket und ohne Plan vorm Stadion stand.

Viele Polizisten wollten diesmal meinen Reisepass gar nicht mehr sehen, sondern eher mit mir quatschen. Dass ein Deutscher nach so kurzer Zeit wieder hier auftaucht, schien für viele komplett unglaublich. Wahrscheinlich zu Recht.

Gut war, dass ich mit meinen Jungs unterwegs war. Die schirmten mich vor sinnlosen Kontrollen, Gesprächen und neugierigen Abzweigungen ab. Ohne sie würde ich wahrscheinlich heute noch irgendwo am Eingang erklären, warum ich schon wieder in Algerien bin.

Geburtstag der Green Corsairs

Erstes Thema am Essensstand im VIP-Bereich: Die Green Corsairs feierten Geburtstag.

UGC 12, die größte und wichtigste der drei großen Mouloudia-Gruppen, hatte also nicht nur ein Meisterspiel, sondern auch noch ihren eigenen Tag. Dazu sollte es erstmals seit langer Zeit wieder eine visuelle Aktion geben.

Ultras Verde Leone gibt es seit 2018 nicht mehr, und in Algerien müssen Tifos von der Polizei genehmigt werden. Mouloudia hat sich deshalb praktisch selbst ein Choreoverbot auferlegt.

Also umging man das Ganze auf algerische Art.

Keine klassische Choreo. Stattdessen hunderte Doppelhalter, Strobos, Rauch und zwei große Spruchbänder. Alles zusammengefügt zu einer Aktion, die offiziell vielleicht keine Choreo war, optisch aber trotzdem sehr stark aussah.

Zum Geburtstag der Green Corsairs wurde aus der offiziell nicht ganz klassischen Choreo trotzdem eine ziemlich klassische Choreo: Doppelhalter, Rauch und eine volle Kurve.

Diesmal schien auch die Kapazitätsgrenze des Stadions nicht ganz so streng genommen zu werden. Zum ersten Mal in dieser Saison wurden wirklich alle Bereiche geöffnet. Die Hintertorseiten, eigentlich komplette Sitzplatzbereiche, platzten aus allen Nähten.

Knapp eine Stunde vor Anpfiff wurde der Einlass geschlossen. Wer draußen war, blieb draußen.

90 Minuten - Das ganze Stadion!

Was ich in Nordafrika immer wieder fast eindrucksvoller finde als das Spiel selbst, ist die Atmosphäre davor.

Viele erwarten wahrscheinlich, dass die Kurven dort 90 Minuten komplett durchziehen und alles andere egal ist. In Wirklichkeit ist die Stimmung oft viel spielbezogener, als man denkt. Vor dem Spiel bietet sich die Gelegenheit, komplett zu eskalieren. Gruppen singen ihre eigenen Lieder, ganze Blöcke messen sich gegenseitig, Melodien werden zwei Stunden vor Anpfiff mit einer Mitmachquote rausgehauen, die man in Europa selbst bei vielen Topspielen kaum sieht.

Und während des Spiels heißt es dann eher: eine Sprache sprechen.

Bei Mouloudia funktioniert dieses eine Sprache sprechen besser als bei fast jeder anderen relevanten Fanszene, die ich bisher gesehen habe.

Es geht weit über eine klassische Kurve hinaus. Im eigenen Stadion sind beide Hintertorseiten Stimmungskerne. Aber auch die Oberränge von Haupt- und Gegentribüne kann man eigentlich als Mitmachkurve einstufen. Dort wird über weite Strecken alles gegeben.

Vor allem die Komplexität der Texte und Melodien ist eine andere Welt. Das sind keine drei Wörter, die man nach zwei Minuten mitsingen kann. Viele Lieder wirken eher wie lange, verschachtelte Erzählungen, getragen von Melodien, die irgendwo zwischen Stadion, Straße und algerischer Popkultur liegen.

Pyro auf allen Seiten

Während des Spiels folgten unglaubliche Pyroaktionen auf allen Seiten. Bei internationalen Spielen wird offenbar etwas sparsamer gezündet, weshalb ich beim Al-Hilal-Spiel noch nicht alles davon gesehen hatte.

The Twelfth Player rauchten das ganze Stadion zu ihrem Klassikerlied ein und verpassten dabei sogar das erste Tor des Tages. Passend zu einem wieder einmal grandios schlechten Fußballspiel, von dem ich glücklicherweise ohnehin nicht viel mitbekam. Ich war viel zu beschäftigt damit, zu schauen, wo gerade wieder irgendwas in den Kurven passierte.

Auf der Virage Sud wurde zum Beispiel etwas gezeigt, das ich in der Form noch nie gesehen hatte: eine Schwenkfahne, an der Rauchtöpfe befestigt waren. Wochen später tauchte die Idee bereits in ersten europäischen Stadien über Social Media auf.

The Twelfth Player erinnerte außerdem daran, dass Nationalfeiertag war, mit optischen Elementen zur algerischen Flagge und einem Spruchband.

Und irgendwann brannte es praktisch überall: Rauch in den Vereinsfarben, algerische Fahnen und Fackeln verteilt über mehrere Tribünen.

Auf jede einzelne Aktion einzugehen würde wieder völlig den Rahmen sprengen. Und ehrlich gesagt bin ich mir sicher, dass das nicht mein letzter Bericht aus Algerien und ganz sicher nicht mein letzter Bericht über Mouloudia sein wird.

Sportlich war das Spiel überschaubar.

MC Alger ging in Führung, MB Rouissat glich später zum 1:1 aus. Aber selbst dieser Treffer änderte nichts daran, dass die Meisterschaft praktisch herbeigesungen wurde. Die Gästespieler genossen die Atmosphäre übrigens sichtbar. Kann man ihnen auch nicht verdenken. Man steigt nicht jeden Tag in ein Stadion, in dem 45.000 Menschen ein Spiel eher wie eine Staatsangelegenheit behandeln.

Der zehnte Titel

Kurz nach dem Ausgleich entflammte das ganze Stadion zum Abpfiff.

Dritte Meisterschaft in Folge. Zehnter Titel der Vereinsgeschichte.

Kein perfektes Spiel. Keine Meisterehrung. Kein großer offizieller Buskorso. Dafür wartete nur wenige Stunden später mit USM Alger gegen Zamalek im CAF Confederation Cup Finale schon das nächste Highlight auf Algier. Für die Polizei vermutlich die nächste 14-Stunden-Schicht.

Und für mich der nächste komplett absurde Tag.

Ich machte mich relativ zügig mit meinen algerischen Freunden vom Acker. Sie brachten mich sicher zurück ins Hotel. Draußen liefen die Feierlichkeiten natürlich weiter. Autos, Fahnen, Hupen, Gesänge, Menschen in Grün, Weiß und Rot.

Ich weiß, dass man bei Groundhopping schnell dazu neigt, alles als ‚besonders‘ zu verkaufen.

Aber Mouloudia ist wirklich besonders.

Nicht nur wegen der Menge. Nicht nur wegen Pyro. Nicht nur wegen Lautstärke. Sondern weil diese Fanszene eine ganze Stadt durchzieht. Weil man schon Stunden vor dem Spiel merkt, dass hier nicht einfach ein Verein Meister wird, sondern ein Teil von Algier sich selbst feiert.

Und weil man als ausländischer Gast manchmal einfach nur dasteht, übermüdet, komplett dankbar, mit zu viel Dinar in der Tasche und ohne Chance, sich selbst ein Wasser zu kaufen.

Algerien war eigentlich für nächstes Jahr geplant.

Am Ende war ich nach drei Monaten wieder da.

Und ich glaube nicht, dass es das letzte Mal war.