Die meisten Hopper machen Botswana eher nebenbei in der großen Länderpunkterunde mit Südafrika, eSwatini, Lesotho oder Mosambik und bleiben meist keine 24 Stunden. Ich hatte diesmal aus eher unglücklichen Umständen die Möglichkeit, etwas länger dort zu bleiben. Und ich muss wirklich sagen, dass das ziemlich schade ist. Gerade für Afrika-Einsteiger ist Botswana vermutlich eines der angenehmsten und entspanntesten Länder überhaupt.

Doch von Anfang an:

Von Johannesburg nach Botswana

Eigentlich flog ich wegen der günstigen Flüge und dem afrikanischen Champions-League-Finale nach Südafrika, hatte aber noch fast eine Woche Zeit bis zum Spiel in Pretoria. Schon ab der Landung erzählte mir jeder, wie gefährlich und brutal das Land sei. Dazu kam, dass ich völlig unterschätzt hatte, wie früh um diese Jahreszeit die Sonne untergeht. Nach 17 Uhr war gefühlt Schluss mit draußen bewegen und genau das hat mich irgendwann mental komplett genervt.

Zwar hatte ich in Nelspruit beim Spiel Galaxy gegen Sundowns eigentlich gute Erfahrungen gemacht, auch wenn ich der einzige Weiße im Stadion war, allerdings hatte ich bei der Hotelwahl komplett ins Klo gegriffen. Mein Hotel lag an einer Ecke voller Prostituierter und Drogensüchtiger, dazu kamen die üblichen Geschichten aus Touri- und Groundhopperberichten, die sich natürlich vor allem um die negativen Erlebnisse drehen.

Eigentlich wollte ich weiter nach eSwatini, aber wirklich jeder erklärte mir, wie gefährlich die Fahrt mit dem Kleinbus dorthin sei. Also zurück nach Johannesburg. Dort hatte ich einen Tag Zeit, um zu überlegen, wie es weitergeht. Und sagen wir mal so: Mein Besuch im CBD von Johannesburg war nicht unbedingt überzeugend.

Mein Taxifahrer setzte mich an einem laut eigener Aussage „schicken Ort“ ab, wo angeblich auch viele Touristen unterwegs seien. Als ich ankam, sah es eher nach dem exakten Gegenteil aus. Leute verbrannten mitten auf der Straße ihren Müll, von Andersfarbigen, wie mir, war weit und breit nichts zu sehen und die gesamte Atmosphäre war komplett angespannt.

Und das Verrückte ist: Eigentlich mag ich genau solche rohen, authentischen Orte. Wir waren schon in Roma-Gebieten in Bukarest oder Belgrad unterwegs und fanden das oft einfach sehr spannend. Aber Johannesburg CBD war wirklich mit Abstand das Härteste, was ich je gesehen habe. Riesige Hochhäuser voller Obdachloser, angebrannte Fassaden, vergitterte Fenster, Müllberge, Kinder mit Spielzeugwaffen, nirgendwo Polizei und überall dieses Gefühl, dass jederzeit etwas passieren könnte.

Irgendwann realisierte ich dann auf Google Maps, dass ich exakt zwischen zwei Bahnhöfen stand und jeweils fast 45 Minuten laufen müsste. Also blieb nur, möglichst selbstbewusst irgendeine Richtung einzuschlagen und zu hoffen, dass es hinter der nächsten Ecke besser wird. Das mit dem Selbstbewusstsein klappte halbwegs, auch wenn man als einzige Kartoffel natürlich komplett gescannt wurde, aber jede Ecke wurde einfach noch düsterer.

Am selben Abend entschied ich mich dann spontan, mit Air Botswana bis zum Finale erstmal nach Botswana zu verschwinden und Südafrika irgendwann mit Begleitung nochmal in Ruhe anzugehen.

Und was soll ich sagen: Botswana fühlte sich vom ersten Moment komplett anders an.

In meiner kleinen Propellermaschine für etwa 170 Euro hin und zurück saßen insgesamt sechs Leute. Als wir am topmodernen Flughafen in Gaborone ankamen, war unser Flugzeug das einzige auf der gesamten Rollfläche. Wirklich eine absurde, aber irgendwie großartige Erfahrung, wenn man aus einem Flieger aussteigt und direkt das Vogelgezwitscher hören kann.

Als ich nach der Landung kurz auf Toilette war und anschließend durch die Immigration wollte, war die Grenze schon wieder geschlossen, weil meine fünf Mitreisenden bereits durch waren. Das Putzpersonal organisierte dann kurzerhand einen Beamten, der mir noch schnell den Stempel in den Pass drückte.

Direkt danach wurde ich bereits von meinem Hotel abgeholt. Ebenfalls eine Premiere, weil ich noch nie in einer Preisklasse unterwegs war, wo Transfers inklusive sind. Für knapp 40 Euro bekam ich dort eine komplette Suite in einem richtig starken Hotel. Und das sogar in einer Woche, in der Ausnahmezustand herrschte, weil der ehemalige Präsident Festus Mogae gestorben war und Delegationen aus halb Afrika nach Gaborone kamen.

Was Botswana für mich so angenehm machte, war vor allem die Atmosphäre. Obwohl man meistens der einzige Weiße war, hatte ich nie das Gefühl, als Tourist oder wandelnder Geldautomat gesehen zu werden. Wahrscheinlich auch, weil der Tourismus dort deutlich kleiner ist als in vielen anderen afrikanischen Ländern. Mit Englisch scheitert man hier nirgendwo. Ich lernte ständig neue Leute kennen und hatte viele Gespräche auf absoluter Augenhöhe. Noch nie hab ich in einem Land so viele "Kontakte geknüpft" und interessante Gespräche gehabt mit allerlei Menschen.

Wer einen guten Platz wollte, suchte sich einfach eine Lücke zwischen den Autos oder einen erhöhten Aussichtspunkt. Selbst hinter dem Tor wurde jede freie Fläche genutzt. In Mochudi brauchte es keine gebaute Tribüne, um für eine ordentliche Dorfspielkulisse zu sorgen.

Auf Spielplansuche in Botswana

Bei der verzweifelten Suche nach einem Spielplan schrieb ich im Vorfeld sämtliche Facebookseiten über die Whatsapp Funktion an, die irgendwie etwas mit Fußball in Botswana zu tun hatten. Besonders bedanken muss ich mich dabei bei „BW Football Arena“.

Dort antwortete mir ein extrem netter und fachkundiger Typ, der mir mehrere Spiele organisierte, die ich sonst niemals gefunden hätte. Außerdem berichtete er mir von der Verlegung der Pokalhalbfinals von Francistown nach Gaborone: Letztendlich auch der letzte Push, wirklich nach Botswana zu fliegen.

Am nächsten Tag stand dann die wunderschön trostlose Donnerstag-15-Uhr-Ansetzung der regionalen Drittliga-Aufstiegsrunde auf dem Programm. Eigentlich genau die Art Spiel, bei der man mit 20 Zuschauern an nem KR mit na Gammel-5-Stufen-Stahlrohr und kompletter Tristesse rechnet.

Das größte Problem war allerdings erstmal überhaupt herauszufinden, wo gespielt wird. Auf jeder Seite stand ein anderer Name des Grounds und keine einzige Adresse war auffindbar. Selbst beim Fußballverband in Gaborone war man sich nicht ganz sicher, wo das Spiel genau stattfindet. Rückblickend logisch, weil auf Asche und Sand gespielt wurde und der Platz auf Google Maps praktisch nicht zu erkennen war.

Irgendwann fand sich dann doch jemand, der mir das Ziel in die inDrive-App eintippte und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendein Taxifahrer bereit war, mich nach Mochudi zu fahren.

Weil ich etwas Sorge hatte, nach Abpfiff im Dunkeln keinen Rückweg mehr zu finden, bot ich meinem Fahrer statt fünf Euro für die Hinfahrt direkt zwölf Euro plus Verpflegung und Eintritt an, wenn er einfach mit zum Spiel kommt und mich danach wieder zurückbringt.

Für ihn war das sowieso perfekt, denn Mochudi war der Ort, an dem er früher zur Schule gegangen war und den er seit Jahren nicht mehr besucht hatte. Nachdem ich ihm an der Tankstelle noch eine kalte Cola ausgab, war ich endgültig sein Lieblingsgast.

Keine Tribüne, keine Sitzschalen, dafür Klappstühle, Sonnenschirme und jede Menge Autos am Spielfeldrand. Der kleine Sandplatz in Mochudi war mit über 900 Zuschauern deutlich besser besucht als so mancher Profifußball in Botswana.

Über 900 Leute am Sandplatz

Und dann kamen wir am Ground an.

Überall standen Autos zwischen Büschen und kleinen Wegen geparkt, Menschen liefen durcheinander, Händler verkauften Essen und es war wirklich das komplette Gewusel, mit dem ich niemals gerechnet hätte.

Fliegende Händler verteilten für umgerechnet etwa 1,50 Euro kleine Papierbändchen als Eintrittskarten. Wer VIP wollte, bekam einen orangenen Sticker fürs Auto und durfte theoretisch bis an die Seitenlinie fahren. Als wir ankamen, war dafür allerdings längst kein Platz mehr und wir parkten irgendwo in vierter Reihe hinter der Feuerwehr.

Der kleine Sandplatz platzte aus allen Nähten und meine Erwartungen wurden innerhalb von Sekunden überstiegen. Natürlich hat man schon größere Finals oder Derbys erlebt, aber selten wurde ich bei einem Spiel mit so niedrigen Erwartungen derart begeistert.

Ich liebe auch in Deutschland nichts mehr als erste Pokalrunden, Landespokal oder irgendwelche Kreisliga-Derbys, bei denen halb das Dorf plötzlich um einen Sportplatz steht. Genau dieses Gefühl auf der anderen Seite des Kontinents zu erleben, war wirklich etwas Besonderes.

Der Ground selbst bestand praktisch nur aus einem Sandplatz mit Parkmöglichkeiten rund ums Feld. Auf der Hauptseite befand sich ein kleiner Hügel mit Büschen, die Schatten spendeten und dadurch automatisch als Haupttribüne dienten.

Dazu diese geniale südafrikanische Kofferraumkultur: Überall wurde gegrillt, Getränke gemischt, Eiswürfel verteilt und aus offenen Kofferräumen kleine Bars gebaut. Wirklich beeindruckend, wie vorbereitet die Leute dort ankamen. Mit Sonnenschirmen, Klappstühlen, Boxen und ganzen Getränkekisten.

Am Ende waren sicher über 900 Leute dort.

Grätschen mit Staubwolke statt Rasenpflege: Beim Drittliga-Aufstiegsspiel zwischen Mochudi Eastern Tigers und Thamaga Swallows wurde auf blanker Erde gespielt. Die Zuschauer standen teilweise nur wenige Meter neben dem Spielfeld.

Ein Olympiasieger auf diesem Platz?

Und noch eine Geschichte machte die Runde rund um diesen kleinen Sandplatz. Mehrere Zuschauer erzählten mir, dass hier an der Sedibelo Junior Secondary School (deshalb übrigens JSS) einst auch der größte Sportheld des Landes trainiert haben soll: Letsile Tebogo.

Tebogo gewann 2024 über 200 Meter die erste olympische Goldmedaille der Geschichte Botswanas und ist seitdem im ganzen Land eine Art Volksheld. Als ich wenige Tage später durch Gaborone lief, sah man sein Gesicht gefühlt überall. In einem Land mit nur rund 2,5 Millionen Einwohnern kennt ihn wirklich jeder. Nach seinem Olympiasieg erklärte die Regierung sogar einen halben Feiertag und das ganze Land stand Kopf.

Ob er tatsächlich genau auf diesem Platz trainiert hat, kann ich natürlich nicht überprüfen. Aber ganz ehrlich: Die Vorstellung, dass der schnellste Mann Afrikas seine ersten Schritte auf demselben staubigen Sandplatz gemacht haben könnte, auf dem heute die Aufstiegsrunde der dritten Liga ausgetragen wird, passt irgendwie perfekt zu diesem Ort.

Das Spiel natürlich bei all den Eindrücken Nebensache, aber nach 29 Minuten ging Mochudi Eastern Tigers mit 1:0 gegen Thamaga Swallows in Führung. 2:1-Endstand für Eastern Tigers und damit ausgelassene Stimmung.

Am Ende half der Sieg allerdings keinem der beiden Teams wirklich weiter. Eastern Tigers und Thamaga Swallows landeten letztendlich nur auf Platz zwei beziehungsweise drei der Aufstiegsrunde und verpassten beide den Sprung nach oben.

Mit unglaublich vielen Leuten kam ich an diesem Nachmittag ins Gespräch. Es wurde sogar Pizza verkauft, ständig Telefonnummern ausgetauscht und irgendwann durfte ich meinem neuen Freund Boniface erklären, dass es in Deutschland tatsächlich einen Fußballspieler mit seinem Namen gibt.

Zurück ging es anschließend entlang wunderschöner Straßen vorbei an Wasserbüffeln, wilden Pferden und Ziegen zurück nach Gaborone, wo dank der Hilfe vieler Menschen noch eine weitere kleine unvergessliche Episode folgen sollte.

Es folgten danach noch viele weitere Spiele in Botswana, darunter auch die beiden Pokalhalbfinals vor mehreren tausend Zuschauern im Nationalstadion.

Aber nichts kam auch nur ansatzweise an diesen Nachmittag in Sedibelo JSS heran.