Bevor wir in den nächsten Tagen tiefer in unsere lange Asienreise einsteigen, fangen wir mal klein an.

Oder zumindest so klein, wie man in Hongkong anfangen kann, wenn im Hintergrund Pferderennbahn, Hochhäuser, Clubhaus-Luxus und Flutlicht stehen.

Zentralasien wurde auf dieser Reise komplettiert, China und Hongkong standen wieder auf dem Plan, und natürlich wird es noch um aktive Fanszenen, lokale Fußballkultur und diese schwer zu übersetzende Frage gehen, ob man in Asien wirklich von Ultras sprechen kann oder ob wir Europäer da manchmal einfach zu schnell unsere eigenen Schubladen aufziehen.

Heute aber erstmal: Glücksfund.

Bunte Sitzschalen, Kunstrasen und gerade einmal 114 Zuschauer: Der Hong Kong Football Club bietet eine durchaus ungewöhnliche Bühne für ein Sechstorespiel in der First Division.

Golden Week und der Weg nach Happy Valley

Eigentlich war der Spielplan nicht besonders passend. Länderspielpause, dazu ein FIFA-Turnier in Hongkong, weshalb in der Premier League nichts lief. Den League Cup mit sogar interessanteren Spielen übersahen wir zunächst klassisch souverän. Kann passieren.

Da chinesischer Nationalfeiertag war, waren Hotels in Hongkong komplett absurd teuer. Golden Week soll man als Tourist angeblich vermeiden. Wir haben sie eher genutzt und ein bisschen gespürt. Nicht ganz so apokalyptisch, wie es soziale Netzwerke gerne verkaufen, aber voll war es natürlich trotzdem. Pro Tag kamen über 1,5 Mio. Festlandchinesen nach Hongkong, und am Ufer oder auf dem Weg zum Peak merkte man das schon.

Der Peak ist dabei herrlich klassisch China: schönster Aussichtspunkt der Stadt, also natürlich direkt noch einen Konsumtempel oben draufballern. Aussicht? Ja. Natur? Kurz. Shopping? Immer.

Wir pendelten deshalb aus Shenzhen rein. Klingt erstmal nervig, klappte aber erstaunlich entspannt. Eine halbe Stunde Metro, Grenzformalitäten, ein bisschen Papierkram, fertig.

Zum Tagesabschluss blieben wir auf Hong Kong Island, also dem touristisch spannenderen Teil der Stadt. Dort fiel die Wahl auf das Hong Kong Football Club Stadium im Happy Valley.

Und das ist allein schon ein Treffer.

Wo andernorts die Bratwurstbude steht, gibt es hier ein ordentlich ausgestattetes Clubhaus mit Restaurant und Blick aufs Spielfeld. Hongkonger Amateurfußball hat eben seine Eigenheiten.

Fußball mitten in der Pferderennbahn

Happy Valley Racecourse ist eine Anlage, bei der man sofort versteht, warum Hongkong als Stadt so speziell ist. Eine Pferderennbahn mitten zwischen Hochhäusern, Straßen, Licht, Lärm und Geld. Kein Stadion am Stadtrand, sondern eine riesige Rennbahn in einer der dichtesten Städte der Welt.

In den Innenraum dieser Rennbahn wurden Sportplätze gelegt. Fußball, Rugby, Hockey, Trainingsfelder. Schon ein normaler Platz dort hätte gereicht: Ein Kunstrasen zwischen Hochhäusern, dazu diese riesige VIP-/Logen-/Restaurant-Tribüne der Rennbahn im Hintergrund.

Aber eines dieser Felder ist sogar ein richtiges kleines Stadion.

Zwei überdachte Tribünen. Stark angewinkelte Sitze. Becherhalter. Viel mehr Komfort als man bei einem Zweitligaspiel vor 114 Leuten erwarten würde. Ähnlich wie ein amerikanisches Baseballstadion.

Wir beeilten uns vorher noch, die doppelstöckigen Straßenbahnen mitzunehmen. Als Ostberliner hat man für Straßenbahnen natürlich grundsätzlich eine Restzuneigung, selbst wenn sie auf der anderen Seite der Welt fahren. Danach ging es halbwegs pünktlich Richtung Stadion.

Oder besser: fast zu pünktlich.

Denn als wir ankamen, lief auf einem anderen Platz gerade noch ein weiteres Spiel in der 70. Minute.

Hongkong eben.

Das hätte ich von meiner letzten Tour wissen müssen. In Hongkong wird gefühlt immer irgendwo Fußball gespielt. Freitagabend, Sonntagabend, kurz vor 22 Uhr, egal. Platzmangel sei Dank wird hier gestapelt, geschoben und durchgetaktet. Nach unserem Spiel wärmten sich schon wieder die nächsten Spieler auf.

Für Groundhopper ist das eigentlich ein Traum.

Man muss nur die Website des Hongkonger Fußballverbands öffnen. Dort sind wirklich Ligen, Spielorte und Ansetzungen erstaunlich ordentlich gelistet. Dazu kommen noch alternative Strukturen, Freizeitligen, Schul- und Uni-Teams, Expat-Mannschaften und die Yau Yee League, in der unter anderem auch die German All Stars auftauchen.

Hongkong-Fußball ist also nicht nur ein Verband, eine Liga und fertig.

Es ist eher ein kleiner, enger, ziemlich gut organisierter Parallelkosmos, der sich absolut von China abhebt.

Erst ein Bier mit Vereinswappen und Blick aufs Spielfeld, dann wieder direkt ans Tor: Zwischen Clubhaus-Komfort und First-Division-Fußball liegen hier nur wenige Meter.

Vereinsheim auf Golfclub-Niveau

Das Hong Kong Football Club Stadium gehört natürlich zum Hong Kong Football Club. Einer dieser alten Kolonialclubs, bei denen wir schon am Eingang merkten, dass hier nicht jeder einfach mit Plastiktüte und verschwitztem Shirt hineinspaziert. Pelé war hier schon zu Gast, Gianni Infantino ein Tag vor uns auch. Unser eigentliches Highlight war aber nicht die Prominenz, sondern das Vereinsheim.

Wobei Vereinsheim fast beleidigend klingt.

Das Ding wirkt eher wie Golfclub, Luxushotel und britischer Kolonialrest in einem.

Am Eingang wurden wir von einem gut gekleideten Portier freundlich, aber ziemlich eindeutig darauf hingewiesen, dass dieser Bereich nur für Mitglieder sei. Man schien generell nicht ganz zu verstehen, warum hier zwei Nichtmitglieder ohne Einladung auftauchen, nur weil irgendwo 22 Menschen gegen einen Ball treten.

Verständlich.

Am Ende ging es über einen Besuchereingang dann doch rein. Erst kurz auf die Tribüne, dann relativ schnell in das hell erleuchtete Restaurant hinter dem Tor. Gemütlich, sauber, klimatisiert, mit Blick auf den Platz. Das fast ausschließlich weiße, englischsprachige Publikum konsumierte fröhlich vor sich hin.

Bei fast zehn Euro für ein 0,5er Fassbier mussten wir kurz schlucken.

Dann sahen wir, dass es immerhin zwei Eigenmarken gab. Biere, die speziell für den Club gebraut wurden. Eines mit dem Gründungsjahr im Namen, eines namens Lockhart’s. Da gibt man dann natürlich doch auf.

Neben uns ließen drei Damen einen fast vollen Pitcher stehen und gingen einfach.

In diesem Moment wird einem kurz die Vermögensverteilung in Hongkong klar.

Während auf dem Kunstrasen des Hong Kong Football Club gespielt wird, sorgt eine kleine Gruppe aktiver Fans unter der Tribüne mit Gesängen und Gesten für Stimmung.

3:3, rote Karte und zurück nach Shenzhen

Sportlich war Lucky Mile gegen New Fair Kui Tan FC dann überraschend unterhaltsam.

Lucky Mile ist die zweite Mannschaft des Hong Kong Football Club. Also sportlich eher der kleinere Ableger eines sehr großen Clubs. Trotzdem führte man hier bereits 3:1. New Fair Kui Tan kam aber zurück, trotz roter Karte, und erzielte in der vierten Minute der Nachspielzeit noch das 3:3.

Kui Tan lief nach dem 1:3-Rückstand weiter fleißig an. 69. Minute das 2:3, danach mehrere Chancen, ab der 85. Minute sogar in Unterzahl, und dann in der Nachspielzeit die Belohnung: Ecke, Flugkopfball, Ausgleich.

Kann man so machen.

Direkt nach Abpfiff ging es wieder Richtung Grenze.

Letzte volle Metros, müde Beine, wieder Einreisebogen ausfüllen, zurück nach Festlandchina.