Auch in der neueren Heimat verstecken sich noch kleine Perlen.
Man muss nur manchmal mit zu wenig Luft im Hinterrad losfahren, zwanzig Minuten vor Anpfiff merken, dass Arnhem-Noord doch hügeliger ist als der eigene Optimismus, und dann verschwitzt an einem Sportpark auftauchen, bei dem man eigentlich gar nicht wegen des Spiels kommt.
VDZ Arnhem gegen VV Germania Groesbeek vor lockeren 80 Zuschauern.
Normalerweise ist das für mich ein Spiel, bei dem ich einchecke, einmal ums Gelände laufe, was trinke und mich nachher frage, ob ich nicht doch lieber Wäsche hätte waschen sollen.
Diesmal nicht.
Eine Tribüne mit mehr Geschichte als viele Profiklubs
Denn auf Sportpark ’t Cranevelt steht noch eine dieser Tribünen, die mehr erlebt hat als die meisten Vereine im niederländischen Profifußball. Eine alte Holztribüne, 1923 eröffnet, gebaut für Eendracht Arnhem, später von VDZ übernommen, und nach allem, was man so liest, wahrscheinlich die älteste noch für Fußball genutzte überdachte Tribüne der Niederlande.
Das ist natürlich genau die Art Satz, bei der Groundhopper leicht glasige Augen bekommen.
Ich auch.
Zumal ich schon vorher einiges über diese Tribüne gelesen hatte bei In de Hekken, für mich weiterhin einer der empfehlenswertesten Kanäle, wenn es um niederländische Fankultur, alte Sportparks und Fußball abseits der Eredivisie-Glatze geht. 2019 waren sie schon hier und schrieben ziemlich verliebt über das Holz, das Knarzen, die Seitenscheiben, die alten Bänke und diesen kleinen Fußballschatz in Arnhem-Noord.
Damals stand auch schon im Raum, dass die Tribüne irgendwann verschwinden wird.
Nur wusste ich nicht: Steht sie noch? Ist sie schon weg? Wird sie morgen abgerissen? Oder gehört sie zu diesen niederländischen Vereinsprojekten, über die seit Jahren gesprochen wird, während am Ende doch wieder jemand ein neues Sponsorenbanner dranschraubt und alles noch zehn Jahre so bleibt?
Also hin.
Und ja, sie steht noch.
Aber man merkt leider auch: Lange wahrscheinlich nicht mehr.
100 Jahre VDZ und ein Neubau an der falschen Stelle
VDZ feiert gerade 100 Jahre. Das sieht man überall auf dem Sportpark. VDZ wirkt wie ein richtig gesunder niederländischer Amateurverein: viele Teams, viele Mitglieder, gute Anlage, viel Betrieb, dieses typische Vereinsheimleben eben.
Und genau in diesem Jubiläumsjahr soll der Verein den nächsten großen Schritt machen.
Ein neues Clubhaus.
Modern, groß, funktional, wahrscheinlich für die kommenden Jahrzehnte absolut sinnvoll. Wer niederländische Sportvereine kennt, weiß, wie wichtig so ein Vereinsheim ist. Empfang, Kantine, Treffpunkt, Schaltzentrale, Elternwartezone, Sponsorenecke, dritte Halbzeit und halber Dorfplatz in einem.
Ich gönne VDZ dieses neue Clubhaus wirklich.
Nur leider kommt es ausgerechnet dorthin, wo heute die alte Tribüne steht.
Und da wird es dann etwas bitter.
Denn die Tribüne ist nicht mehr in dem romantischen Zustand, den man sich nach alten Fotos und Liebeserklärungen vielleicht erhofft. Das Holz lebt noch, aber eher so, wie ein alter Mann lebt, der im Vereinsheim immer noch seinen festen Platz hat und sich weigert, zum Arzt zu gehen. Schmierereien, ein ziemlich trauriges Innenleben, zwei lieblos aufgehängte Werbebanner, die dem Ding ungefähr so gut tun wie ein Werbeaufsteller vor einer gotischen Kirche.
Man sieht leider: Hier wurde nicht mehr wirklich versucht, das Schmuckstück zu retten.
Eher wurde es geduldet.
Vielleicht ist das ungerecht. Vielleicht gab es Gutachten, Kosten, Brandschutz, Bausubstanz, Sicherheitsfragen und am Ende eine Excel-Tabelle, in der Nostalgie leider keine eigene Spalte hatte. Kann alles sein.
Aber wenn man davorsteht, tut es trotzdem weh.
Gerade weil das neue Vereinsheim vermutlich richtig stark wird. Nur eben an der völlig falschen Stelle. Es ist ein bisschen so, als würde man bei einem alten Familienfoto sagen: Schönes Bild, aber der Rahmen ist unpraktisch, wir stellen jetzt den Router davor.
Natürlich ist ein Verein kein Museum.
Das ist der Satz, den man sich als Hopper in solchen Momenten immer selbst sagen muss, bevor man zu pathetisch wird und anfängt, mit einer Holzbank über Denkmalschutz zu sprechen. VDZ muss funktionieren. VDZ braucht Kabinen, Räume, Einnahmen, barrierearme Lösungen, zeitgemäße Infrastruktur. Der Verein lebt nicht davon, dass ein paar Deutsche und Niederländer einmal im Jahr vorbeikommen und „lekker tribunetje“ murmeln.
Trotzdem bleibt die Frage, ob wirklich alles Alte nur dann einen Wert hat, wenn es noch praktisch ist.
Denn diese Tribüne ist nicht irgendein altes Dach.
Sie ist ein Stück niederländische Fußballgeschichte. Nicht die große, laute Geschichte von Ajax, Feyenoord oder PSV. Sondern die viel wichtigere kleine Geschichte: Sportpark, Holz, Sonntag, Vereinsleben, achtzig Zuschauer, Kaffee im Clubhuis und irgendwo ein Linienrichter, der nach dem Spiel noch beleidigt ist.
Genau davon gibt es immer weniger.
Germania, Streit und ein bisschen Amateurfußball
Das Spiel passte dann immerhin ganz gut zum Rahmen.
Germania Groesbeek ist schon vom Namen her ein sympathischer Gast. Dazu kommt: Groesbeek ist eine dieser niederländischen Fußballgemeinden, in denen gefühlt hinter jedem zweiten Gartenzaun jemand früher mindestens Hoofdklasse gespielt hat. Germania, De Treffers, Achilles’29, Juliana’31 nicht weit weg.
Auf dem Platz wurde es ordentlich unterhaltsam.
VDZ ging kurz nach der Pause 1:0 in Führung, konnte das aber nicht lange halten und lag wenig später 1:2 hinten. Danach wurde es etwas hitziger, am Ende kam VDZ nach einer Ecke noch zum 2:2. Laut Germania wurde der Torwart dabei „deutlich behindert“. VDZ stellte danach auf Instagram sinngemäß die Frage, was die Leute davon halten.
Sehr niederländisch.
Erst Spielbericht schreiben, dann VAR-Kommission in den Kommentaren eröffnen.
Ich stand nicht perfekt, aber sagen wir so: Für einen neutralen Sonntagnachmittag war es genau die richtige Menge Streit.



