Seit ich in den Niederlanden wohne, gehört die erste Runde des KNVB-Pokals zu meinen absoluten Höhepunkten des Groundhopping-Jahres.
Gut, die Relegationsspiele im Mai sind ebenfalls schwer zu schlagen. Aber wenn im Oktober plötzlich Profivereine auf irgendwelchen Amateurplätzen auftauchen, zusätzliche Tribünen gebaut werden und der halbe Ort zum Sportpark pilgert, bin ich eigentlich immer dabei.
Dieses Jahr war die Auswahl allerdings gar nicht so einfach.
Einige der üblichen Verdächtigen wie Spakenburg und Katwijk waren bereits in der Qualifikation ausgeschieden. Dazu gab es einige reine Amateurduelle, die mich nicht ganz so reizten. Die betreffenden Vereine kann man schließlich mit etwas Losglück auch in der zweiten Runde noch besuchen.
Trotzdem sollten am Ende drei neue Grounds und drei Pokalüberraschungen herausspringen.
Am Dienstag hatte ich bereits erlebt, wie Excelsior’31 aus Rijssen den Erstligisten ADO Den Haag im Elfmeterschießen ausschaltete. Am Donnerstag sollte es noch nach Groesbeek zu De Treffers gehen.
Dazwischen lag der Mittwochabend in Genemuiden.
Und der war mindestens genauso gut.
Ein Fußballverein zwischen den Derbys
SC Genemuiden empfing mit FC Dordrecht einen Zweitligisten, der im niederländischen Profifußball für mich irgendwie immer noch zu den grauen Mäusen gehört.
Sportlich ist das zwar nicht ganz fair. Dordrecht erreichte 2024 und 2025 immerhin die Aufstiegs-Playoffs. Aber wenn ich an große niederländische Fußballadressen denke, kommt mir die Krommedijk trotzdem nicht unbedingt als Erstes in den Sinn.
In Genemuiden war das natürlich anders.
Der Verein spielt in der Derde Divisie, also der vierten Spielklasse, und liegt in einer Gegend, die für ihren Amateurfußball ziemlich bekannt ist.
Kampen, Staphorst, Urk und Genemuiden – hier gibt es zahlreiche Traditionsvereine, deren Nachbarschaftsduelle teilweise erstaunlich große Aufmerksamkeit bekommen.
Besonders die Begegnungen mit Staphorst gehören zu den intensiveren Amateurderbys der Region. Erst im September hatte Genemuiden den Rivalen im Pokal mit 3:2 ausgeschaltet und sich damit für die erste Hauptrunde qualifiziert.
Auf älteren Bildern dieser Spiele hatte ich schon häufiger eine erstaunlich volle Anlage gesehen.
Genau deshalb stand Sportpark De Wetering länger auf meiner Liste.
Nicht unbedingt wegen seiner Architektur. Eher, weil ich den Ground einmal richtig voll erleben wollte.
Auch das alte Vereinslogo gefällt mir ausgesprochen gut. Ein Fußballer im klassischen Stil, weit entfernt von diesen modernen Vereinswappen, die aussehen, als hätte sie eine Marketingagentur innerhalb von fünf Minuten entworfen.
2.500 Menschen auf einem Sportpark
Schon bei der Ankunft merkte man, dass hier etwas Besonderes anstand.
Die ursprünglich etwas komplizierte Kartenfrage hatte sich dank der Unterstützung des Vereins unkompliziert lösen lassen. Dafür noch einmal vielen Dank!
Für zehn Euro gab es eine richtige Eintrittskarte aus Pappe.
Inzwischen ist das ja beinahe schon erwähnenswert.
Und dann ging es auf die Anlage.
Das Stadion selbst ist eigentlich relativ unspektakulär. Eine kleine, ältere Sitzplatztribüne, einfache Stehbereiche und ein paar Gebäude, die nicht unbedingt den Eindruck vermitteln, hier würde regelmäßig Profifußball gespielt.
Aber genau das mag ich.
Besonders schön fand ich den alten Sprecherturm an der Ecke des Sportparks, an dem man beim Betreten der Anlage fast schon unten durchgeführt wird.
So ein Ding sieht man auch nicht mehr alle Tage.
Dazu die kleine Sitzplatztribüne, die früher in den Niederlanden wahrscheinlich ziemlich gewöhnlich war, inzwischen aber langsam zum Liebhaberstück wird.
Der Rest des Geländes war an diesem Abend ohnehin kaum noch zu erkennen.
Überall standen Menschen.
Vor allem die Gegengerade war beeindruckend voll. In der Mitte drängten sich die Zuschauer so eng zusammen, dass das fast schon wie ein größerer Fanblock wirkte.
2.500 Zuschauer, Flutlicht, etwas Nieselregen und diese typisch niederländische Mischung aus Familien, älteren Stammgästen, Jugendlichen und Leuten, die sich seit Jahren kennen.
Das sah richtig gut aus.
Zum Einlauf gab es ein paar Luftschlangen, die über das Spielfeld geschossen wurden. Keine besonders große Choreografie, aber das musste es auch nicht sein.
Die volle Gegengerade machte optisch schon genug her.
Und dann wurde tatsächlich gesungen.
Nicht nur kurz nach Anpfiff, sondern immer wieder über den Abend verteilt. Gerade bei Angriffen von Genemuiden ging das Publikum richtig mit.
Auch im Vergleich zu den beiden anderen Pokalsensationen meiner Woche fand ich die Stimmung hier besonders stark. Es war dann doch mehr englisches Flutlichtflair, als Dorffest oder Saufveranstaltung.
In Rijssen war das ganze Rahmenprogramm vielleicht größer, in Groesbeek gab es andere interessante Aspekte.
Aber dieses kollektive Mitgehen eines ganzen Sportparks hatte in Genemuiden etwas Eigenes.
Auf Fotos und Videos lässt sich das leider nur schwer vermitteln.
Pommes, Bier und ein Vereinsheim im Umbau
Auch abseits des Platzes bot Genemuiden genau die Art Amateurfußball, die ich gerne mitnehme.
Das eigentliche Vereinsheim wird derzeit umfangreich umgebaut. Der neue Komplex soll im Frühjahr 2027 fertig werden. Entsprechend provisorisch wirkte an diesem Abend einiges.
Unter anderem der kleine Kabinentrakt, in dem sich die Spieler von FC Dordrecht auf ihren Pokalabend vorbereiten durften.
Man kann hoffen, die Profis haben den Ausflug ein bisschen als Rückkehr zu den Wurzeln verstanden.
Und während vielerorts bei solchen Spielen sofort über unzureichende Infrastruktur diskutiert wird, funktionierte der Pokalabend hier trotz Baustelle erstaunlich gut. Mittlerweile versteht das auch der zuständige TV-Sender ESPN, der diese Kuriositäten und das "Unperfekte" für sich zu vermarkten weiß.
Das alte Vereinsheim beziehungsweise die Kantine war weiterhin zugänglich, lag aber etwas abseits des eigentlichen Spielgeschehens.
Dafür bekam man dort wirklich gute Pommes und eine ordentliche Versorgung.
Die Einrichtung hatte diesen schönen altmodischen Charme, bei dem ich sofort an die Siebziger- oder Achtzigerjahre denken musste.
Wahrscheinlich haben hier mehrere Generationen Genemuider nach dem Fußball zusammengesessen und über den Schiedsrichter gemeckert.
Schade eigentlich, wenn solche Räume irgendwann verschwinden.
Aber natürlich braucht ein großer Amateurverein auch zeitgemäße Räumlichkeiten.
Weniger begeistert war ich von den Alkoholregeln.
Im Zuschauerbereich durfte offenbar kein Bier getrunken werden. Zumindest wurde das an diesem Abend ziemlich konsequent umgesetzt.
Ich weiß noch, wie bei früheren Pokalspielen selbst nach Ausschreitungen teilweise riesige Glas-Pitcher durch die Gegend getragen wurden. Inzwischen scheint man zumindest bei solchen Veranstaltungen deutlich strenger geworden zu sein.
Einige Zuschauer fanden aber ihre eigene Lösung.
Bier im Vereinsheim holen, anschließend durch die Hecke auf das Spielfeld schauen.
So geht niederländischer Amateurfußball offenbar auch.
Etwas traurig fand ich nur die Menge an stehen gelassenen Getränken, als die Leute zum Anpfiff wieder Richtung Platz mussten.
Manche Becher waren noch fast voll.
Entweder war das Bier erstaunlich günstig oder die Vorfreude auf den Pokal einfach größer.
Kein Käfig, dafür aber auch kein echter Gästeblock
Auch aus Dordrecht waren einige Anhänger angereist.
Sie standen nicht wirklich in einem erkennbaren Gästebereich. Hatten zwar ihre Fahnen aufgehängt, aber eine strikte Trennung beider Fangruppen gab es nach meinem Eindruck aber nicht.
Das gefiel mir.
In Rijssen hatte ich am Vortag noch erlebt, wie künstliche Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen die Atmosphäre eher unnötig aufgeheizt hatten.
In Genemuiden ging es deutlich entspannter zu.
Man konnte sich relativ frei bewegen, verschiedene Bereiche anschauen und das Spiel ohne großen Sicherheitszirkus verfolgen.
Wie unterschiedlich das in den Niederlanden gehandhabt wird, sollte sich am folgenden Abend in Groesbeek noch einmal zeigen. Dort waren beim Pokalspiel von De Treffers gegen Heracles Almelo überhaupt keine Gästefans zugelassen.
Aber dazu im nächsten Bericht mehr.
Ein Jubel, den ich so kaum erlebt habe
Sportlich entwickelte sich die Begegnung zu genau dem Pokalspiel, das man sich als neutraler Zuschauer wünscht.
Genemuiden begann mutig und ging bereits in der zehnten Minute durch Thijmen de Lange in Führung.
Dordrecht glich kurz vor der Pause aus und drehte die Partie in der 55. Minute sogar zum 1:2.
In solchen Momenten merkt man häufig, wie der Profiverein langsam die Kontrolle übernimmt und der Amateurclub irgendwann nicht mehr hinterherkommt.
Genemuiden hatte aber andere Pläne.
Sander Egbers erzielte in der 65. Minute den Ausgleich.
Und in der 79. Minute stand er erneut richtig.
3:2.
Was danach auf der Gegengeraden los war, werde ich so schnell nicht vergessen.
Es ist wirklich beeindruckend, was passiert, wenn ein ganzer Sportpark plötzlich merkt, dass der eigene Verein einen Profiklub aus dem Pokal werfen könnte.
Kein komplizierter Gesang, kein Capo, der irgendetwas vorgeben muss.
Einfach 2.500 Menschen, die komplett ausrasten.
Dordrecht warf anschließend noch einmal alles nach vorne. In der Schlussphase musste Genemuiden ordentlich arbeiten, Torwart Hidde Streutker rettete stark und einmal wurde es nach einem Lattentreffer beziehungsweise einem Ball an die Torumrandung noch richtig eng.
Aber es blieb beim 3:2.
Und dann war Schluss.
Der Jubel war schon außergewöhnlich.
Nicht unbedingt, weil hier die größte Pyroshow oder ein besonders organisierter Fanauftritt stattgefunden hätte.
Sondern weil die Freude so unmittelbar war.
Ich musste anschließend leider relativ schnell zum letzten Bus und war vor allem froh, dass mir eine Verlängerung erspart geblieben war.
Noch ein Elfmeterschießen wie am Vortag hätte meine Rückreiseplanung nämlich endgültig erledigt.
Genau dafür liebe ich diesen Pokal
Drei Pokalabende, drei neue Grounds und dreimal ein Amateurverein, der einen Profiklub aus dem Wettbewerb wirft.
Viel besser hätte diese Woche für mich kaum laufen können.
Was ich an Genemuiden besonders mochte, war die Selbstverständlichkeit, mit der das ganze Dorf seinen Fußballverein unterstützte.
Hier hatte ich nicht den Eindruck, dass plötzlich Tausende Leute aus der gesamten Umgebung anreisten, nur weil irgendein großer Name auf dem Spielplan stand.
Vielmehr wirkte es so, als würden sich hier einfach alle kennen.
Und genau das macht für mich den Unterschied.
Ein paar Hundert Leute auf einer Gegengeraden können schon Spaß machen. Aber wenn daraus an einem Mittwochabend 2.500 werden und alle gemeinsam auf den entscheidenden Treffer hoffen, entsteht etwas, das man in einem modernen Profistadion nicht automatisch bekommt.
Genemuiden hat dafür einen ziemlich guten Rahmen geboten.
In der zweiten Pokalrunde wartet jetzt übrigens NAC Breda auf Genemuiden. Leider geht es für die Grün-Weißen auswärts nach Breda. Auch Excelsior’31 aus Rijssen hat mit NEC Nijmegen einen interessanten Gegner erwischt und darf erneut zu Hause spielen.
Ein zusätzlicher Grund, den KNVB-Pokal weiter genau im Auge zu behalten.
Zum dritten Teil meiner kleinen Pokalwoche gibt es ebenfalls einen Bericht: De Treffers gegen Heracles Almelo. Wieder eine Sensation – diesmal allerdings ohne Gästefans.



