Ich darf jetzt seit einigen Jahren in diesem wunderbaren Land leben. Und so sehr ich vieles hier lieben gelernt habe. Mit der Fankultur im niederländischen Profifußball bin ich nie wirklich warm geworden.

Dabei hatte ich während meines Studiums eigentlich alle Möglichkeiten. Europapokal hier, Topspiel da... und wenn es mal nichts gab, dann eben schnell nach Brüssel zu Anderlecht oder zur Union. Aber so richtig gepackt hat es mich selten.

Ein paar Ausnahmen gibt es natürlich. Groningen, Nijmegen oder De Graafschap sind Vereine, bei denen man merkt, dass sich durch deutsche Einflüsse tatsächlich so etwas wie eine echte Kurvenkultur entwickelt hat. Aber insgesamt muss man mit Begriffen wie „Ultras“ hier vorsichtig umgehen. Der niederländische Begriff „harde kern“ passt oft besser. Und selbst bei Topvereinen besteht diese „harte Kern“ manchmal nur aus ein paar Dutzend Leuten, die, je nach Spielverlauf, auch mal kollektiv beschließen, heute einfach keinen Bock mehr zu haben. Mehrfach so bei meinem Verein PSV erlebt.

Für jemanden aus Deutschland ist das schwer zu greifen. Zumal die deutsche Fankultur aktuell, von außen betrachtet, auf einem absoluten Peak ist. Ich bekomme regelmäßig Videos aus deutschen Amateurklassen geschickt, bei denen Spiele wie Stahl Brandenburg gegen BSC Süd oder Lippstadt gegen Ahlen mehr bieten als nahezu jedes niederländische Erstligaspiel. Ja, auch mehr als Ajax gegen Feyenoord.

Bevor das falsch verstanden wird: Respekt an jeden, der hier etwas aufbaut. Auch in Deutschland haben Ultragruppen mal klein angefangen. Wenn sich manche Szenen heute ihre eigenen Videos von vor 20 Jahren anschauen würden, würden sie wahrscheinlich selbst lachen. Und man darf nicht vergessen, mit welchem Gegenwind man in den Niederlanden arbeitet. Hier regiert oft die Angst und erstickt viele fankulturelle Ansätze im Keim.

Rot gegen Blau, IJsselmeervogels gegen SV Spakenburg. Zwei Vereine, deren Sportplätze direkt nebeneinanderliegen und deren Rivalität ein ganzes Dorf beschäftigt.

Warum der Amateurfußball so anders ist

Sobald es aber um Amateurfußball geht, dreht sich das Bild komplett. Denn das, was hier auf Dorfebene passiert, ist teilweise deutlich attraktiver als der typische 90er-Jahre-Betonkasten in Nijmegen, Waalwijk oder Den Haag. Die Anlagen haben Charakter, es gibt gutes Essen, funktionierende Vereinsheime und vor allem: Leben.

Viele Vereine wirken eher wie soziale Zentren als wie reine Fußballclubs. Hier trifft sich das ganze Dorf. Kinder, Eltern, Spieler, Zuschauer: Alles vermischt sich. Es gibt Frauenmannschaften, U23-Teams, teilweise mehrere Herrenteams auf hohem Niveau. Und nach dem Spiel geht eigentlich niemand direkt nach Hause. Es wird gegessen, getrunken und oft genug geht der Abend einfach weiter. Ich habe es oft genug erlebt, dass ich mich nach dem Spiel mit dem Fahrrad verabschiedet habe, während mir das halbe Dorf entgegenkam, weil der eigentliche Abend gerade erst begonnen hat.

Kurz gesagt: Amateurfußball in den Niederlanden ist keine Randerscheinung. Er ist gesellschaftliche Mitte.

Ein Dorf, zwei Vereine, ein Derby

Und genau hier kommt Spakenburg ins Spiel.

Ein kleines, fast schon folkloristisch wirkendes Fischerdorf – und gleichzeitig das Epizentrum des niederländischen Amateurfußballs. Mit den IJsselmeervogels auf der einen Seite, historisch der erfolgreichste Amateurverein des Landes. Und dem SV Spakenburg auf der anderen Seite, aktuell wohl die stärkste Mannschaft der Gegenwart, inklusive Pokalsensation 2023, als man bis ins Halbfinale kam und PSV ernsthaft Paroli bot.

Dieses Derby hat Geschichte. Und zwar nicht nur sportlich. Linienrichter, die mit Böllern beworfen wurden, Schlägereien, komplett eskalierende Derbys: All das gehört dazu. In den letzten Jahren wurde es etwas ruhiger, auch weil die IJsselmeervogels zwischenzeitlich abgestiegen sind. Aber diese Saison war das Derby zurück. Und gleichzeitig vielleicht eines der letzten seiner Art.

Denn der KNVB denkt ernsthaft darüber nach, das Ligensystem ab 2028 zu öffnen. Vereine wie Spakenburg oder Quick Boys wären sofort Kandidaten für den Profifußball. Klingt erstmal gut, könnte aber genau solche Derbys langfristig zerstören.

Also war klar: Keine Ausreden. Hin da.

Was mich im Vorfeld überrascht hat: Es gab kaum Einschränkungen. Und das in einem Land, in dem Spiele unterbrochen werden, weil ein Kind einen Cola-Becher aufs Feld wirft. Hier wirkte alles vergleichsweise entspannt. Vielleicht, weil drei Tage später Gemeinderatswahlen waren. Vielleicht aber auch, weil man weiß, dass sich so ein Derby ohnehin nie komplett kontrollieren lässt.

Denn dieses Spiel ist kein klassisches Hochrisikospiel. Es ist auch kein choreografiertes Ultra-Spektakel. Und genau das macht es so schwer zu beschreiben.

Es ist ein Volksfest – aber selbst das trifft es nicht ganz.

Es ist keine schlechte Kopie von Deutschland.

Keine melodische Italien-Kurve.

Kein englischer Traditionskitsch.

Es ist etwas komplett Eigenes.

Und genau deshalb funktioniert es.

Beim Spakenburg-Derby wird nicht nur gesungen. Aufwendige Choreografien, reichlich Konfetti und gegenseitige Sticheleien gehören hier zum Pflichtprogramm.

Kibbeling, Techno und Tifo

Diese Mischung aus Suff, Kibbeling, Techno, Tifo, schrägen Gesängen, Gelfrisuren, Handtaschen und Stone-Island-Kompass klingt erstmal wie ein Witz. Aber wenn man einmal mittendrin steht, merkt man, dass genau das die ehrlichste Beschreibung ist.

Das ganze Dorf ist da. Wirklich.

Und das meine ich nicht als Floskel. Die allermeisten kommen tatsächlich aus Spakenburg oder haben zumindest einen direkten Bezug. Ich bin jahrelang mit dem einzigen Bus aus Amersfoort angereist und war fast immer der einzige, der überhaupt zum Spiel wollte. Der Rest ist einfach schon da. Oder kommt mit dem Fahrrad. Selbst Parkplätze spielen kaum eine Rolle, obwohl gleichzeitig noch Markt im Ortskern ist.

Schon Tage vorher beginnt das Ganze. Beim Abschlusstraining gibt es Feuerwerk, dieses Jahr flogen sogar Fackeln vom Gelände der Roten auf das der Blauen. Um drei Uhr nachts sollen es einige sogar auf den Kunstrasenplatz geschafft haben, was für ordentlichen Schaden gesorgt hat. Dass die beiden Stadien nur durch einen Zaun getrennt sind, wirkt da fast schon logisch.

Menschen direkt am Spielfeldrand, Konfetti, Rauch und blau-weiße Fahnen. Wer beim Spakenburg-Derby einen entspannten Platz mit freier Sicht erwartet, hat das Konzept vermutlich nicht ganz verstanden.

Rot und Blau – mitten durch die Familien

Ein Grund für diese Rivalität liegt tiefer und hat mit der niederländischen Geschichte zu tun. Das Stichwort lautet „Verzuiling“. Bis in die 1970er war die Gesellschaft in verschiedene Säulen aufgeteilt, religiös und sozial getrennte Lebenswelten mit eigenen Schulen, Medien und Vereinen.

Und genau das spiegelt sich hier wider. Die Roten sind stark mit der streng protestantischen Gemeinschaft verbunden, traditionell Fischer, ein klassischer Volksclub. Die Blauen gelten als etwas weniger religiös geprägt, eher Bauern und Angestellte.

Das Verrückte ist, dass diese Trennung nicht durch Straßen oder Viertel verläuft, sondern durch Familien. Nachbarn hängen unterschiedliche Fahnen auf, Gärten sind rot oder blau. Man fährt ins Dorf rein und sieht ganze Straßenzüge, die sich farblich unterscheiden. Support your local team wird hier nicht gepredigt, sondern gelebt.

8.000 Zuschauer und kaum Sicht

Und das Spiel selbst?

Ehrlich gesagt habe ich es kaum gesehen.

Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil es schlicht unmöglich war. 8000 Karten, gefühlt deutlich mehr Menschen, kaum Bewegung, noch weniger Sicht. Wir brauchten mehrere Minuten, um uns überhaupt ein paar Meter zu bewegen.

Irgendwann sind wir in die vereinseigene Halle ausgewichen. Dort gab es Bier, Gespräche, Einheimische und irgendwo lief auch ein Livestream. Und ganz ehrlich: Das war wahrscheinlich die authentischste Art, dieses Derby zu erleben. Nicht auf den perfekten Blick aufs Spielfeld, sondern mitten in dieser Mischung aus Fußball, Dorfleben und Ausnahmezustand.

Endstand übrigens 0:2.

Glaub ich zumindest.

Eine Frage bleibt mir jedes Mal.

Warum funktioniert das hier und bei uns nicht?

In Deutschland diskutieren wir über Zuschauerobergrenzen und Sicherheitskonzepte. Hier quetschen sich tausende Menschen durch einen Eingang, Fluchtwege wirken eher theoretisch und trotzdem funktioniert es irgendwie. Nicht perfekt, aber eben auch nicht komplett künstlich reguliert.

Ein Derby, das man schwer erklären kann.

Aber eines, das man so wahrscheinlich nirgendwo sonst erlebt.

Und vielleicht ist genau das das Niederländischste daran.