Schienenersatzverkehr, Sturm und ein Ausflug in meine alte Arbeitsstadt Den Haag. Die Anreise aus Arnhem hätte gemütlicher sein können. Aber wenn zwei Traditionsvereine, deren Sportparks unmittelbar nebeneinanderliegen, zum Derby bitten, kann man sich so etwas schon mal antun.

Zumal die letzte Begegnung im März nach mehreren Unterbrechungen wegen Pyrotechnik und schließlich geworfenen Gegenständen vorzeitig abgebrochen worden war.

Extra früh angekommen, ging es zunächst auf die Anlage von HBS, um dort noch etwas Fußball mitzunehmen. Kurz vor Ende der Partie setzte sich neben dem Spielfeld plötzlich eine größere Gruppe in Bewegung.

Ungefähr 100 HBS-Anhänger, überwiegend Kinder und Jugendliche, marschierten mit Transparenten Richtung Nachbarverein. Ein paar Ältere waren auch dabei, aber der Altersdurchschnitt erinnerte eher an einen Schulausflug als an einen klassischen Fanmarsch.

Und ganz vorne lief eine Krähe.

Mit Anzug und Hut.

Da hatten sie mich schon wieder die Holländer. Genau mein Humor.

Ein paar Hundert Meter ging es um die Ecke zum Sportpark Nieuw Hanenburg. Die Krähe vorneweg, der Nachwuchs hinterher. Kürzer kann eine Auswärtsfahrt kaum sein.

Der Derbytag begann mit einem Mini-Fanmarsch und viel Eigeninitiative: Bei HBS schien vor allem der Nachwuchs das Kommando übernommen zu haben.

Zwei Nachbarn, 263 Jahre Fußballgeschichte

HBS wurde bereits 1893 von Schülern einer Haager höheren Bürgerschule gegründet. Drei Jahre später entstand Quick durch eine Gruppe befreundeter Jungen aus dem Stadtteil Duinoord.

Und jetzt wird es schön: Der ältere Bruder zweier Quick-Gründer spielte damals bei HBS. Die Jungs besuchten seine Spiele und kauften dem Verein für 1,50 Gulden einen gebrauchten Fußball ab.

Ausgerechnet HBS lieferte also gewissermaßen die Grundausstattung für den späteren Lokalrivalen.

Die beiden Vereine sind heute zusammen 263 Jahre alt. Und während man in Deutschland bei Traditionsvereinen gerne über Gründungsjahren nach dem Krieg spricht, stehen hier zwei Klubs aus der Kaiserzeit ein paar Hundert Meter voneinander entfernt auf niederländischen Amateurplätzen.

Noch beeindruckender wird es beim Blick in die Titelsammlung.

Quick wurde 1908 niederländischer Meister und gewann viermal den nationalen Pokal. Von 1909 bis 1911 sogar dreimal hintereinander. Eine Serie, die in der gesamten niederländischen Pokalgeschichte nur Ajax und PSV wiederholen konnten.

Bei den ersten beiden Titeln war es sogar Quicks zweite Mannschaft, die den Pokal holte.

HBS muss sich ebenfalls nicht verstecken: drei niederländische Meisterschaften und zwei Pokalsiege.

Jetzt treffen sich beide Clubs in der 5. Liga. (Vergleichbar mit Landesliga bei uns)

Dabei waren die Vereine nicht immer direkte Nachbarn. Quick spielt seit 1936 auf Nieuw Hanenburg, HBS zog erst 1969 auf die unmittelbar angrenzende Anlage Craeyenhout. Das erklärt auch warum genau diese Partie "das Haager Derbys" ist, denn der FC Den Haag bzw. Ado kam deutlich später.

Während der deutschen Besatzung musste Quick sein Gelände wegen des Atlantikwalls verlassen. Ausgerechnet HBS gewährte dem Rivalen damals auf seinem früheren Sportpark Houtrust Unterschlupf.

Auch auf der Quick-Seite war einiges vorbereitet – vom Aufbau auf dem Rasen bis zum fertigen Intro mit Spruchband und Rauch.

Eine Krähe übernimmt das Kommando

Am Eingang zog die große HBS-Gruppe praktisch geschlossen hinein. Eine erkennbare individuelle Kontrolle habe ich dabei nicht beobachtet, auch beim Bezahlen wurde die Traube vor meinen Augen nicht auseinandergezogen.

Mitglieder beider Vereine hatten ohnehin freien Eintritt, ansonsten kostete die Partie gerade einmal fünf Euro.

Viel Polizei war nicht zu sehen, große Absperrungen ebenfalls nicht. Kein Käfig, keine Buscombi und keine aufwendige Trennung zweier Gruppen, deren Mitglieder am nächsten Morgen wahrscheinlich ohnehin wieder nebeneinander im Klassenzimmer sitzen.

Auf älteren Bildern dieser Begegnung waren die aktiven Gruppen noch deutlich älter. Diesmal hatten offensichtlich die Jüngeren das Kommando übernommen.

Und es blieb nicht bei einem kleinen Fanmarsch.

HBS hatte mehrere Choreoelemente vorbereitet, dazu Fahnen, Transparente und Pyrotechnik. Die Krähe stellte sich im Anzug vor die eigene Choreo und nahm ihre Rolle als Maskottchen ausgesprochen ernst.

Eine ganze Horde aufgedrehter Kinder hinter dem Tor, vorne eine elegant gekleidete Krähe, die sich aufführte, als würde sie seit zwanzig Jahren den härtesten Auswärtsmob der Niederlande anführen.

Zwischendurch ging es für den Vogel auch einmal in Richtung gegnerischer Kurve. Ein paar provozierende Gesten zum blau-weißen Gegenüber durften natürlich nicht fehlen.

Quick hielt ebenfalls ordentlich dagegen. Dort gab es zum Einlauf ein großes Spruchband auf dem Spielfeld, dahinter Schwenkfahnen, Konfetti und reichlich Feuer.

Natürlich halfen ältere Jugendliche und vermutlich auch einige Erwachsene mit. Aber der sichtbare Kern dieser kleinen Fanbewegung bestand aus Kindern, die ganz offensichtlich richtig viel Zeit und Begeisterung in ihren Verein steckten.

Während sich anderswo erwachsene Männer noch darüber streiten, wer beim Intro welche Aufgabe übernimmt, organisieren hier ein paar Schüler einen Fanmarsch, basteln Choreografien und schicken eine Krähe im Anzug voraus.

Finde ich ziemlich cool.

Nieuw Hanenburg machte auch unabhängig vom Derby einen starken Eindruck: gut gefüllte Tribüne, viel Vereinsleben und eine für Amateurverhältnisse bemerkenswert dichte Kulisse.

Rauch, Bratwurst und eine große Pause

Während des Spiels ging die kleine Materialschlacht weiter. Mehrfach wurde Rauch gezündet, wobei man dem Gegner ausgerechnet seine eigene Farbe in den Block setzte. Also roter Rauch bei Quick oder blauer bei HBS.

Der gegnerischen Kurve ausgerechnet ihre eigene Farbe unterzujubeln, reichte offenbar schon aus, um die nächste kleine Empörungswelle auszulösen. Man kennt sich seit Jahrzehnten, wohnt praktisch nebeneinander und schafft es trotzdem, sich über ein bisschen farbigen Rauch herrlich aufzuregen.

Gelegentlich wurde dann auch mal geböllert oder es wurden Luftschlangen in die Strafraumaktionen geschossen. Herrlich!

Gerade im Vergleich zu den stark reglementierten Derbys in Katwijk oder Spakenburg wirkte dieser Nachmittag angenehm unkompliziert. Hier konnte man sich frei bewegen, auf der Tribüne sitzen, die Aktionen beider Seiten anschauen und zwischendurch ganz normal etwas essen.

Wobei das Essen bei Quick fast schon ein eigenes Thema verdient hätte.

Nieuw Hanenburg ist auch abseits des Derbys ein schöner Ground: eine ältere, gemütliche Haupttribüne, ein großes Vereinsheim und ein Sportpark, auf dem sichtbar viel Vereinsleben stattfindet. Für Sponsoren und ihre Gäste waren Teile des Clubhauses reserviert, ansonsten herrschte überall ordentlich Betrieb.

Auch kulinarisch lieferte Quick eines der besten Stadionangebote, die ich bisher in den Niederlanden erlebt habe: deutsche Bratwurst, Pulled Pork, Surinaamse Kip und Preise, bei denen selbst mein schmales deutsches Portemonnaie mitspielte.

Endlich einmal mehr als Frikandel, Kroket und Pommes aus der Fritteuse.

Auf den Rängen hatte für mich HBS über weite Strecken etwas die Nase vorn, zumindest bei der Aktivität hinter dem Tor. Quick hielt aber ebenfalls dagegen.

In der Halbzeit wurde es dann noch einmal interessant.

Kaum waren die Mannschaften verschwunden, rannten die Kinder auf den Platz. Überall wurde gebolzt, geschubst, gerannt und miteinander gerangelt.

Kurz sah es so aus, als würde sich aus beiden Richtungen eine größere Auseinandersetzung entwickeln. Aus der angekündigten dritten Halbzeit wurde aber vor allem eine ziemlich lebhafte große Pause. Ein bisschen Gerangel, ein paar kleine Rangeleien, dazwischen wurde überall gekickt. Ernsthaft eskaliert ist aus meiner Sicht nichts.

Teilweise gab es trotzdem mehr unmittelbaren Körperkontakt als in manchen dieser fragwürdigen Internetvideos, in denen erwachsene Männer mit Sturmhauben minutenlang voreinander herumhüpfen. Gerade die Niederländer sind darin ja bekanntlich Weltmeister.

Irgendwann mussten die Nachwuchsgruppen das Spielfeld wieder den eigentlichen Mannschaften überlassen.

Quick übernahm anschließend zunehmend die Kontrolle und gewann am Ende mit 3:0. Für HBS sportlich ein gebrauchter Nachmittag, auch wenn die mitgereisten Kinder beim Unterhaltungsprogramm mindestens einen Punkt verdient gehabt hätten.

Sportlich zog Quick davon, doch typisch für diesen Nachmittag war vor allem das Drumherum: Torjubel vor der Heimkurve und eine ziemlich wilde „große Pause“ auf dem Platz.

Lieber Dorfderby als Eredivisie

Was mir von diesem Spiel hängen bleibt, ist vor allem das Vereinsleben. Kinder, Jugendliche, Eltern, ältere Damen und Herren, Sponsoren und Vereinsmitarbeiter. Die einen organisierten das Catering, andere kümmerten sich um die Gäste, wieder andere bereiteten Choreografien vor.

Und mittendrin lief eine Krähe mit Anzug durch die Gegend.

Die Rivalität ist erstaunlich ernst gemeint, obwohl die Leute teilweise Tür an Tür wohnen, gemeinsam zur Schule gehen oder sich unter der Woche an derselben Kaffeemaschine treffen.

Für einen Nachmittag ist der Nachbarverein der schlimmste Gegner überhaupt.

Am Montag ist man wieder Nachbar.

So eine Kombination aus ausgeprägter Vereinsidentität, extrem kurzer Entfernung und gleichzeitig ziemlich unkompliziertem Umgang miteinander begegnet mir in Deutschland nur selten.

Genau deshalb fahre ich inzwischen häufig lieber zu solchen Spielen als in die Eredivisie.

Die niederländische Profiliga ist aus meiner Sicht stimmungstechnisch über weite Strecken ziemlich enttäuschend. Bei vielen Spielen kann sie nicht einmal mit der deutschen 3. Liga mithalten. Von den Regionalligen Nordost oder Südwest ganz zu schweigen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber wer aus Deutschland kommt und hier große, aktive Kurven erwartet, wird nicht automatisch glücklich.

Mein Tipp für Groundhopper ist deshalb ziemlich einfach:

Fahrt nach Belgien für die alten Stadien. Und kommt in die Niederlande für die Dorfderbys.

Quick gegen HBS ist dafür ein gutes Beispiel: zwei benachbarte Sportparks, über 260 Jahre Vereinsgeschichte, historische Meisterschaften und Pokalsiege, ein paar Hundert Meter Auswärtsweg und eine Horde Kinder, die sich ihren eigenen Derbytag organisiert.

Dafür fahre ich gerne noch einmal nach Den Haag.

Beim nächsten Mal vielleicht ohne Sturm und Schienenersatzverkehr.