Fast legendärer als die unzähligen Bilder und Reels vom Stadion Kantrida sind mittlerweile die Kommentare darunter.
„Alter Hut.“
So schreiben es die alten Hopper, wenn der Jungmob mal wieder begeistert Bilder von diesem Sahneground postet, als hätte gerade jemand das Stadion neu erfunden. Natürlich völlig zurecht. Kantrida ist wahrscheinlich einer der bekanntesten Groundhopper-Spots Europas. Meer, Felswand, Stadion, Sonnenuntergang, Poserfoto auf der Mauer. Das Ding ist so oft fotografiert worden, dass man meinen könnte, jeder Hopper bekommt es automatisch mit der Geburtsurkunde ausgehändigt.
Leider wurde ich aber nicht mit diesem Stadionpunkt geboren.
Und da ich damit noch zur jungen Riege gehöre, stand Kantrida natürlich weit oben auf meiner Liste. Allein schon, um dieses berühmte Foto auf der Mauer einmal selbst zu machen. Seitdem dient es auch völlig schamlos als privates Profilbild, weil man so ein bisschen Groundhopper-Eitelkeit ja auch einfach mal zulassen darf.
Bisher stand mir nur mein eigener Ehrgeiz im Weg. Ich wollte Kantrida nicht einfach irgendwie machen. Nicht als leeren Lost-Ground-Spaziergang, nicht für ein Jugendspiel vor 30 Leuten, nicht als halbtoten Sommerpunkt zwischen Strand und Pizza. Wenn schon alter Hut, dann bitte wenigstens gut getragen.
Und dann kam Austria Salzburg.
In der eher highlightarmen Sommerpause tat sich plötzlich die Möglichkeit auf, Kantrida mit einer aktiven Fanszene zu sehen. Austria Salzburg erfüllte sich und den eigenen Fans in der Vorbereitung offenbar einen lange gehegten Wunsch und organisierte dieses Testspiel an der Adria.
Für mich doppelt gut. Erstens ist Austria Salzburg sowieso ein interessanter Verein. Zweitens hatte ich privat schon in Kindheit und Jugend immer wieder Berührungspunkte mit dem Club. Eine violette Fanszene in Kantrida klingt einfach deutlich besser als „U19 gegen irgendeine Ferienauswahl“.
Erst Strand, dann Stadion
Also wurde die Freundin als Spritdrücker und Hotelkostenteilungsmodell unter den Arm geklemmt. Offiziell natürlich, weil man ihr unbedingt die schönen kroatischen Strände zeigen wollte. Dass zufällig ein Spiel in einem der ikonischsten Stadien Europas stattfand, war reine Nebensache.
Los ging es aus meiner Heimat Berlin nach Posen. Dort gab es für einen Zwanni einen guten Flug nach Pula. Nebenbei konnte man aus Versehen noch den polnischen Supercup mitnehmen, weil solche Dinge auf Reisen ja immer völlig zufällig passieren.
Nach einem Tag im wunderschönen Pula, wo ebenfalls zufällig wieder ein Fußballspiel stattfand, ging es weiter Richtung Rijeka. Genauer: Kantrida Beach.
Und dort merkte man schon am Vormittag, dass dieser Tag kein ganz normales Testspiel werden würde. Zwischen Badehandtüchern, Felsen und Meer sah man immer wieder violette Shirts. Viele Austrianer hatten den Ausflug offenbar ähnlich genutzt wie wir: erst Strand, dann Stadion. Der gleichnamige Strand teilt sich praktisch den Parkplatz mit dem Ground. Viel besser kann man einen Spieltag im Sommer eigentlich nicht planen.
Das Mottoshirt der Austria passte dazu perfekt: Auf dem Rücken das Panorama des legendären Stadions.
15 Euro für nen drittklassigen Testkick?
Nach gutem Essen ging es Richtung Stadion. Eine Halbzeit sollte natürlich drin verbracht werden, und dummerweise entschied ich mich für die erste.
Am Einlass dann der große Schreck: 15 Euro. Für ein internationales Freundschaftsspiel zwischen NK Opatija und Austria Salzburg.
Ich durfte also für meine „super fußballinteressierte“ Begleitung direkt 30 Euro hinlegen. Das wäre vielleicht noch zu verkraften gewesen, wenn es nicht so improvisiert gewirkt hätte.
Kroatisch sprechende Opas drängelten sich ohne Karten ins Stadion. Die Kasse war in irgendeinem Erste-Hilfe-Raum untergebracht. Während wir anstanden, ging zweimal das Wechselgeld aus. Der Eintrittspreis wurde auf einem weißen A4-Blatt mit Edding verkündet. Und als Ticket bekam man eine alte Ligaspielkarte, auf der irgendwas von acht Euro stand.
Top Nummer. Die improvisierte Kasse verstand jedenfalls ihr Handwerk.
Auch der Ordner am Einlass hatte schnell geschnallt, dass neben Austrianern ordentlich Hoppermob mobilisiert hatte. Als wir durch den Eingang liefen, fragte uns der Chefordner direkt: „Austria Salzburg or Deutsch?“ Wir waren offensichtlich nicht die ersten.
Ich hatte schon meine lange Argumentation vorbereitet, warum ich unter keinen Umständen in den Gästeblock kann, aber trotzdem Deutsch spreche und auch nicht aus Rijeka komme. Diese Rede wird der gute Mann an dem Tag wahrscheinlich schon fünfzigmal gehört haben.
Im Stadion selbst ist der Blick natürlich trotzdem sofort brutal. Diese Felswand sieht aus, als hätte jemand sie nur für dieses Stadion perfekt aus dem Hang geschlagen. Dazu das Meer direkt daneben, die alte Tribüne, die Laufbahn und diese etwas verwitterte, aber längst nicht tote Stadionoptik.
Die Ursprungsgeschichte ist dabei weniger romantisch, als sie aussieht. Vor mehr als hundert Jahren kam man auf die Idee, den Besitzern eines alten Steinbruchs das Gelände abzukaufen, weil man dort eine halbwegs gerade Fläche für einen Fußballplatz fand. Aus praktischer Not wurde irgendwann einer der bekanntesten Grounds Europas.
Ganz ungefährlich war die Nähe zur Felswand historisch übrigens nicht. Beim Adria-Derby zwischen Rijeka und Hajduk Split am 9. September 1962 lösten sich Felsbrocken und stürzten in die Zuschauermenge.
Kantrida ist nicht tot
Austria legte auf den Rängen gut los, während ich mir die ganze Verwesung mit großer Zufriedenheit reinzog. Wobei „Verwesung“ vielleicht sogar unfair ist.
Kantrida ist kein klassischer Lost Ground, der seit Rijekas Auszug langsam komplett weggammelt. Eher im Gegenteil. Laut Einheimischen wird das Stadion weiterhin regelmäßig genutzt: Frauenteams, Jugendspiele, private Turniere, Leichtathletik und dazu NK Opatija. So tot, wie man es sich als dramatischer Hopper vielleicht wünschen würde, ist das Ding gar nicht.
Opatija selbst liegt ein paar Kilometer weiter und ist im Gegensatz zu Rijeka wirklich wunderschön. Der berühmte Lungomare-Weg von Volosko nach Opatija mit seinen Villen, Badestellen und Blicken aufs Meer war für uns fast das Highlight des kurzen Kroatienurlaubs.
Und trotzdem steht über Kantrida die Frage: Was passiert jetzt?
NK Opatija hat inzwischen sein neues Stadion in Betrieb genommen, offiziell mit 802 Sitzplätzen und einem Projektvolumen von knapp 4,5 Millionen Euro. 802 Plätze. Für fast fünf Millionen. Absurd.
Andererseits hat auch dieser neue Ground seinen Reiz. Von der hohen Haupttribüne soll man direkt über das Spielfeld aufs Meer und die Dächer der Stadt schauen können. Vielleicht lässt sich das in Sommerpausen ja irgendwie gewinnbringend für Trainingslager vermieten. Anders ist diese Investition für mich nur schwer zu erklären.
Was wird aus der Felswand?
Für Kantrida selbst wusste im Juli 2026 niemand so ganz, wie es weitergeht. Oder doch, je nachdem, wen man fragt.
Eigentlich war vieles längst beschlossen. Der potthässliche, aber wegen seines absurden Gästeblocks in Hopperkreisen inzwischen ebenfalls berühmte Improvisationsneubau am Trainingsplatz außerhalb Rijekas sollte nur Übergang sein. Für Kantrida gab es Investorenpläne: Stadion neu, Spielfeld drehen, Hotel, Hochhäuser, großes Paket.
Passiert ist bekanntlich: eher wenig.
Die Idee, den Platz um 90 Grad zu drehen, gilt im Volksmund fast schon als sicher, weil eine Vergrößerung der Gegengerade anders wohl schwierig wird. Genau das wäre schade. Die Felswand ist ja nicht einfach Deko. Sie ist der Charakter dieses Stadions. Dreht man das Feld, hat man schnell nur noch eine schlechtere Version von Braga.
Und wenn man ehrlich ist: Stadionneubauten glänzen nicht immer durch Mut. Oft landet man bei 08/15-Betonbüchsen, die man gefühlt genauso gut irgendwo zwischen Jena, Aue oder Chemnitz finden könnte. Zweckmäßig, aber niemand hängt sich davon später ein Poster übers Bett.
Die besten Plätze sind außerhalb
Das eigentliche Highlight des Tages kam dann aber erst noch.
Neben der Felswand sammelten sich immer mehr Menschen auf sämtlichen Ausguckflächen. Auf Mauern, Wegen, Terrassen und kleinen Vorsprüngen. Bald standen dort mehr Leute als im Stadion selbst. Und ganz ehrlich: Sie waren die Schlaueren. 15 Euro gespart, bessere Perspektive bekommen.
Die meisten wurden wohl durch die Gesänge der rund 400 Austrianer angelockt. Und genau da zeigte Kantrida sein ganzes Potenzial. Wechselgesänge mit der Felswand, Schall durchs Viertel, violetter Mob im Gästeblock, oben die Leute auf den Mauern, dahinter Meer und langsam einsetzender Sonnenuntergang.
Bei Rijeka-Ligaspielen soll es früher einen Sichtschutz gegeben haben. Heute war jeder willkommen. Oder zumindest niemand motiviert genug, etwas dagegen zu tun.
Zum Halbzeitpfiff machten wir es dann wie einige andere Austrianer auch und gingen raus. Manche nutzten die Pause kurz für eine Abkühlung im Meer. Wir nutzten sie für Fotos, Videos und die ehrlich gesagt deutlich bessere Perspektive.
Von außen war Kantrida fast noch besser. Stadion, Felswand, Meer, Austria-Gesänge, Sonnenuntergang. Genau dieses Gesamtbild macht den Ground aus. Nicht die Sitze. Nicht das Spiel. Nicht der 15-Euro-Edding-Zettel. Sondern diese völlig absurde Lage.
Sportlich war das 1:1 natürlich eher Nebensache. Ein Testspiel eben. Austria mit ordentlichem Auftritt auf den Rängen, Opatija als Gastgeber, ein bisschen Sommerkick, fertig. Wichtiger war, dass dieser Ground noch einmal richtig Leben bekommen hat.
Und genau deshalb hat sich die Tour gelohnt.
Am nächsten Tag ging es mit einem Flieger nach Weeze zurück. Exakt gleicher Preis wie der Eintritt.
Ob man Kantrida jetzt dringend zeitnah machen sollte, muss jeder selbst wissen. Wir wissen spätestens seit Valencia, wie dringend angeblich sichere Stadionumbauten manchmal wirklich sind.
Ich würde es trotzdem empfehlen. Vielleicht nicht zwanghaft für irgendein Spiel. Vielleicht wartet man auf den großen Wurf: ein Quali-Spiel, ein internationales Testspiel, vielleicht sogar noch einmal HNK Rijeka selbst. Idealerweise mit einer aktiven Szene, die diesem Ort auch akustisch das gibt, was er verdient.



