Die Regionalliga Südwest ist in dieser Saison so interessant wie lange nicht mehr. Große Namen, alte Stadien, ordentliche Fanszenen und genug Geschichten, bei denen man eigentlich jedes Wochenende irgendwo hängenbleiben könnte.

Stuttgarter Kickers, Offenbach, Homburg, Trier, Kassel, Fulda – und dazu Ulm zurück im wunderbaren Donaustadion. Für die vierte Liga ist das schon ein ziemlich stabiles Paket.

Ziemlich weit oben auf meiner Liste stand deshalb der SSV Ulm.

Nicht nur wegen des Stadions. Nicht nur wegen Offenbach als Gegner. Sondern vor allem wegen der Frage: Wie fühlt sich dieser Verein gerade eigentlich an?

Ulm ist in den letzten Jahren einmal komplett Achterbahn gefahren. 2023 noch Regionalliga, danach zwei Aufstiege in Folge bis in die 2. Bundesliga. Kaum hatte sich die Stadt wieder an größeren Fußball gewöhnt, ging es direkt in die andere Richtung: erst zurück in die 3. Liga, dann wieder in die Regionalliga.

Zwei Abstiege in Folge.

Das macht etwas mit einem Verein. Und meistens auch mit der Kurve.

Nach zwei Abstiegen noch 7.209

Zum Start hatte Ulm direkt das dicke Programm bekommen: erst auswärts bei den Stuttgarter Kickers, dann das erste Heimspiel gegen Kickers Offenbach. Viel härter kann man in diese Liga kaum zurückgeworfen werden.

Schon auf der Waldau waren mehr als 3.000 Ulmer dabei. Trotz der 2:4-Niederlage. Eine Woche später kamen gegen Offenbach 7.209 Zuschauer ins Donaustadion.

Für einen Verein, der gerade zweimal abgestiegen ist, ist das alles andere als selbstverständlich.

Für den Heimauftakt hieß es „Alle in Weiß“, und rund um den D-Block wurde das ziemlich konsequent umgesetzt. Dazu lange Schlangen an Kassen und Catering, ein Verein, der vom Andrang fast ein bisschen überrascht wirkte, und ein heißer Freitagabend, an dem trotzdem mehr als 7.000 Menschen zu einem Viertligaspiel kamen.

Man kann über Wartezeiten meckern oder feststellen, dass das eigentlich ein schönes Problem ist.

Denn wenn nach zwei Abstiegen der erste Regionalliga-Heimabend organisatorisch etwas knirscht, weil zu viele Leute kommen, dann ist in diesem Verein offenbar noch einiges lebendig.

Das Donaustadion hilft dabei natürlich enorm.

Eigentlich ist es kein spektakulärer Bau. Laufbahn, offene Kurven, zwei Längsseiten, viel Platz zwischen Tribüne und Spielfeld. Früher gab es solche Stadien überall. Heute wirken sie fast wie ein Gegenentwurf zu all den neuen Zweckarenen, die zwar alles können, aber selten irgendwas auslösen.

In Ulm kommt dazu dieses Panorama mit dem Münster im Hintergrund. Alte Tribünen, Sommerabend, Flutlicht, dazu dieser leicht aus der Zeit gefallene Charme. Für Groundhopper ist das natürlich ein Geschenk.

Offenbach brachte einen ordentlichen Gästeblock mit, Ulm mehr als 7.000 Zuschauer ins Stadion – für den ersten Heimabend nach dem erneuten Abstieg war reichlich Betrieb im Donaustadion.

Gleichzeitig verstehe ich jeden Ulmer, der bei solchen Liebeserklärungen die Augen verdreht.

Romantisch ist eine offene Kurve mit Laufbahn vor allem dann, wenn man sie einmal im Jahr besucht. Wenn du dort jedes zweite Wochenende Support machen willst, ohne Dach, weit weg vom Spielfeld und mit Wind aus allen Richtungen, sieht die Sache wahrscheinlich weniger nach Poesie und mehr nach Arbeit aus.

Die Kurve hält noch

Aber genau das machte den D-Block an diesem Abend interessant.

Trotz dieser Bedingungen war er da. Laut, geschlossen, lebendig. Nicht komplett über 90 Minuten auf höchstem Level, aber deutlich stärker, als man es bei einem Verein erwarten könnte, der in den vergangenen zwei Jahren sportlich ordentlich durchgeschüttelt wurde.

Der Frust wird dabei nicht versteckt. Der Satz „Loving you is killing me“ passte zuletzt ziemlich gut zu dieser Beziehung. Trotzdem war die Botschaft an diesem Abend eher: aufstehen, Mund abwischen, weitermachen.

Nur spielte die Mannschaft leider nicht wirklich mit.

Offenbach wirkte reifer, klarer und in den entscheidenden Momenten wacher. Besonders bitter für Ulm: Beide Gegentore fielen direkt vor der Pause. 0:2 zur Halbzeit, und damit war dem Donaustadion ziemlich viel Luft aus den Reifen gelassen.

Trotz zweier Abstiege war vom Rückzug der Ulmer Fans an diesem Abend wenig zu sehen.

Nach der Pause wurde es sportlich nicht viel besser.

Natürlich ist diese Ulmer Mannschaft nach dem Umbruch noch am Anfang. Natürlich sind Stuttgart und Offenbach zum Start zwei sehr unangenehme Gegner. Aber das Problem war weniger das Ergebnis als die Art. Zu wenig Tempo, zu wenig Ideen, zu wenig von diesem mutigen Fußball, der rund um den Neustart angekündigt wurde.

Und genau da wird es spannend.

Denn die Geduld ist noch da. Aber sie ist nicht grenzenlos.

Noch kein Bruch

Im Stadion merkte man das deutlich. Mit zunehmender Spielzeit wurde es unruhiger, nach Abpfiff gab es Pfiffe, und viele Zuschauer waren schnell auf dem Heimweg.

Die aktive Szene reagierte anders. Während sich das Stadion leerte, holte der D-Block die Mannschaft noch einmal zu sich.

Kein großer Bruch. Noch nicht.

Eher ein Einschwören. Ein „wir sind da, jetzt kommt ihr bitte auch langsam dazu“.

Das war für mich der wichtigste Moment des Abends. Nicht das Spiel, nicht das Ergebnis, nicht einmal das Stadionpanorama. Sondern diese Szene nach Abpfiff: ein Verein, der sportlich im freien Fall war, eine Kurve, die trotzdem noch nicht loslässt, und eine Mannschaft, die sehr schnell beweisen muss, dass sie diese Unterstützung verdient.

Damit ist die Antwort auf meine Frage ziemlich klar: Die Stimmung in Ulm ist noch erstaunlich stabil.

Vielleicht sogar stabiler, als man es nach zwei Abstiegen erwarten dürfte. Die Leute kommen. Die Kurve steht. Das Stadion lebt. Die Regionalliga Südwest kann sich über diesen SSV freuen.

Aber unter dieser Stabilität liegt Spannung.

Zwei Spiele, null Punkte, sechs Gegentore. Gegen Stuttgart und Offenbach kann das passieren. Aber irgendwann muss aus „Neustart“ auch wieder Fußball werden.

Sonst werden aus 7.209 Zuschauern im August irgendwann deutlich weniger Menschen im Novemberregen.