Mein Lieblingsstadion in NRW ist wahrscheinlich das Stadion am Zoo, auch wenn mich mit dem Wuppertaler SV überhaupt nichts verbindet.

Die Schwebebahn, die Lage des Stadions, die völlig überdimensionierte, aber wunderschöne Haupttribüne, die ungewöhnliche Gegengerade, das Essen und natürlich dieses herrliche Eingangstor hinter der Kurve.

Dazu spielte der WSV zwischenzeitlich um den Aufstieg mit. Wenn dann noch ein Verein mit einer vernünftigen Gästeszene vorbeikam, konnte man im Stadion am Zoo ziemlich gute Fußballnachmittage erleben.

Diese Zeiten sind inzwischen ein bisschen länger her.

Wobei ich das wahrscheinlich lieber nicht zu laut sagen sollte. Neben mir auf der Ratinger Tribüne sitzen schließlich ein paar ältere Wuppertaler, die gerade über die Bundesliga in den Siebzigern philosophieren.

Dagegen sind meine Erinnerungen an die Regionalliga-Aufstiegsrennen natürlich fast schon brandaktuell.

Heute jedenfalls sehe ich den Wuppertaler SV auf einer besseren Bezirkssportanlage in Ratingen.

Im Achtelfinale des Niederrheinpokals. Als Oberligisten.

Und irgendwie ist das schon ziemlich bitter.

Oberliga statt Stadion am Zoo: Der Wuppertaler SV musste im Pokal nach Ratingen ausweichen, wurde dort aber von einer auffällig starken Auswärtskulisse begleitet.

Vom Stadion am Zoo in die Oberliga

Der Abstieg aus der Regionalliga West nach zehn Jahren war eigentlich nur die sportliche Spitze eines deutlich größeren Problems.

Der WSV ist inzwischen ein Sanierungsfall.

Nach dem Abstieg startete der ehemalige Bundesligist als vermeintlicher Riese in die Oberliga Niederrhein. Fünf Spiele, fünf Niederlagen. Dazu kamen die finanziellen Probleme.

Im August beantragte der neu aufgestellte Vorstand beim zuständigen Insolvenzgericht ein Restrukturierungsverfahren in Eigenverwaltung. Das Gericht ließ die Eigenverwaltung zu. Der Verein versucht seitdem, sich unter Aufsicht eines Sachwalters wirtschaftlich neu aufzustellen und gleichzeitig den Spielbetrieb fortzuführen.

Klingt zumindest besser als einfach die Tür abzuschließen.

Ist aber natürlich trotzdem eine ziemlich ernste Situation.

Zusätzlich droht dem WSV wegen des Verfahrens ein Abzug von neun Punkten durch den Fußballverband Niederrhein. Eine endgültige Entscheidung war zuletzt noch nicht bekannt. Besonders unangenehm, weil die Mannschaft unter dem neuen Trainer Ismail Jaouri endlich etwas in die Spur gefunden hat und zuletzt sogar drei Ligaspiele hintereinander gewinnen konnte.

Es wäre schon eine besondere Form des Wuppertaler Humors, wenn man sich die ersten Punkte mühsam erarbeitet, nur damit sie anschließend am grünen Tisch wieder verschwinden.

Wie es überhaupt so weit kommen konnte, ist die wesentlich größere Frage.

Und ganz sicher keine, die ich hier zwischen Stadionwurst und Pokalspiel abschließend beantworten werde.

Häufig wird die Entwicklung auf den Rückzug des langjährigen Förderers und früheren Präsidenten Friedhelm Runge zurückgeführt, der nach der starken Saison 2023/24 sein finanzielles Engagement deutlich reduzieren wollte und inzwischen verstorben ist.

Dass sein Rückzug wirtschaftlich erhebliche Folgen hatte, liegt nahe.

Die gesamte Entwicklung eines Vereins über Jahre hinweg nur darauf zurückzuführen, erscheint mir allerdings etwas zu einfach. Da spielen Strukturen, Abhängigkeiten, sportliche Entscheidungen und vermutlich noch einiges mehr hinein.

Vielleicht können einige WSV-Kenner in den Kommentaren etwas mehr Licht ins Dunkel bringen.

Besonders schade finde ich die Entwicklung auch deshalb, weil die Regionalliga West inzwischen eigentlich eine ziemlich interessante Chance für Wuppertal bieten würde.

Essen, Münster, Aachen und Duisburg sind längst nicht mehr dabei. Mit einem wirtschaftlich halbwegs stabil aufgestellten WSV könnte man zumindest wieder davon träumen, irgendwann oben anzuklopfen.

Stattdessen geht es jetzt erst einmal darum, überhaupt wieder einen gesunden Oberligisten auf die Beine zu stellen.

Zum jüngsten Heimspiel gegen Schwarz-Weiß Essen kamen immerhin rund 2.500 Zuschauer ins Stadion am Zoo.

Ob man davor jetzt ein „nur“ oder ein „sogar“ setzt, ist Geschmackssache.

Für die Oberliga ist das eine beeindruckende Zahl. Für einen ehemaligen Bundesligisten in einer Stadt wie Wuppertal und einem Stadion dieser Größe wirkt es trotzdem ein bisschen traurig.

Und wenn im Winter irgendwann wieder ungemütliche Heimspiele gegen kleinere Oberligisten anstehen, dürfte die vierstellige Zuschauerzahl auch nicht selbstverständlich bleiben.

Kein großer Geheimtipp, aber ein stimmiger Pokalground: In Ratingen traf eine gepflegte Anlage auf einen für Oberligaverhältnisse bemerkenswerten Gästeanhang aus Wuppertal.

600 Wuppertaler und acht Grad

Aber genug mit der Vereinsgeschichte.

Es ist schließlich Donnerstagabend, inzwischen gefühlt acht Grad, und ich stehe im Stadion Ratingen.

Hier war ich bisher eigentlich nur wegen des internationalen Leichtathletik-Mehrkampfmeetings unterwegs. Das dürfte auch einer der Gründe sein, warum die Anlage für einen kommunalen Sportplatz ziemlich gut gepflegt wirkt.

Eine ordentliche Haupttribüne, gegenüber eine überdachte Stehtribüne, gepflegtes Grün und eine vernünftige Infrastruktur. Dazu diese markanten grauen Lärmschutzwände, die für mich wahrscheinlich das auffälligste Merkmal des Stadions sind.

Nicht der ganz große Groundhopping-Geheimtipp, aber absolut brauchbar.

Auch der Verein macht einen guten Eindruck.

Ratingen liegt ohnehin in einer etwas wohlhabenderen Gegend, die Innenstadt ist einen Spaziergang wert und beim Fußball scheint man ebenfalls ordentlich Mühe zu geben.

An diesem kalten Abend wurden sogar Kantine und VIP-Bereich zum Aufwärmen geöffnet. Die Versorgung funktionierte, zahlreiche Ehrenamtliche packten mit an und man merkte, dass der Pokalabend für den Verein durchaus etwas Besonderes war.

Insgesamt würde ich Ratingen 04/19 aber durchaus empfehlen. Gerade wenn man ohnehin in der Gegend unterwegs ist und im Winter einen Amateurkick mit ordentlicher Versorgung sucht.

Der interessanteste Teil des Stadions war an diesem Abend allerdings die Gegentribüne.

Dort standen nach meiner groben Schätzung rund 600 Wuppertaler. Eng gedrängt, die überdachte Tribüne praktisch voll, Fahnen am Zaun und von Beginn an ordentlich Betrieb.

Und was mich dabei am meisten beeindruckte, war nicht einmal der durchgehende Support.

Sondern wie sehr diese Menschen offenbar wieder mit ihrer Mannschaft zusammengerückt sind.

Jede kleine Szene zählte: In Ratingen wurde beim WSV nicht nur der Support gefeiert, sondern schon der nächste Zweikampf und jede gelungene Aktion auf dem Platz.

Wenn jeder Zweikampf zählt

In solchen sportlichen und wirtschaftlichen Krisen gibt es häufig zwei Reaktionen.

Entweder die Leute haben irgendwann die Nase voll, bleiben zu Hause und schauen lieber Dortmund, Schalke oder sonst irgendetwas, das wenigstens gelegentlich gewinnt.

Oder sie rücken zusammen.

Beim WSV scheint momentan zumindest ein ziemlich beachtlicher Teil der Fans die zweite Variante gewählt zu haben.

Ich fand es wirklich auffällig, wie intensiv teilweise schon kleine Aktionen gefeiert wurden.

Ein gewonnener Zweikampf. Ein sauberer Steilpass. Ein energisches Nachsetzen. Dinge, die man bei einem Verein mit normalen sportlichen Ansprüchen wahrscheinlich kaum registrieren würde.

Hier wurden sie teilweise bejubelt, als hätte die Mannschaft gerade einen entscheidenden Schritt Richtung Klassenerhalt gemacht.

Das hatte etwas.

Nicht, weil Wuppertal plötzlich wieder besonders erfolgreichen Fußball spielen würde.

Sondern weil man merkte, dass die Leute verstanden haben, wie viel auf dem Spiel steht.

Über den eigentlichen Support brauchen wir kaum zu diskutieren.

Für eine Begegnung zweier Oberligisten war das ein überragender Gästeauftritt. Durchgehend Gesang, Bewegung im Block, Fahnen und eine Lautstärke, bei der sich einige höherklassige Vereine durchaus etwas abschauen könnten.

Ich habe in der Regionalliga West schon deutlich kleinere und leisere Gästehaufen gesehen.

Und genau deshalb hat mich dieser Auftritt so gefreut.

Denn bei aller berechtigten Kritik an Vereinsführungen, Abhängigkeiten und wirtschaftlichem Chaos sind solche Abende auch ein ziemlich guter Beweis dafür, was einen Traditionsverein eigentlich ausmacht.

Nicht die Liga. Nicht die VIP-Logen. Und schon gar nicht die Excel-Tabelle des Insolvenzverwalters.

Sondern Menschen, die auch an einem kalten Donnerstagabend in Ratingen noch für ihren Verein unterwegs sind.

Auf der Heimseite gab es übrigens ebenfalls etwas zu entdecken.

Vier oder fünf junge Ratinger sorgten über weite Strecken für erstaunlich konsequenten Support. Ein kleines Kompliment geht dabei besonders an den vielleicht neunjährigen Trommler, der deutlich mehr draufhatte als das übliche planlose Pauken.

Wenn der so weitermacht, müssen sich die größeren Szenen in ein paar Jahren wahrscheinlich warm anziehen.

Weniger überzeugend fand ich dagegen das musikalische Rahmenprogramm.

Diese KI-generierten Vereinssongs werden leider immer häufiger.

Ich kenne eine solche Häufung sonst fast nur von AfD-Veranstaltungen in meiner ostdeutschen Heimat. Inhaltlich wenig, musikalisch austauschbar, Hauptsache irgendjemand hat vorher drei Schlagwörter in eine Software getippt.

Früher gab es immerhin noch Bands, die solche Lieder professionell komponierten und anschließend an gefühlt jeden zweiten Sportverein verkauften. Da hörte man zwar überall denselben Sänger, aber wenigstens hatte sich irgendein Mensch mit der Musik beschäftigt.

Heute reicht offenbar schon „Ratingen, Fußball, Leidenschaft“ und wenige Sekunden später wird das Vereinslied aus dem Computer geschoben.

Vielleicht könnte man wenigstens ein paar Fakten aus der Vereinschronik eingeben.

Dann hätte das musikalische Meisterwerk zumindest ein bisschen mit dem Verein zu tun.

Lange war alles offen, am Ende kippte der Pokalabend spät zugunsten von Ratingen – sehr zum Frust des WSV, der in der Schlussphase noch einmal alles nach vorn warf.

Der Pokaltraum platzt in der 90. Minute

Sportlich blieb es lange überschaubar.

Beide Oberligisten begegneten sich weitgehend auf Augenhöhe, echte Höhepunkte waren zunächst selten. Erst in der Schlussviertelstunde wurde aus dem Spiel ein ziemlich dramatischer Pokalabend.

In der 77. Minute brachte Giuliano Zimmerling Ratingen mit 1:0 in Führung.

Vier Minuten später grätschte Eren Albayrak den Ball zum 1:1 über die Linie.

Und plötzlich war richtig Feuer drin.

Für Wuppertal ging es schließlich nicht nur um das Viertelfinale. Dort wartete bereits ein Heimspiel gegen Rot-Weiss Essen.

Sportlich reizvoll, für die Fans ein besonderes Duell und für einen wirtschaftlich schwer angeschlagenen Verein natürlich auch eine mögliche zusätzliche Einnahmequelle.

Man konnte schon verstehen, warum der Gästeblock noch einmal alles versuchte.

Dann die 90. Minute.

Nach einer Ecke köpfte Ratingens Kapitän Almedin Gusic zum 2:1 ein.

Wuppertal warf anschließend noch einmal alles nach vorne. In der Nachspielzeit lag der Ball sogar ein weiteres Mal im Ratinger Tor, doch der Schiedsrichter hatte zuvor ein Foul von Albayrak gesehen und den Treffer deshalb nicht anerkannt.

Darüber dürfte in Wuppertal noch diskutiert werden.

Am Ergebnis änderte es nichts.

Ratingen steht im Viertelfinale und bekommt das attraktive Heimspiel gegen Rot-Weiss Essen.

Wuppertal fährt nach Hause.

Ohne Pokalprämie aus der nächsten Runde, ohne das mögliche große Heimspiel und mit einer weiteren Enttäuschung in einer Saison, die davon ohnehin schon genug bereithält.

Immerhin dürften die mitgereisten Fans gezeigt haben, dass sie ihre Mannschaft deshalb nicht gleich fallen lassen.