Kasachstan hat einen neuen Fußballmeister: FC Ordabasy Shymkent!

Zum zweiten Mal nach 2023 holt der Verein aus dem Süden des Landes die Meisterschaft und darf damit im kommenden Jahr wieder in der Champions-League-Qualifikation antreten.

Nachdem Astana bereits 2015 und Kairat Almaty 2025 die Ligaphase der Champions League erreicht haben, darf man in Kasachstan inzwischen durchaus wieder etwas größer träumen.

Und weil ich vor wenigen Wochen ausgerechnet beim wichtigen Heimspiel gegen Astana im Stadion stand, gibt es heute einen kleinen Einblick in einen Verein, dessen Fanszene mich ziemlich überrascht hat.

Eigentlich wollte ich nur meinen Länderpunkt machen.

Dass daraus der besten Stadionabend meiner Zentralasienreise werden würde, hätte ich nicht unbedingt erwartet.

Das Zentralstadion von Shymkent am Abend: volle Tribünen, Flutlicht und ein Sonnenuntergang, der dem wichtigen Duell gegen Astana eine passende Kulisse gab.

Für zwei Euro nach Kasachstan

Die ursprüngliche Idee unserer Reise war es, die zentralasiatischen Stan-Länder komplettzumachen. Meine Reisegruppe hatte Kasachstan als einen Teil davon bereits erledigt, und zum Ende unserer gemeinsamen Tour trennten sich unsere Wege, weil ich ohnehin noch länger in der Region bleiben wollte.

An dieser Stelle noch einmal liebe Grüße und ein großes Dankeschön an alle Mitreisenden. Hat wirklich hervorragend funktioniert!

Für mich ging es morgens allein in Taschkent los.

Zunächst mit der wunderschönen Metro der usbekischen Hauptstadt bis an den Stadtrand. Wer noch nie in Taschkent war: Schon die Metrostationen sind schon die Sehenswürdigkeit für sich.

Von dort ging es mit einem Sammeltaxi für weniger als einen Euro Richtung kasachische Grenze.

Überall Gewusel, Händler, Taxifahrer, Leute, die Geld tauschen wollen, SIM-Karten verkaufen oder einen direkt zur nächsten Stadt mitnehmen möchten.

Klingt zunächst anstrengend, ist aber eigentlich ziemlich praktisch. Wo viel Betrieb ist, gibt es meistens auch mehrere Möglichkeiten weiterzukommen. Man muss nur ein bisschen handeln und sollte nicht unbedingt das erste Angebot annehmen.

Besonders interessant fand ich die vielen älteren Menschen, die mit Fahrrädern und teilweise beachtlichen Warenmengen über die Grenze unterwegs waren.

Das sah bei einigen schon nach einem regelmäßigen Geschäft aus.

Auch die Reisepässe mancher Grenzgänger waren beeindruckend voll. Da wurde penibel darauf geachtet, dass der nächste Stempel möglichst wenig Platz verschwendete.

Mein eigener Grenzübertritt verlief dagegen völlig unkompliziert.

Inklusive Fußweg zwischen den Kontrollstellen und etwas Warten dauerte das Ganze vielleicht zwanzig Minuten. Von den ein bis zwei Stunden, die man in manchen Reiseberichten liest, war jedenfalls nichts zu merken.

Auf kasachischer Seite ging der Trubel direkt weiter.

Wechselstuben, Marktstände, Taxifahrer, Händler. Gefühlt konnte man direkt hinter der Grenze alles kaufen, was man in den nächsten drei Tagen brauchen könnte. Und wahrscheinlich noch einiges, das man garantiert nicht braucht.

Nach etwas Verhandeln fand ich schließlich einen Platz in einem Sammeltaxi nach Shymkent. Die Fahrt dauerte knapp eine Stunde und kostete umgerechnet ungefähr zwei Euro.

Für Groundhopper also eine ziemlich angenehme Möglichkeit, aus Taschkent einen Länderpunkt in Kasachstan mitzunehmen.

Die Stadt selbst hat mich zunächst nicht völlig umgehauen.

Unterwegs lag noch ein wirklich schönes Gebäude, vermutlich eine religiöse Anlage, an dem ich im Nachhinein gerne angehalten hätte. Aber mit einem wichtigen Abendspiel im Hinterkopf war die Priorität natürlich klar.

Erst einmal zum Fußball.

Nicht nur die aktive Kurve war gut besucht. Auch die übrigen Tribünen waren beim Duell mit Astana dicht besetzt. Ordabasy kann auf ein beachtliches lokales Fußballinteresse bauen.

Ausverkauft wegen Fußball oder Popstars?

Je näher der Abend rückte, desto ungewöhnlicher wurde die Sache.

Plötzlich strömten aus allen Richtungen Menschen zum Stadion.

Und zwar richtig viele.

Das hatte ich in Kasachstan ehrlich gesagt nicht unbedingt erwartet. Von den internationalen Auftritten kasachischer Vereine kennt man schließlich auch genügend Bilder ziemlich leerer Ränge.

Hier war davon nichts zu sehen.

Das Spiel gegen Astana war bereits Tage vorher ausverkauft. Meine Eintrittskarte hatte ich ungefähr zwei Wochen im Voraus online gekauft, ohne mir besonders viele Gedanken über die Nachfrage zu machen.

Im Nachhinein eine ziemlich gute Entscheidung.

Denn der Verein hatte aus dem Spitzenspiel gleich eine ganze Abendveranstaltung gemacht.

Bereits eine Stunde vor Anpfiff begann ein Konzertprogramm. Mit Anatoliy Tsoy stand ein in mehreren ehemaligen Sowjetrepubliken bekannter Sänger auf der Bühne. In der Halbzeit sollte Nurbolat Abdullin folgen.

Dazu wurden Feuerwerk, Showelemente und offenbar sogar riesige Mengen Plow organisiert.

Man hatte sich ordentlich etwas vorgenommen.

Mein persönliches Problem war nur, dass sich mein Magen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls etwas vorgenommen hatte.

Während draußen der erste Sänger das Publikum einheizte, verbrachte ich einen erheblichen Teil des Konzerts auf der Stadiontoilette.

Zwischen moderner Videowand und eher improvisierter Einlassorganisation: Das Zentralstadion von Shymkent zeigte an diesem Abend durchaus unterschiedliche Seiten.

Motorräder, Sowjetbauten und ein Stadion mit Charakter

Als ich schließlich wieder halbwegs einsatzfähig war, hatte ich ausreichend Zeit, mir das Stadion anzuschauen.

Und das hat mich wirklich abgeholt.

Das Zentralstadion von Shymkent trägt den Namen des berühmten kasachischen Ringers Qajymuqan Munaitpassow. Es stammt aus dem Jahr 1969 und wurde zuletzt umfangreich modernisiert.

Eigentlich ist es ein klassisches Leichtathletikstadion mit einer ovalen Schüssel.

Aber irgendwie passt hier alles zusammen.

Auf der einen Seite steigt die Haupttribüne ziemlich steil nach oben. Eine massive Konstruktion, die trotz ihrer Größe nicht nach einem modernen Baukastenstadion aussieht.

Die gegenüberliegende Tribüne ist deutlich niedriger und gehört den aktiven Fans.

Hinter den Toren ragen ältere sowjetische Wohnhäuser auf, dazu ein großes Gebäude im Stadioninneren und eine riesige Videowand, deren Bildqualität mich fast mehr beeindruckt hat als manches neue Fußballstadion in Europa.

Das Ding sah aus wie ein überdimensionierter UHD-Fernseher.

Und als wäre das alles noch nicht genug, wurde die Mannschaft auch noch von einer Motorradgruppe zum Stadion begleitet.

Die Maschinen standen anschließend auf der Laufbahn, wo man sie sich in Ruhe anschauen konnte.

Falls der Fußball langweilig wird, geht man eben eine Runde Motorräder gucken.

Inzwischen plant Shymkent übrigens bereits das nächste Großprojekt: ein neues Stadion mit bis zu 60.000 Plätzen. Ursprünglich war eine kleinere Arena vorgesehen, inzwischen wurden die Pläne erweitert. Der Bau hat allerdings bereits Verzögerungen erlebt.

Ich hoffe jedenfalls, dass das alte (eigentlich frisch erneuerte) Stadion noch eine Weile erhalten bleibt.

Gerade diese Mischung aus massiver Tribüne, Laufbahn, Wohnhäusern und der besonderen Anordnung der Ränge hat ihren Reiz.

Fußball in Shymkent findet nicht nur im Stadion statt. Während sich die Zuschauer am Eingang durch die Kontrollen drängen, wird in den Wohnvierteln auch auf der Straße gekickt.

Texas Fans – die große Überraschung

Das eigentliche Highlight war für mich allerdings die Gegengerade.

Dort standen die Texas Fans, die aktive Fanszene von Ordabasy Shymkent.

Und was die an diesem Abend ablieferten, hatte ich so in Kasachstan wirklich nicht erwartet.

Die Gruppe verteilte sich über ungefähr zwei Drittel der kompletten Gegengerade. Überall Schwenkfahnen, Bewegung und eine wirklich verrückte Mitmachquote.

Dazu gab es zwei Choreografien.

Eine davon bestand aus glänzendem Material, das im Flutlicht leider so stark reflektierte, dass man das eigentliche Motiv kaum erkennen konnte.

Ob das Material aus Sicherheitsgründen gewählt wurde oder einfach optisch anders geplant war, weiß ich nicht.

Ein bisschen schade war es trotzdem.

Der restliche Auftritt entschädigte dafür allerdings locker.

Vor allem die Lautstärke und die Konsequenz des Supports waren bemerkenswert. Nicht nur ein kleiner aktiver Kern, um den herum der Rest zuschaut, sondern eine wirklich große Menge, die regelmäßig mitging.

Nachdem ich ein paar Bilder in meinen WhatsApp-Status gestellt hatte, meldeten sich sogar andere Groundhopper, die ihren kasachischen Länderpunkt bereits erledigt hatten.

So einen Auftritt hatten sie dort offenbar auch noch nicht erlebt.

Das bestätigte zumindest meinen Eindruck, dass ich an diesem Abend ziemlich viel Glück gehabt hatte.

Der Name Texas Fans ist dabei ebenfalls interessant.

In Bursa gibt es mit Teksas eine der bekanntesten türkischen Fangruppen. Name und einzelne Stilelemente lassen durchaus an die türkische Szene denken. Mir ist auch ein Statment aufgefallen in der Recherche, in der sie sich auf Bursaspor sogar beziehen.

Fest steht jedenfalls, dass die Shymkenter Bewegung keine kleine Gruppe ist, die nur bei Spitzenspielen auftaucht.

Auch auswärts ist man aktiv.

Und das ist in Kasachstan aufgrund der Entfernungen noch einmal eine ganz andere Geschichte.

Für das Auswärtsspiel gegen Kaisar im Oktober wurden beispielsweise zehn Fanbusse angekündigt. Zum Spiel nach Aktobe sollten nach Angaben der Gruppe etwa 300 Anhänger in acht Bussen reisen.

Solche Fahrten bedeuten in Kasachstan teilweise mehrere Hundert oder sogar weit über tausend Kilometer.

Interessant ist außerdem, dass der Verein seine Anhänger offenbar gezielt unterstützt. In einem Interview mit Forbes Kasachstan erklärte das neue Management, dass man mit den Fangruppen zusammenarbeite und auch Auswärtsfahrten unterstütze.

Das erklärt zumindest einen Teil der organisatorischen Möglichkeiten.

Aber Busse kann man bezahlen, gerade für die Jugendlichen, die ja schon bei uns in DE wenig Kohle haben. Eine ganze Tribüne zum Mitmachen bringen muss man trotzdem erst einmal schaffen.

Texas Ultras Shymkent

Ein Verein im Aufschwung

Auch sportlich ist die aktuelle Entwicklung bemerkenswert.

Ordabasy wurde erst 2023 erstmals kasachischer Meister. Nach zwei Titeln für Kairat Almaty holte der Verein die Meisterschaft 2026 zurück nach Shymkent.

Ein wichtiger Faktor war der wirtschaftliche Umbau.

2026 wechselte der zuvor stark öffentlich finanzierte Verein in private Führung. Mit neuem Management, einer offensiveren Vermarktung, zusätzlichen Veranstaltungen rund um die Heimspiele und sportlichen Investitionen soll Ordabasy langfristig zu einem der führenden Vereine des Landes werden.

Dass die neue Führung bei ihren Veranstaltungen teilweise an die NBA oder den Super Bowl denkt, klingt zunächst nach einer ziemlich ambitionierten Ansage.

Wer aber einmal einen solchen Fußballabend erlebt hat, versteht zumindest, welche Richtung man einschlagen möchte.

Dazu kommt der sportliche Erfolg unter Trainer Andrei Martin.

Mit dem norwegischen Stürmer Bjørn Johnsen verfügt Ordabasy beispielsweise über einen der produktivsten Angreifer der Liga. Gleichzeitig hat sich die Mannschaft gerade in der entscheidenden Phase der Saison kaum noch Ausrutscher erlaubt.

Das Spiel gegen Astana war dabei besonders wichtig.

Lange blieb es beim 0:0, ehe Amir in der 78. Minute den entscheidenden Treffer erzielte.

1:0 gegen einen direkten Konkurrenten.

16.882 Zuschauer auf den Rängen.

Und eine Gegengerade, die ohnehin schon den ganzen Abend ordentlich Alarm gemacht hatte.

Ein paar Wochen später steht fest, dass dieser Sieg ein wichtiger Schritt Richtung Meisterschaft war.

Am vergangenen Wochenende konnte Ordabasy die Sache dann endgültig klarmachen. Obwohl man selbst gegen Zhenis nur 1:1 gespielt hatte. Weil Kairat einen Tag später ebenfalls Punkte liegen ließ, war die Entscheidung bereits vor dem letzten Spieltag gefallen.

Für die Fans in Shymkent ist es die zweite Meisterschaft der Vereinsgeschichte.

Und für uns Groundhopper könnte es im kommenden Sommer wieder interessant werden.

Denn damit darf Ordabasy erneut in der Champions-League-Qualifikation antreten.

Nach den Ligaphasen-Auftritten von Astana und Kairat weiß man in Kasachstan schließlich, dass auch für Vereine aus dieser Liga international etwas möglich ist.

Bis dahin bleibt die Frage, ob die Texas Fans ihren Heimauftritt auch bei europäischen Spielen in dieser Größenordnung wiederholen können.

Und auch aus Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan gibt es von dieser Reise noch einiges zu erzählen.

Dort haben wir teilweise eine ganze Woche verbracht und deutlich mehr gesehen als nur Fußball.

Für heute bleiben aber erst einmal Glückwünsche nach Shymkent.

Kasachstans neuer Meister hat nicht nur sportlich, sondern auch auf den Rängen einiges zu bieten.