Nijmegen spielt nach 18 Jahren wieder im Europapokal.
Allein dieser Satz hätte vor ein paar Jahren noch ziemlich absurd geklungen. Vor gar nicht so langer Zeit hing NEC noch in der zweiten Liga fest, irgendwo zwischen grauen KKD-Abenden, Jong-Teams und Spielen, die außerhalb Gelderlands kaum jemanden interessiert haben dürften.
Und jetzt? Champions-League-Qualifikation gegen Olympiakos.
18 Jahre später
Die vergangene Saison war für NEC historisch. Platz drei in der Eredivisie, Europa zurück in Nijmegen und plötzlich sogar die Chance auf die ganz große Bühne.
Schon beim Pokalfinale in Rotterdam hatte man gemerkt, wie viel in dieser Stadt gerade möglich ist. Spätestens aber, als im Sommer Tausende Menschen in der Innenstadt gemeinsam die Auslosung der dritten Qualifikationsrunde verfolgten, war klar: Das hier ist kein normales ‚schön, mal wieder international‘-Ding.
Nijmegen war heiß.
Mit ‚Oh NEC, wij gaan Europa in‘ hat die Szene dazu auch noch einen Ohrwurm geschaffen, den man nach zwei Minuten hasst und nach fünf Minuten selbst mitsingt.
Für Groundhopper ist NEC aktuell sowieso einer der spannendsten Vereine in den Niederlanden. Nicht nur wegen der Nähe zu Deutschland, sondern weil hier unter den größeren Clubs eine der eigenständigeren Fanszenen unterwegs ist. Kreativ, auffällig und nicht ganz so glattgebügelt wie vieles anderswo.
Nur mit Tickets wird es schwierig.
De Goffert ist für Europa hübsch gemacht, bleibt aber klein. Die Nachfrage ist entsprechend groß, und ein Ausweichen in den GelreDome nach Arnhem war wegen der Rivalität ohnehin keine besonders realistische Vorstellung.
Für ein Europa-League-Spiel kommt man mit Mühe und Kontakten vielleicht noch rein. Sollte NEC irgendwann tatsächlich Champions League im eigenen Stadion spielen, dürfte es für Hopper ziemlich eng werden.
Umso besser, dass ich bei diesem Alles-oder-nichts-Spiel schon dabei sein konnte.
Das Hinspiel in Athen endete 0:0. Rund 1.300 NEC-Fans hatten sich trotzdem auf den Weg nach Griechenland gemacht – mitten in der Urlaubszeit. Für das Rückspiel war damit alles offen.
Mit etwas Glück bekam ich über Zweitmarkt und Fancard noch eine Karte. 40 Euro für einen Sitzplatz hinter dem Tor. Für die örtlichen Verhältnisse fast ein Schnäppchen und für Champions-League-Qualifikation in einem kleinen Stadion noch absolut im Rahmen. In einer Ligaphase würde man wahrscheinlich schon anfangen, innere Organe zu bewerten.
Der Schwan hebt ab
Zum Einlaufen zeigte die Heimseite dann eine Choreo, die den Abend ziemlich gut zusammenfasste.
Unter dem Motto ‚Das hässliche Entlein breitet die Flügel aus‘ wurde zuerst die eher unscheinbare NEC-Vergangenheit gezeigt: lange Jahre ohne große Rolle in der Eredivisie, dazu der Absturz in die zweite Liga.
Im zweiten Teil stieg vor dem Champions-League-Logo ein weißer Schwan auf, inklusive Flugticket Richtung Königsklasse.
Thema getroffen? Komplett.
Sportlich startete NEC furios. Mit Dušan Tadić war sofort Qualität auf dem Platz, und in den ersten Minuten wirkte es fast nur wie eine Frage der Zeit, bis Nijmegen trifft.
Danach flachte es etwas ab. Genau daraus entstand dieser Spielverlauf, den neutrale Zuschauer lieben und Heimfans ungefähr 40 Jahre altern lässt.
Direkt nach der Pause traf Ayoub El Kaabi zum 0:1 für Olympiakos.
Der Gästeblock bekam dadurch seine beste Phase. Südosteuropäischer Supportstil, viel Rhythmus, andere Melodien und ein anderes Gefühl als das, was man in den Niederlanden sonst sieht. Ganz meine Erwartungen gesprengt hat es nicht, aber es war eine willkommene Abwechslung.
Wie die organisierte Szene von Olympiakos aktuell genau einzuordnen ist, lässt sich von außen kaum seriös beantworten. Nach dem Tod des Polizisten Giorgos Lyngeridis infolge von Ausschreitungen bei einem Volleyballspiel Ende 2023 folgten in Griechenland umfangreiche Ermittlungen und zahlreiche Festnahmen; griechische Behörden ordneten mehrere Beschuldigte der organisierten Gate-7-Szene zu.
Wer an diesem Abend in Nijmegen tatsächlich im Block stand – Kernszene, Diaspora oder gemischtes Publikum – kann ich nicht belastbar beurteilen.
NEC hatte auf der anderen Seite starke Phasen, aber auch viele Momente, in denen eigentlich nur der kleine Block 08 wirklich durchzog.
Genau das macht diese Szene für mich interessant. Es ist keine riesige Masse, die alles überrollt. Eher eine kleinere Gruppe, die trotzdem seit Jahren auffallend viel auf die Beine stellt: Choreos zum 125-jährigen Vereinsjubiläum, starke Auftritte im Pokal und nun auch international.
Nijmegen träumt weiter
In der 70. Minute kochte De Goffert dann richtig. Bryan Linssen machte das 1:1. Plötzlich war alles wieder offen.
In der 80. Minute sah Olympiakos Rot, und auf einmal lag dieser typische Geruch in der Luft: Hier kann heute wirklich etwas passieren.
Danach wurde es eine Mischung aus starkem Support und nervösem Schweigen. Nicht, weil keiner Bock hatte, sondern weil alle spürten, wie groß dieser Moment war. Das kennt man sonst eher aus Saisonfinals, Relegation oder Pokalspielen, wenn jede Flanke kurz das Herz beleidigt.
In der Verlängerung traf Emre Mor schließlich zum 2:1.
Entladung, wie man in den Niederlanden sagen würde.
Und diesmal passt das Wort wirklich.
Nijmegen stand damit in den Champions-League-Playoffs gegen Bodø/Glimt. Rein reisetechnisch wäre Union Saint-Gilloise natürlich angenehmer gewesen. Brüssel statt Nordnorwegen hätte sich für den normalen Hopper vermutlich deutlich freundlicher gelesen.
Aber gut, Champions League sucht man sich nicht aus.
Für NEC ist es ohnehin schon jetzt eine Reise, die vor ein paar Jahren kaum jemand ernsthaft erwartet hätte. Zweite Liga, kleine Fanszene, altes Stadion, dann Pokalfinale, Platz drei und Olympiakos aus der Champions-League-Qualifikation geworfen.
Das ist ziemlich viel für einen Verein, der in den Niederlanden lange eher unter dem Radar lief.
Eine ausführlichere Vorstellung der NEC-Szene folgt im Text zum Pokalfinale 2026. Dort hat Nijmegen meiner Meinung nach trotz Niederlage noch einmal deutlich gezeigt, welches Potenzial in dieser Szene steckt.
Für diesen Abend reicht erst einmal: De Goffert war voll, Nijmegen war laut, Olympiakos war raus.
Und NEC träumte weiter.



