Wenn auf einem Sportplatz irgendwo in Twente plötzlich harter Techno läuft, eine große Lichtshow veranstaltet wird und vor einem Dorfverein gefühlt die halbe niederländische Polizei steht, dann weiß man:

Es ist wieder KNVB-Pokal!

Und genau deshalb halte ich diesen Wettbewerb inzwischen für einen der geilsten überhaupt.

Während man anderswo bei der Auslosung zunächst über Stadionauflagen, Sicherheitskonzepte und mögliche Verlegungen diskutiert, machen die Holländer aus ihren Amateurplätzen regelmäßig kleine Pokalarenen.

Zusatztribünen, Fernsehübertragungen, Lichtshows, Choreografien, zusätzliche Bierstände. Gefühlt versucht jeder Verein, den Pokalabend des Nachbardorfes noch ein bisschen zu übertreffen.

Im Sommer haben wir bereits über den brandenburgischen Pokalwahnsinn beim VfB Krieschow geschrieben, wo man den eigenen Sportplatz mit enormem ehrenamtlichem Aufwand für den DFB-Pokal umbaute.

In den Niederlanden sind solche Geschichten gerade in den ersten Pokalrunden fast schon Routine.

Und meistens ist es auch noch ausverkauft.

arter Techno, Lichtshow und reichlich Luftschlangen: Excelsior’31 macht aus seinem Sportpark eine kleine Pokalarena.

Ein Dorfverein mit fast 2.000 Mitgliedern

Diesmal ging es nach Rijssen, einer Kleinstadt in Twente im Osten der Niederlande.

Excelsior’31 empfing mit ADO Den Haag einen Erstligisten. Vierte gegen erste Liga, auf dem Papier also eine ziemlich klare Angelegenheit.

Wobei „Dorfverein“ bei Excelsior eigentlich schon fast eine Beleidigung ist.

Der Klub wurde 1931 gegründet, zählt inzwischen über 1.900 Mitglieder und stellt rund 85 Mannschaften. Dazu kommen Hallenfußball, Frauen- und Mädchenfußball und verschiedene Angebote für andere Altersgruppen.

Der Verein ist einer der großen Namen im niederländischen Amateurfußball und spielt auf dem Sportpark De Koerbelt, der seit Jahrzehnten sein Zuhause ist.

Man merkt bei solchen Vereinen immer wieder, wie stark das Vereinsleben in kleineren niederländischen Städten funktioniert. Da kennt gefühlt jeder irgendwen, der selbst spielt, früher gespielt hat oder am Wochenende hinter der Theke steht.

Und wenn dann ein Erstligist zum Pokal vorbeikommt, wird eben alles mobilisiert.

Die gut 3.100 Karten waren bereits vor dem Spiel ausverkauft. Zusätzliche Tickets gingen innerhalb eines Tages weg, ESPN übertrug live und der Verein hatte den Sportpark entsprechend vorbereitet.

Ausgerechnet ADO Den Haag war dabei kein unbekannter Gast.

Schon 2010 und 2022 trafen sich beide Vereine im Pokal. Beide Male gewann ADO, zuletzt allerdings nur knapp mit 3:2, nachdem Excelsior zwischenzeitlich zweimal geführt hatte.

Diesmal sollte also endlich die Revanche her.

Selbst gemalte Choreografie, Transparente und ein gut gefüllter Hang vor dem Vereinsheim. Auch der Nachwuchs hatte sich auf ADO vorbereitet.

Warum ich diesen Pokal so liebe

Seit einigen Jahren versuche ich, in der ersten Runde des niederländischen Pokals immer drei oder vier Spiele mitzunehmen.

Und erstaunlicherweise lande ich dabei ziemlich regelmäßig bei einer Überraschung.

Das liegt auch daran, dass die Leistungsunterschiede zwischen Profis und den besseren Amateurvereinen hier teilweise kleiner sind, als man erwarten würde.

Klubs aus Spakenburg und Katwijk können einzelnen Spielern durchaus ordentliche Gehälter zahlen, teilweise auf dem Niveau kleinerer Zweitligavereine. Dazu kommen Mannschaften, die seit Jahren zusammenspielen, eingespielte Vereinsstrukturen und Sportplätze, auf denen die Profis nicht unbedingt ihren angenehmsten Abend verbringen.

Natürlich bleibt es eine Sensation, wenn ein Amateurklub einen Erstligisten ausschaltet.

Aber völlig aus dem Nichts kommen solche Ergebnisse nicht.

Spakenburg erreichte 2023 das Halbfinale, Quick Boys schaffte es 2025 ebenfalls unter die letzten vier. Und beide zeigten dabei, dass der KNVB-Pokal nicht nur die übliche Bühne für Ajax, PSV und Feyenoord ist.

Dass selbst Amateurvereine gegeneinander gelost werden können, macht den Wettbewerb für Groundhopper zusätzlich interessant. Nicht jede Partie muss gegen einen großen Profiklub stattfinden, um einen reizvollen Abend auf einem kleinen Sportpark zu ergeben.

Und dann gibt es natürlich noch meinen ganz persönlichen Beitrag zur niederländischen Pokalstatistik.

Lichtshow zwischen Bierterrasse und Kunstrasen

In Rijssen hatte man sich für den großen Abend einiges vorgenommen.

Schon vor dem Anpfiff lief harter Techno über die Anlage. Dann wurde das Flutlicht ausgeschaltet und eine große Lichtshow gestartet. Dazu hatte die heimische Anhängerschaft eine Choreografie vorbereitet.

Das sah insgesamt schon ziemlich ordentlich aus.

Nur eine Kleinigkeit irritierte mich erneut.

Wie schon bei meinem Besuch beim Nordost-Brabant-Derby wurde die Choreografie ausgerechnet während der Lichtshow präsentiert. Sobald die Lampen wieder angingen, wurde die ganze Geschichte schon eingerollt.

Ich persönlich würde eine Choreo dann doch gerne einmal bei Licht sehen, bevor sie wieder abgehängt wird.

Vielleicht bin ich da zu deutsch.

Ansonsten gefiel mir der Sportpark richtig gut.

Das Vereinsheim liegt etwas erhöht über dem Platz, davor eine große Terrasse, die an diesem Abend praktisch zum zweiten Fanblock wurde. Dazu die für Twente typische Mischung aus Vereinsfahnen, kleinen Zaunakzenten und Aktionen verschiedener Jugendmannschaften.

Man hatte deutlich den Eindruck, dass nicht nur eine kleine aktive Gruppe, sondern der halbe Verein an diesem Abend mitmachen wollte.

Und das Wetter tat sein Übriges.

Es regnete, überall standen Menschen durchgenässt, unter der Terrasse wurde ordentlich Bier getrunken und spätestens nach dem 1:0 war die Stimmung auf einem Niveau, das man von einem normalen Dritt- oder Viertligaspiel nun wirklich nicht erwarten würde.

Kein riesiger Sicherheitsabstand, keine weit entfernte Tribüne. Man stand praktisch neben dem Kunstrasen, konnte den Spielern beim Einwurf direkt etwas zurufen und bekam jede Aktion aus nächster Nähe mit.

Wenn Excelsior auch nur halbwegs gefährlich vor das gegnerische Tor kam, wurde es entsprechend laut.

Rund 100 mitgereiste ADO-Anhänger mit Fahnen und Bannern. Akustisch blieb der Gästeblock für mich ziemlich enttäuschend.

Und was macht eigentlich ADO?

Vom Gästeblock hatte ich mir allerdings etwas mehr versprochen.

Knapp 100 Leute waren aus Den Haag mitgekommen, zumindest nach meiner groben Einschätzung. Von der aktiven Szene war nichts zu erkennen und auch akustisch kam nichts rüber.

Dafür ließ man sich zwischendurch erstaunlich zuverlässig von irgendwelchen Kindern am Spielfeldrand provozieren.

Das war schon ein bisschen skurril.

ADO Den Haag hatte schließlich einmal einen Ruf, der weit über die Niederlande hinausging. Eine bekannte Fanszene, die viel diskutierte Freundschaft mit Legia Warschau und in früheren Jahrzehnten auch ein entsprechendes Auftreten.

Noch heute werde ich gelegentlich von britischen Groundhoppern angeschrieben, die unbedingt einmal zu ADO wollen und wissen möchten, wie entspannt ein Besuch dort inzwischen ist.

Wenn man dann in Rijssen steht und zuschaut, wie sich einige Gästefans mit Zehnjährigen anlegen, denkt man schon kurz darüber nach, was von diesem alten Image eigentlich noch übrig geblieben ist.

Natürlich ist ein Pokalspiel an einem Dienstagabend mit knapp 100 Gästen kein vollständiger Maßstab für eine ganze Fanszene.

Aber dieser Auftritt war für mich ziemlich enttäuschend.

Und auf dem Platz machte ADO zunächst ebenfalls nicht besonders viel Werbung für sich.

Volle Tribüne, Zuschauer unmittelbar am Spielfeldrand und ein Viertligist, der dem Erstligisten bis ins Elfmeterschießen Paroli bot.

Ein Sportlehrer bringt ADO zur Verzweiflung

Die Gäste hatten zwar erwartungsgemäß mehr Ballbesitz und das Spiel lief über weite Strecken in Richtung des Excelsior-Tores. Wirklich zwingend war das aber längst nicht immer.

Zumal Trainer Robin Peter seine Mannschaft gegenüber dem letzten Ligaspiel auf gleich zehn Positionen verändert hatte.

Excelsior hielt dagegen und bekam kurz vor der Pause sogar die Belohnung.

Nach einer Ecke köpfte Mika Schrijver die Gastgeber mit 1:0 in Führung.

Der Sportpark explodierte.

Nach dem Seitenwechsel wurde ADO stärker und kam in der 57. Minute durch Nigel Thomas zum Ausgleich. Kurz darauf traf Excelsior aber selbst den Pfosten, während auch die Gäste mehrfach am Aluminium oder am eigenen Abschluss scheiterten.

Es blieb beim 1:1.

Auch nach 120 Minuten.

Und während die Spieler langsam auf dem Zahnfleisch gingen, wusste man auf den Rängen längst, dass dieser ohnehin schon starke Pokalabend nun noch eine Zugabe bekommen würde.

Elfmeterschießen.

Excelsior begann mit einem Fehlschuss. Doch dann wurde Kevin Reimink zum Hauptdarsteller.

Der Torwart, der außerhalb des Fußballs als Sportlehrer arbeitet, hielt gleich zwei Haagse Elfmeter.

Danach entwickelte sich eine dieser Serien, bei denen man irgendwann gar nicht mehr weiß, wer eigentlich noch schießen muss.

Immer wieder trafen beide Mannschaften.

Bis Excelsior mit 6:5 führte und ADO-Spieler Sekou Sylla antreten musste.

Sein Versuch ging neben das Tor.

Das war's.

Excelsior’31 hatte den Erstligisten ausgeschaltet.

Wenige Sekunden später standen plötzlich gefühlt alle Menschen, die eben noch unter der Vereinsheimterrasse Bier getrunken hatten, auf dem Spielfeld.

Und genau deshalb liebe ich diesen Pokal.

Am Freitag wird bereits die zweite Runde ausgelost. Dann kommen auch Ajax, PSV, Feyenoord und die anderen bislang freigestellten Europapokalteilnehmer dazu. Gespielt wird Anfang Dezember.

Ich bin jetzt schon gespannt, welche kleinen Vereine als Nächstes ihre Sportplätze in Fernseharenen verwandeln dürfen.